Interviews
May 5, 1990
Stuttgarter Nachrichten
Kultur Magazin
Peter Kümmel
Ein-gefundenes-Fressen
"Ein gefundenes Fressen"
Vor der Premiere: Kresnik und Helnwein sprechen über ihre Stuttgarter "Marat/Sade"-Version
Haben Kresnik und Helnwein einen Skandal programmiert? "Ach, Skandal", sagt Helnwein lächelnd. "Die Stuttgarter sind meiner Beobachtung nach ein sehr skandal-resistentes Publikum. Im Gegensatz zu den Münchnern, die sich gern erregen. Die Stuttgarter würden eher ersticken als zuzugeben, daß sie sich aufregen." Mit diesem Nicht-Lob auf Stuttgart plaziert Helnwein einen Hieb gen München. Dort, an der Bayerischen Staatsoper, platzte im März ein Projekt des Teams Kresnik/Helnwein, die Inszenierung von Orffs "Trionfi". Operndirektor Sawallisch warf den beiden Osterreichern vor, das Werk nicht ernstgenommen zu haben. In Wahrheit dürfte Kresniks und Helnweins eigenwillige, stark aktualisierende Interpretation den Münchnern eine gehörige Angst vor der eigenen Courage eingejagt haben. Helnwein und Kresnik reden, nicht erst seit dieser gemeinsamen "Skandal"-Erfahrung, gern in der Wir-Form. Sie haben sich gesucht und gefunden. Helnwein sagt: "Kresnik hat mich zum Theater gebracht. Die Zusammenarbeit mit ihm ist so leicht, so selbstverständlich - wie wenn zwei Rockmusiker auf der Bühne zusammenspielen. Wir haben auch einen sehr verwandten Anspruch an unsere Arbeit: den Rundumschlag. Ich habe immer gesagt: "Malen bedeutet: sich wehren". Und Kresnik sagt: "Der Kampf geht auf der Bühne weiter".
Die Deutschen erleben die aufregendsten Monate ihrer jüngeren Geschichte. Und während die Vertreter der angewandten Künste (Politik, Management, Hochfinanz und Städtebau) je me aufkrempeln und das neue Deutschland planen (und den Potsdamer Platz schon verteilt haben wie das Fell eines noch nicht gefangenen Bären), sind die Dichter sprachlos. Der erste, der tapfer versucht hat, den neuen Realitäten gerecht zu werden, war Herbert Achternbusch: Der entführte drei DDR-Bürger in die ganz große Freiheit, und ließ sie, irgendwo in der Wüste und begleitet von einem gelenkigen Kamel, zur Ruhe kommen. "Auf verlorenem Posten" hieß seine Revolutionsfarce, und die Münchner Kammerspiele nahmen sie dankbar-überstürzt in den Spielplan auf.
Im Kleinen Haus ist ab Samstag ein weiterer Versuch zu besichtigen, dem kommenden Deutschland gerecht zu werden. Johann Kresnik, Chef des Bremer Tanztheaters und eben mit seiner "Ulrike Meinhof" zum Berliner Theatertreffen eingeladen, greift auf einen modernen Klassiker aus dem Jahr 1964 zurück. Er inszeniert mit dem Stuttgarter Schauspielensemble Peter Weiss' Drama "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade". Und er sagt: "Der Marat/Sade ist so aktuell wie kaum ein anderes Stück."
Kresnik hat die Stuttgarter Inszenierung zusammen mit seinem österreichischen Landsmann, dem Maler Gottfried Helnwein erarbeitet. "Als wir mit der Arbeit anfingen", sagt Kresnik, "stand die Mauer noch. Dann kam der 9. November, dann der 18. März. Und je mehr sich abzeichnete, was aus der 'Deutschen Revolution' wurde, desto mehr hat sich unsere Interpretation verschärft. Der Fall der Mauer war für mich als Theatermacher ein gefundenes Fressen. Er wird mir wieder für zehn Jahre zu tun geben."
Und Helnwein sagt: "Der Marat/Sade läßt sich wie eine Blaupause auf die Realität legen. Weiss, glaube ich, wäre begeistert von unserer Aufführung."
Rückblick auf eine Revolution. Bei Peter Weiss sind es die Insassen einer Irrenanstalt, die im Jahr 1808 die. Ereignisse von 1789 nachspielen. Der Marquis de Sade im Disput mit Marat, dem Revolutionsführer. Der eine ein zynischer Zweifler, der an nichts glaubt als an die heillose (tödliche) Freiheit des Individuums; der andere ein charismatischer Führer, der überzeugt ist von der Veränderbarkeit der Welt. Ein Disput über den Sinn (oder Irrsinn) der Geschichte, in Szene gesetzt von Wahnsinnigen. Ihr Stück wird zuletzt von einem gewaltigen Knochenmann überschattet: dem Kaiser Napoleon.
Wer, Herr Kresnik, wird Ihre Aufführung überschatten? Welche Supermacht lassen Sie aus der Deutschen Revolution auferstehen?
"Ich zeige", sagt Kresnik, "eine Blutwurstgroßmacht. In meiner Inszenierung singt das Volk von Bananen, von Mallorca. Es wird überhaupt viel gesungen. Ich zeige den ungeheuren Zynismus des Volkes."
Helnwein ergänzt: "Alles reduziert sich auf Konsum. Das wollen wir zeigen."
Wer Kresniks "Ulrike Meinhof" gesehen hat, mag ahnen, welch gespenstischer Aufmarsch von Lemuren dem Stuttgarter Publikum bevorsteht. Von Wiedervereinigungseuphorie keine. Spur. Eher, so scheint's, werden Kresnik und Helnwein uns einen satirischen, grell-orgiastischen Mummenschanz vorführen (mit Boris Becker und Steffi Graf als Vortänzern).
Haben Kresnik und Helnwein einen Skandal programmiert?
"Ach, Skandal", sagt Helnwein lächelnd. "Die Stuttgarter sind meiner Beobachtung nach ein sehr skandal-resistentes Publikum. Im Gegensatz zu den Münchnern, die sich gern erregen. Die Stuttgarter würden eher ersticken als zuzugeben, daß sie sich aufregen."
Mit diesem Nicht-Lob auf Stuttgart plaziert Helnwein einen Hieb gen München. Dort, an der Bayerischen Staatsoper, platzte im März ein Projekt des Teams Kresnik/Helnwein, die Inszenierung von Orffs "Trionfi". Operndirektor Sawallisch warf den beiden Osterreichern vor, das Werk nicht ernstgenommen zu haben. In Wahrheit dürfte Kresniks und Helnweins eigenwillige, stark aktualisierende Interpretation den Münchnern eine gehörige Angst vor der eigenen Courage eingejagt haben.
Helnwein und Kresnik reden, nicht erst seit dieser gemeinsamen "Skandal"-Erfahrung, gern in der Wir-Form. Sie haben sich gesucht und gefunden.
Helnwein sagt: "Kresnik hat mich zum Theater gebracht. Die Zusammenarbeit mit ihm ist so leicht, so selbstverständlich - wie wenn zwei Rockmusiker auf der Bühne zusammenspielen. Wir haben auch einen sehr verwandten Anspruch an unsere Arbeit: den Rundumschlag. Ich habe immer gesagt: "Malen bedeutet: sich wehren".
Und Kresnik sagt: "Der Kampf geht auf der Bühne weiter".
Helnwein: "Bei Kresnik ist Ästhetik immer Mittel zum Zweck - wie bei mir."
Letzte Frage. Der Berliner Schriftsteller Peter Schneider hat kürzlich, in dieser Zeitung, gesagt: Jeder Linke, der jetzt, nach dem 9. November, nicht in der Krise ist, ist ein Idiot. Wie tief ist Ihre Krise, Herr Kresnik?
"Ich war", sagt Kresnik, "als Linker immer in der Krise. Und jetzt werd' ich aus ihr wohl gar nicht mehr rauskommen."
Helnwein souffliert: "Das ist der beste Zustand."
Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, by Peter Weiss, with Johann Kresnik, Schauspielhaus Stuttgart
1989




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