Bibliography
November 30, 2004
Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster
Philosophischen Fakultät
Andreas F. Beitin
Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades
Der Schrei.
Kunst- und Kulturgeschichte eines Schlüsselmotivs in der deutschen Malerei und Grafik des 20.Jahrhunderts
Der Schrei im Selbstbildnis als Gesellschaftskritik - Wohl kein autoporträtatives Schaffen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart mit einer expressiven Gesellschaftskritik, mit einer Anklage verbunden, wie das von Gottfried Helnwein. Der Künstler macht sich um einer schonungslosen Aussage willen zum schreienden, zum stellvertretend leidenden Objekt seiner Bilder: „Ich will mit meinen Bildern und Aktionen die Menschen aus ihrer Eingefrorenheit lösen, wenn auch nur eine Sekunde lang, will sie verunsichern und zu spontanen Reaktionen hinreißen. Verunsichern, aber nicht destruktiv. Die logische Denkfähigkeit soll zugunsten totaler Selbstöffnung kurz trocken gelegt werden“, stellte der österreichische Maler, Grafiker und Aktionskünstler Gottfried Helnwein zur Intention seines Werkes fest.
Kunstgeschichte
Der Schrei. Kunst- und Kulturgeschichte eines Schlüsselmotivs in der deutschen Malerei und Grafik des 20. Jahrhunderts
Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades
der Philosophischen Fakultät
der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster (Westf.)
vorgelegt von
Andreas F. Beitin
aus Uetersen
Black Mirror V
photograph, 1987
I.4 Der Schrei im Selbstbildnis als Gesellschaftskritik -
Wohl kein autoporträtatives Schaffen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart mit einer expressiven Gesellschaftskritik, mit einer Anklage verbunden, wie das von Gottfried Helnwein. Der Künstler macht sich um einer schonungslosen Aussage willen zum schreienden, zum stellvertretend leidenden Objekt seiner Bilder: „Ich will mit meinen Bildern und Aktionen die Menschen aus ihrer Eingefrorenheit lösen, wenn auch nur eine Sekunde lang, will sie verunsichern und zu spontanen Reaktionen hinreißen. Verunsichern, aber nicht destruktiv. Die logische Denkfähigkeit soll zugunsten totaler Selbstöffnung kurz trocken gelegt werden“, stellte der österreichische Maler, Grafiker und Aktionskünstler Gottfried Helnwein zur Intention seines Werkes fest.
Helnweins Gemälde und Zeichnungen, die in der Tradition von Odilon Redon und Alfred Kubin stehen, zeigen mit hoher Suggestionskraft Szenarien von verletzten Menschen. Zunächst nur Kinder, dann auch Erwachsene in teils grotesken Posen, teils laut schreiend, teils in introvertierter Stille. Aber selbst wenn in ihnen nicht bildlich dargestellt geschrieen wird, so ist in den meisten Bildern ein stummer Aufschrei impliziert, der sich auf das ganze Werk überträgt. Diese Bilder der physischen und psychischen Verletzungen lassen den Betrachter zwischen Bewunderung für ihre detailversessene Machart und Erschrecken über den Bildinhalt schwanken, nie lassen sie den Betrachter jedoch indifferent. Die zynisch-gesellschaftskritischen Arbeiten zeigen meist auf schockierende Weise die Rückseite der Modernisierungsmedaille, die in der Öffentlichkeit gerne ausgeblendet wird.
So fragt Kurt Eitelbach zu Recht: „Wie kann angesichts dessen, was unsere Gegenwart mit ihrer gnadenlosen Mechanisierung des Arbeitslebens und dem unerbittlichen Erfolgszwang, mit der Mediendiktatur und der Reizüberflutung in Gehirn und Seele anrichtet, wie kann man sich da über Helnweins ‚Visagen’, denen die Lust zu quälen, die Qual aber auch des eigenen Herzens wie mit einem Stempel aufgeprägt ist, wie kann man sich noch darüber wundern, geschweige denn entsetzen – als ob die Sanatorien und Heilanstalten nicht überfüllt wären von den Opfern unserer Zeit, die es so herrlich weit gebracht hat. Helnwein führt uns das vielfache Ausgeliefertsein des Menschen vor Augen: das Ausgeliefertsein der Technik; das Ausgeliefertsein den Medien, den Spritzen, dem Krankenhausterror. Aber auch die Sucht nach Betäubung in Drogen und Injektionen. Er zeigt uns die Flucht in eine zweite Existenz. Eine Existenz des Rausches.“212
Neben den vielen Bildern von verletzten und misshandelten Kindern ist das große Thema in Helnweins Werk ab Anfang der achtziger Jahre die Selbstdarstellung. Peter Gorsen verweist in Bezug auf die Selbstporträts Helnweins auf die Bedeutung des Mundes als zentrales Kommunikations- und Ausdrucksmittel: „Auch in den naturalistisch gemalten Köpfen und Selbstbildnissen, die teilweise im Maßstab 1:1 und noch größer ausgeführt sind, liegt der Akzent auf dem Ausdruck des Mundes und der Lippen, während der Kopf häufig bandagiert und bis zur Unkenntlichkeit verbunden ist. Der singende, schreiende, beißende oder schmerzverzerrt aufgerissene, durch chirurgische Metallklammern aufgeklaffte, bis in den Rachen hinein sichtbare Mund erscheint als gähnende, manchmal zahnbewehrte Öffnung. Es besteht kein Zweifel darüber, daß dieses ebenso lust- wie angstbesetzte, einverleibende’ Organ, durch das die Grenzen des Körpers freiwillig oder gewaltsam überschritten werden können, im Werk Helnweins eine große Bedeutung hat.“213
212
Kurt Eitelbach: [Brief an Gottfried Helnwein]. In: Kat. Koblenz, Wien, Düren 1986/87: nicht paginiert.
213
Peter Gorsen: Gottfried Helnwein, der Künstler als Aggressor und vermaledeiter Moralist. In: Helnwein. Arbeiten von 1970-1985 (Ausstellungskatalog). Wien 1985: 15.
Self-Portraits
1981
Self-Portrait
polaroid, 1987, 70 x 52 cm / 27 x 20''
Andreas F. Beitin
Philosophischen Fakultät
der Westfälischen Wilhelms-Universität
zu Münster (Westf.)
Tag der mündlichen Prüfung: 14. Oktober 2004
Dekan: Prof. Dr. Tomas Tomasek
Referent: Prof. Dr. Jürg Meyer zur Capellen
Korreferent: Prof. Dr. Gabriele Oberreuter
Georg-Grosser-Str. 20
D-50321 Brühl
Dance of the Ape III
photograph, 1987




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