Bibliography
January 1, 2003
Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich
Departement - Medien und Kunst, Neue Medien
Marco Zimmerli
Diplomarbeit
Portraitkunst-von-Gottfried-Helnwein
Portraitkunst von Gottfried Helnwein
Seine Kunst arbeitet meistens mit dem Element des Schocks. Er zeigte offen den Zynismus einer Gesellschaft, die nicht mehr die Dinge so sieht, wie sie sind, sondern dessen Sichtweise durch bereits bekannte 'Bilder über Dinge' geprägt ist. "Die Funktion des Künstlers besteht darin, die Erfahrung eines überraschten Erkennens wachzurufen: dem Betrachter zeigen, was er weiß, von dem er aber nicht weiß, dass er es weiß.- Helnwein ist ein Meister dieses überraschten Erkennens." (William Burroughs)
cocept - Konzept/Idee
realisation - Umsetzung
exhibition - Betrieb/Ausstellung
Einleitung
Diese Website ist Dokumentation des Diplomprojekt Register Later [Diplom 2006] an der HGKZ.
Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich
Medien und Kunst
Neue Medien
Marco Zimmerli
Dr. Nils Röller und Prof. Yvonne Wilhelm
Einleitung
Theoretische Grundlage
Idee für das Diplom
Skizze der Umsetzung
Relevanter Kontext
Quellen
Planung
Relevanter Kontext
Folgende Bereiche werden hier näher beschreiben:
Künstlerpositionen
Fotoautomaten
Portraits in Auschwitz
Künstlerpositionen
Fotoautomaten: Andy Warhol Portraits
Andy Warhols erste belegte Beschäftigung mit Selbstportraits kann - abgesehen von einigen frühen Zeichnungen aus den vierziger und fünfziger Jahren - auf Ende 1963/Anfang 1964 datiert werden. Diese Bildnisse der frühen sechziger Jahre sind kein Versuch der Selbstanalyse oder Selbstdarstellung. Sie wurden nicht vor dem Spiegel oder nach Zeichnungen vor dem Spiegel gemalt. Es gab nicht einmal eine fotografische Vorlage mit bewusst gewählter Kameraeinstellung, Beleuchtung und Kulisse für sie. Die Bilder basieren vielmehr auf Schnappschüssen aus dem Fotoautomaten,
Warhol entdeckte den Fotoautomaten als Portraitwerkstatt für sich. Die Idee, Rohmaterial für Portraits aus dem Automaten zu holen, war von Warhol wohl überlegt. Er wollte die Arbeit der Maschine überlassen, da sie zu standardisierten Ergebnissen führte und sicherstellte, dass Kopf und Schultern den richtigen Abstand von der Kamera hatten und mehr oder weniger zentriert waren. Diese Bildvorlagen waren gewissermaßen gefundene Objekte, Gebrauchsgegenstände oder Produkte von Massenmedien - Readymades.
Buch: Andy Warhol, Photobooth Pictures , Robert Miller Gallery, 1989
"Schrei" von Edvard Munch
Die Zeit um Munch war geprägt durch die Fülle von Erfindungen im technisch-industriellen Bereich. Auch durch einschneidende Erkenntnisse in den Geistes- und Naturwissenschaften kam es zu einem veränderten Bild des Menschen.
In Munchs "Der Schrei" wird ein "zerrissenes Lebensgefühl" besonders deutlich. Das Malen erleichterte ihm die Bewältigung seiner Ängste. Aspekte seiner Bilder waren die unerfüllbare Liebe, der Tod, die Melancholie, die Kämpfe der Geschlechter, der Schmerz, die Lebensangst und die Einsamkeit.
"Der Schrei" ist ein eindrücklichste Beispiel für Munchs "Seelenmalerei". In seinem Tagebuch (Eintrag vom 22.1.1892) ist dem ersten Gedicht "Schrei" zu entnehmen, und dass der ursprüngliche Titel "Verzweiflung" lauten sollte.
Munch malte im Zeitraum von 1892 bis 1895 vier Fassungen von Bildern mit dem Titel Der Schrei.
Entstellte Portraits in der Malerei: Francis Bacon
Bacons Portraits entstehen nicht im direkten Kontakt mit Modell. Vielmehr arbeitet der Künstler mit photografischen Vorlagen, nicht zuletzt aus Zeitungen, sowie von Erinnerungsbildern. Seine Kunst beschäftigt sich hauptsächlich mit der menschlichen Existenz, deren Abgründe und der Verletzlichkeit des Menschen. Zusammengefasst im Portrait.
"Mit seinen verzerrten Leibern und Gesichtern, den eigenwilligen Farben und Farbschlieren setzte sich Bacon vom gängigen Kanon der Portraitmalerei ab. Seine Werke wirkten sperrig, nie gefällig. [.]
In seinen besten Portraits sind die Dargestellten nicht nur verformt, sondern wirken gequält, zerrissen, vereinsamt, scheinen sich in auswegslosen Situationen oder Stimmungen zu befinden und sind manchmal wie Papst Innozenz X in Käfigen abgebildet. In vielen Bildnissen scheint der Tod allgegenwärtig zu sein. Dabei reduzierte Bacon Formen und Farben. Das Resultat sind Werke von unglaublicher Sinnlichkeit, Leidenschaft, Kraft, Brutalität, Intensität und Präsenz."
(Quelle: Hamburger Kunsthalle, http://www.hamburger-kunsthalle.de >Ausstellungen > Bacon )
Portraitkunst von Gottfried Helnwein
Seine Kunst arbeitet meistens mit dem Element des Schocks. Er zeigte offen den Zynismus einer Gesellschaft, die nicht mehr die Dinge so sieht, wie sie sind, sondern dessen Sichtweise durch bereits bekannte 'Bilder über Dinge' geprägt ist.
"Die Funktion des Künstlers besteht darin, die Erfahrung eines überraschten Erkennens wachzurufen: dem Betrachter zeigen, was er weiß, von dem er aber nicht weiß, dass er es weiß.- Helnwein ist ein Meister dieses überraschten Erkennens."
(William S. Burroughs über Helnwein, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Helnwein )
It's only Rock 'n' Roll II
mixed media (oil and acrylic on canvas), 1993, 210 x 310 cm / 82 x 122''
Arbeiten zum Thema des Holocaust: Christian Boltanski
Der französische Künstler beschäftigte sich in seiner Arbeit schon mehrmals mit dem Thema der Judenverfolgung und dem Holocaust. Unter anderem auch im öffentlichen Raum; Les Regards. Skulptur für Bremen. (http://www.boltanski-bremen.de).
Christian Boltanski zeigt seit Jahren eindrücklich, wie Kunst sich dieser schrecklichen Geschehnisse der Geschichte annimmt, sich mit ihr auseinandersetzt und sie uns immer wieder neu in Erinnerung ruft. Diese Leistung empfinde ich als besonders wichtig.
Arbeiten zum Thema Immigration: Santiago Sierra
Seine Projekte befassen sich oft mit dem Thema der Immigration. Er vermag Themen wie Rassismus provokativ in Szene zu setzen. An der 49. Biennale von Venedig 2001, bezahlte Sierra 200 nicht-europäische Männer (Verkäufer gefälschter Markentaschen, Tätowierer oder andere Händler in der Nähe des Markusplatzes) dafür, dass sie sich die Haare blond färben liessen.
Jüngst hat Santiago Sierra im Rahmen des Projektes 245 Kubikmeter Abgase von Autos in eine Synagoge in Köln leiten lassen und machte sie auf diese Weise zu einer Gaskammer. Besucher konnten den Bereich mit einer Atemschutzmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmanns einzeln begehen.
Die Ausstellung wurde mittlerweile auf Druck des Zentralrats der Juden von der Stadt Köln geschlossen.
Santiago Sierras Arbeiten sind nicht nur äusserst provokativ, sondern immer auch sehr direkt. Diese Direktheit stösst oft auf Unverständnis oder gar Empörung. Trotzdem oder gerade darum treffen seine Intensionen damit ins Schwarze. Dabei finde ich es interessant, wie das Unverständnis für den Künstler und seiner Umsetzung dazu führt, dass sich diese Leute mit der von Sierra aufgegriffenen Thematik öffentlich beschäftigen.
Portraits in Auschwitz
Foto-Galerie in Auschwitz
Im Stammlager Auschwitz befinden sich als Gedenken in einigen Gängen der ehemaligen Unterkünften der Gefangenen, Portraitaufnahmen von Häftlingen. Die Fotos wurden beim Eintritt ins Lager von der SS angefertigt. Die abgebildeten Menschen haben das Lager nicht mehr verlassen.
Abb. 2: Korridor im Stammlager KL Auschwitz I (Foto copyright by cyrax)
Vor einigen Jahren bei einer Besuch in Auschwitz, konnte ich einen unvergesslichen Blick auf die nicht mehr enden wollenden Bilder-Galerien zu werfen.
Bei der Betrachtung kommt hinzu, dass die Korridore relativ schmal sind und man dadurch mit den Portraits noch "näher" konfrontiert wird. Die schlechte und unregelmässige Beleuchtung verstärkt die bedrängende Wirkung des engen Raums.
Lager-Museum in Auschwitz
Im Oktober 1941 gab Lagerkommandant Höss die Erlaubnis, ein Museum in Auschwitz zu eröffnen. Es blieb bis zur Befreiung von Auschwitz Ende Januar 1945 erhalten.
Ziel des Museums war es, in kleinen Mengen verschiedene Raritäten, Kunstwerke, wertvolle Gegenstände zu sammeln. Etwa sechs Gefangene waren dem Museum zugeteilt.
Dort waren die Gefangenen - neben Talmud-Übersetzungenarbeiten und Uhren-Reparaturen für die SS - hauptsächlich als Künstler und Grafiker zur Herstellung von Bildern tätig. Diese Kunstwerke galten als Eigentum des Lagers und wurden als Geschenke für "Persönlichkeiten aus dem Reich" verwendet, welche das Lager besuchten. Die Materialien wurde den Häftlingen von der Lagerleitung zur Verfügung gestellt. Es lieferte auch die Grundlage für geheime Skizzen, Portraits und Karikaturen, welche die Künstler für sich selbst anfertigten.
Unerlaubtes Zeichen wurde mit dem Tod bestraft.
Die Idee für das Diplom

Projektidee
"Wir leben wirklich in einer Zone, in der es die Unterscheidung zwischen Ausnahme und Regel nicht mehr gibt. Das muss nicht unbedingt als Katastrophe daherkommen, es kann vielmehr sehr reibungslos erscheinen. Sie können diese Zone der Ununterscheidbarkeit im alltäglichen Leben finden, in dem die Grenzen zwischen privat und öffentlich, politisch und biologisch verschwinden. Wir haben keine Kriterien, um zwischen diesen Sphären zu unterscheiden." (Zitat Agambens aus dem Interview, 2001).
Meine Diplomarbeit thematisiert die Schwellen und die Schwierigkeiten diese zu erkennen. Sie soll der Frage nachgehen, wo und in welcher Form sich Mechanismen des Lagers heute immer noch finden lassen.
Beschreibung der Umsetzung im Ausstellungsraum
Für meine Diplomarbeit möchte einen Fotoautomaten bauen, welcher nicht wie üblicherweise von Hand ausgelöst wird, sondern durch den Schrei der sich im Automaten befindenden Person. (Dies soll über ein Interface geschehen, welches ermöglicht per Schrei über eine versteckte Akustik-Schaltung den Auslöser zu aktivieren).
Das Resultat dieser Aktion soll ein (Pass-)Foto sein, welches die portraitierte Person mit schreiendem Gesichtsausdruck zeigt. Die gedruckten Fotos vom Automaten werden an der Wand als Galerie aneinandergeordnet angebracht.
Der Automat soll nach Möglichkeit aussehen, wie die aktuellen öffentlichen Fotoautomaten.
Fragestellungen und Ziel der Arbeit
Ich möchte mit meiner Arbeit " Register later" die geläufigen Konventionen bespielen, welche für ein "amtsfähiges" Pass-/ oder Ausweis-Foto die "Norm" sind. (Die vom Bundesamt für Polizei festgesetzten Auflagen finden sich unter http://www.fedpol.ch/d/themen/ausweise/fm-einstieg.htm).
Drei Ebenen: Der Passbild - das Portrait - der Schrei.
Die Arbeit soll (den Besucher) zum Nachdenken bewegen, wie weit wir uns erfassen, vermessen, normieren und einordnen lassen wollen. Inwiefern nützen uns die neuen, oft technologischen, Errungenschaften wie z.B. der biometrische Pass etwas? Oder schränken sie uns eher ein?
Oder ob man sogar soweit gehen will, wie Agamben es tut, wenn er sagt, dass wir nach wie vor in einem "Lager"-ähnlichen Raum leben. In einem Raum, wo Unterscheidungen verwischen und die Ausnahme zur Regel wird.
Gerade dieses bewusste Verwischen von Grenzen, von Innen und Aussen, macht es oft schwierig, allfällige Schwellen (und deren Konsequenzen), welche wir im Begriff sind zu überschreiten, zu erkennen.
Auch der Fotoautomat, welcher es uns ermöglicht, ein vorschriftsmässiges Passfoto für amtliche Ausweise, Reisepass oder Identitätskarten anzufertigen, könnte durchaus als eine solche Schwelle gesehen werden. Nach durchlaufen den Verwaltungsapparats, öffnen sich uns damit die Türen. Optionen gibt es keine, denn wer nicht erfasst wird und keinen Pass hat, gilt schnell als "illegal", Rechtslage unklar. Oft bleibt dann jenen Menschen nur das Leben. Das nackte Leben.
Um dies zu verhindern, haben die (schweizer) Bürger die Möglichkeit, sich in vom einem Automaten, einer Maschine, ins rechte (Blitz-)Licht rücken zu lassen. Der Automat fertigt maschinell Portraitfoto einer Person an; immer mit (idealerweise) gleicher Grösse, gleichen Farbe, gleichen Abstand, unabhängig davon, wo sich die Maschine befindet oder wer sich gerade ablichten lässt. Was als Variable bleibt, ist das Gesicht des Portraitierten und dessen Ausdruck.
Der Auslöser für das Foto soll der Schrei sein. Er symbolisiert den Willen zur Gegenwehr. Eine Antwort auf die ausdruckslosen Gesichter wie sie gewünscht werden, allenfalls noch mit steifem Lächeln, aber am liebsten mit "neutralem" Gesichtsausdruck. Das Resultat sind Fotos, auf denen man sich selbst kaum wieder erkennt.
Die Maschine bietet die Möglichkeit ein Passfoto anzufertigen, welches die zu beachtenden Punkte für ein amtliches Passfoto erfüllt und trotzdem mit den gebräuchlichen Konventionen bricht. Stände ein Fotograf hinter der Kamera, würde dieser mit grosser Wahrscheinlichkeit, klar zu Ausdruck bringen, wie man auszuschauen hat, bevor er den Auslöser drückt. Dies tut die Maschine nicht.
Die Artikulation des Schreis wiederum lässt an zwei verschiedenen Standpunkten festmachen. Einerseits das "Anschreien" und anderseits das "Aufschreien". Die Positionen in denen sich die jeweiligen Subjekte befinden, sind nicht nur sehr unterschiedlich, sondern einander gerade entgegengesetzt. Der Vergleich mit den Begriffen Souverän und Homo scaer von Agamben liegt nahe.
Könnte dieser Aufschrei sogar für all jene stehen, die nicht mehr schreien können, weil sie stumm und willenlos geworden sind, wie der Muselmann?




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