Interviews
April 19, 2003
Sueddeutsche Zeitung
Kultur
Angst-
Angst
Rebecca Casati spricht mit Marilyn Manson
Ihre Bilder erzählen von Deformation und Einsamkeit. Auf der Bühne hingen gestern riesige Gemälde, die Sie mit Micky-Maus-Ohren zeigen. Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein hat sie angefertigt. Manson: "Ein Meister!"
Guten Abend, Mr. Manson. Nennt Sie heutzutage irgendjemand bei Ihrem wirklichen Namen? Brian Warner?
Meine Mum.
Wir konzentrieren uns für diese Interviews immer auf ein Thema. Genau wie Sie mit Ihren Alben.
Mmh.
Sind Sie müde?
Ja.
Draußen ist keiner mehr. Wie es scheint, sind Sie nach mir frei. Haben Sie Lust, über das Thema Angst zu reden?
Angst ist so vieles.
Keines davon. Aber sie kann außergewöhnliche Früchte tragen.
Sie sind jemand, der für seine eloquente Gesellschaftskritik bekannt ist, für seine radikale Haltung . . .
Wenn Sie durch eine Hotelhalle gehen, bemerken Sie die irritierten Blicke, die Ihnen folgen? Oder bewegen Sie sich nicht mehr in solchen Sphären?
Manchmal vergesse ich, warum andere Menschen mich anstarren. Ich frage mich dann, ob ich irgendwas Ungewöhnliches im Gesicht habe . . .
. . . nun ja.
Eigentlich bin ich mir dessen gar nicht bewusst.
Sie sind ein berühmter Rockstar, der Aufmerksamkeit gezielt provoziert. Haben Sie sie sich in Ihrer Jugend in Ohio den Blicken anderer ausgeliefert gefühlt ?
Als Kind fühlte ich mich unsichtbar. Erst als Jugendlicher wurde ich bemerkt und dann natürlich auch nicht mehr akzeptiert, mit dem ganzen Make-Up meiner Mutter. Damals wollte ich nicht angestarrt werden, auf der anderen Seite wollte ich Aufmerksamkeit erregen, geliebt werden und mich dabei nicht verleugnen.
Ich las, dass Sie sich für die Theorie des Sozialdarwinismus aussprechen. Sie verabscheuen das liberale System, dass, wie Sie sagen, das Schmarotzertum fördert. Und Sie sind der Ansicht, dass nur die Starken eine Existenzberechtigung haben. Ist das wirklich Ihre Meinung?
Eine Reaktion auf die amerikanische Gesellschaft.
Ihre größte Angst ist demnach die persönliche Schwäche?
Ja.
Im Sinne von: versagen?
Ich habe Angst davor, von der Gesellschaft kontrolliert zu werden. Ich will von nichts abhängen, ich will stark genug sein, Kritik oder Zensur oder Menschen, die mich ändern wollen, widerstehen zu können.
Es gibt ein Zitat des Schauspielers Johnny Depp; er sagte, dass ihm von allen Dingen und Menschen auf der Welt Clowns die größte Angst einjagen. Es war ihre Normalität, die ihn beunruhigte.
Auch das kann ich nachvollziehen. Die Mittelmäßigkeit ist immer viel schlimmer als das Abwegige.
Ist Mittelmäßigkeit nicht wiederum eine Folge von Angst?
Sehr richtig. Leute haben solche Angst davor, anders als die anderen zu sein, dass sie sich anpassen, schlucken, was ihnen vorgesetzt wird. Ich nicht. Ich sterbe lieber für das, was ich bin.
Es geht mir eher um Revolte. Um Aufruhr. Ich bin unfähig, an ein System zu glauben, dass nicht an mich glaubt.
Haben Sie irgendeinen Beweis, dass Satan existiert?
Denselben wie für die Existenz von Gott.
Also keinen.
Beides sind nur Worte. Die Menschen benutzen sie, um ihre Position zu finden.
Sie sind an amerikanischen Serienmördern interessiert. Welcher fasziniert Sie denn am meisten?
Welcher Serienmörder?
(Hier schläft Marilyn Manson kurz ein, sein Kinn sinkt auf die Brust. Dann wacht er wieder auf.)
Die, eeh, Amerikaner verleihen ihren Ikonen so viel Macht, so viel Bedeutung. Und die meisten von ihnen sind nicht das, was die Leute in ihnen sehen wollen. Weder war Marilyn Monroe der Inbegriff von Reinheit, noch war Charles Manson die Verkörperung des Bösen. Aber die Menschen wollten es so, und so wurden diese beiden letztlich die interessantesten Wesen, die die amerikanische Kultur je hervorgebracht hat. Ich wollte die Kreuzung dieser beiden Irrtümer zu einem neuen machen. Deshalb habe ich mir und meiner Band diesen so offensichtlich gefälschten Namen gegeben.
Natürlich waren weder Marilyn Monroe noch Charles Manson Serienmörder.
Ich habe Ihre Frage wohl nicht zufrieden stellend beantwortet.
Nein.
Vielleicht haben Sie sie auch nur falsch gestellt?
Das ist natürlich auch möglich.
Also: Die Art, wie Künstler und Killer in den Medien behandelt werden, ähnelt sich. Ihr Ikonenstatus wird von den Medien genährt.
Lieben Menschen ihre Ängste?
Amerikaner lieben es definitiv, ihre Ängste zu spüren. Sie sind süchtig danach. Sie könnten nicht ohne die Schatten von Verbrechen, Unfällen, Krankheiten, der ganzen Hölle leben. Andere benutzen eben diese Ängste als Machtwerkzeuge, um die Massen zu kontrollieren. Wenn man ihre Ängste schürt, entwaffnet man sie gleichzeitig. Und dazu benötigt man Vogelscheuchen. Abschreckende Beispiele. Wenn man den Bösewicht ausgemacht hat, ist es ganz einfach, sich selbst zum Gutmenschen zu stilisieren. Aus Angst-Symbolen kann man Macht-Symbole machen, so wie ich es mit meinem Auftreten und meiner Musik gezeigt habe.
Sie haben für Ihre neue Platte „The Golden Age of Grotesque“ das Thema der von den Nazis so genannten „Entarteten Kunst“ gewählt. Was für Ihre Musik erst einmal gar nichts bedeutet . . .
Ich wollte ja auch nicht, dass meine Platte klingt, als sei es aus den 30er oder 40er Jahren. Mir ging es um den Geist, die Dekadenz und die Ästhetik dieser faszinierenden Zeit, in der man unter dem Eindruck des Regimes und des Krieges lebte.
In Ihrem neuen Video „mOBSCENE“werfen Vaudeville-Mädchen die Beine hoch. Sie tragen Nazi–Uniformen, Strapse, eingeschmetterte linke Gesichtshälften und singen: „Obscene, be obscene.“ Das Ganze in der Ästhetik eines alten Horrorfilms, unterlegt mit Metal-Rock.
Ich wollte Kunst und Entertainment zu einem neuen Ganzen zusammenfügen. Amerika hat es in der Vergangenheit fertig gebracht, beides voneinander zu separieren. Ich füge sie nun wieder zusammen. Zu etwas Mächtigem, vor allem zu etwas Unkontrollierbarem.
Zum Auftakt sind Sie gestern in der Berliner Volksbühne aufgetreten, wo Sie Ihr Album und Ihre Aquarelle ausstellten. War die Stimmung so, wie Sie es sich erhofft hatten?
Absolut. Die Leute verstehen mich hier. Früher lebte man als Künstler in dieser Stadt in der Angst, als degeneriert zu gelten. Die Künstler benutzten diese Angst, sie spuckten ihr ins Gesicht, indem sie große Kunst schufen. Wenn ich...
(Manson nimmt nun eines seiner sehr langen Spinnenbeine, das in einem hohen schwarzen Plateau-Stiefel steckt, in beide Hände, zieht es gelenkig bis vor die Brust und bewegt dabei seinen Fuß hin und her. Dazu rutscht er in dem Sessel auf und ab. Der Rest des Satzes geht im Gequietsche von sehr viel Leder unter.)
Ihre Bilder erzählen von Deformation und Einsamkeit. Auf der Bühne hingen gestern riesige Gemälde, die Sie mit Micky-Maus-Ohren zeigen. Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein hat sie angefertigt.
Ein Meister!
(Auszug)




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