Interviews
August 9, 2005
Sonic Seducer
Musik Magazin
Thomas Clausen
Be obscene? oder Gebt den Kindern das Kommando!
Gottfried Helnwein – der Covermacher
Gottfried Helnwein weiß nur zu gut um seine mediale Unbequemlichkeit: Seit gut 35 Jahren sorgt der zwischen seinen Ateliers in Irland und Los Angeles pendelnde, österreichische Avantgarde-Künstler nun schon mit umstrittenen Werken und Installationen für erhitzte Gemüter in der intellektuellen Twilight Zone zwischen Feuilleton, Gesellschaft und Politik. Nur wenige Tage nach Michael Jacksons medienwirksamen Kindesmissbrauchsfreispruch wurde kürzlich in Oberhausen die Ausstellung „Beautiful Children“ eröffnet, die - ganz Helnwein-like - einen polarisierenden und aufrüttelnden Blick ins allzu oft Tabuisierte, ins gerne Verschwiegene, Ungeheuerliche offenbart: Das Kind – verletzt, misshandelt, tot. „Für mich ist die Kunst eine Waffe, mit der ich zurückschlagen kann. Wie mir die Welt von den Medien präsentiert wird, empfinde ich als Zumutung. Ich bin immer auf der Seite der Kinder. Kinder sind die Helden meiner Bilder und Geschichten. Kinder werden sehr oft missbraucht, nicht immer sexuell sondern in den verschiedensten Formen, einfach weil es so leicht möglich ist. Kinder haben in meinen Augen eine unglaubliche Kreativität, bevor sie dann durch ein Erziehungssystem gebrochen werden.“
Nur wenige Künstler besitzen heute die seltene Gabe, im Zeitalter des Internets noch wirklich mit ihren Werken zu schocken; ist doch ausnahmslos jede durch menschliche Denkleistung vollbrachte Scheußlichkeit binnen Millisekunden im world wide web von jedermann jederzeit abrufbar. Mit den Exponaten der „Beautiful Children“-Ausstellung sind bis zum 03.10. zu 80% bisher nicht in Deutschland gezeigte Werke von Skandal-Künstler Gottfried Helnwein zu sehen, der in jüngster Vergangenheit durch seine viel diskutierten Coverentwürfe und Artwork für Bands wie Rammstein, Marilyn Manson, Scorpions oder Pankow für einige Furore sorgen konnte, bei denen der stets sonnenbebrillte und Kopftuch-bewehrte Mischtechnik-Magier den Berliner Pyrometallern mit allerlei gesichtschirurgischem Instrumentarium und Make-Up zuleibe rückte und Künstlerkollege Manson gar mit überdimensioniertem Ohrenhut als antichristliche Micky Maus-Persiflage einerseits und in Phantasie-NS-Uniform als Hitlerjunge Brian posieren ließ.
Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Kinder/ Kindheit/ Unschuld durch das weitreichende und jahrelange Schaffen Helnweins – eine Tatsache, die nun in den faszinierenden bis tief verstörenden Werken der „Beautiful Children“-Ausstellung gipfelt. Sorglosigkeit, Unbekümmertheit, Freude – all das sucht man vergeblich in den teils übermannsgroßen Arbeiten Helnweins. Dafür: Kinder in vermeintlichen Nazi-Uniformen, Kinder mit bandagierten Gliedmaßen und nicht zuletzt die „Angel Sleeping“-Reihe mit Abbildungen missgebildeter, nicht lebensfähiger Föten. Gottfried Helnwein setzt Pinsel und Linse da an, wo`s wirklich weh tut.
„Für mich ist die Kunst eine Waffe, mit der ich zurückschlagen kann. Wie mir die Welt von den Medien präsentiert wird, empfinde ich als Zumutung. Ich bin immer auf der Seite der Kinder. Kinder sind die Helden meiner Bilder und Geschichten. Kinder werden sehr oft missbraucht, nicht immer sexuell sondern in den verschiedensten Formen, einfach weil es so leicht möglich ist. Die Bilder, die ich zeige, kommen aus einer Haltung, die 100%ig pro Kind ist.
Kinder haben in meinen Augen eine unglaubliche Kreativität, bevor sie dann durch ein Erziehungssystem gebrochen werden.“
Helnwein dokumentiert, interpretiert. In einer von Paragraphen und Verordnungen geregelten Welt versucht der chronisch freiheitssüchtige Workaholic, sich mit seinen zahlreichen, quer über den Globus verstreuten Projekten das eigene Kindsein so gut es geht zu bewahren – ein existenzielles Verlangen, welches schon fast zwangsläufig zu Zusammenarbeiten mit Künstlern wie William S. Burroughs, Sean Penn, Mick Jagger oder Lou Reed führen musste.
„Viele Künstler haben sich ihr inneres Kind und die Freiheit, als Erwachsener noch kindisch sein zu können, ihr ganzes Auftreten mit dem entsprechenden Verkleiden und so weiter bewahren können, ob nun Rammstein, Manson oder viele andere. Alle großen Künstler, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, sind auch privat sehr faszinierend. Die verrufensten und am schrecklichsten wirken sind am Ende die höflichsten Menschen mit den besten Manieren überhaupt. Man ist einfach verblüfft. Keith Richards (The Rolling Stones, Anm. d. Verf.) zum Beispiel ist total erdig und man möchte am liebsten sofort ein Bier mit ihm trinken. Auch Lou Reed ist privat ein sehr cooler und absolut faszinierender Typ, ich mag ihn wirklich sehr und Marilyn Manson ist privat unglaublich menschlich, feinsinnig, sensibel und subtil. Man kann mit ihm hochintelligente Konversationen führen. Auch in künstlerischer Hinsicht ist alles, was er macht, äußerst intelligent. Alle Rollen, die er spielt, sind insbesondere in der amerikanischen Gesellschaft so dringend notwendig, wo alles dominiert wird durch ein rechtsradikales, puritanisches Christentum mit seiner heuchlerischen, scheinheiligen und selbstgefälligen Ideologie. Diese Gesellschaft braucht einfach einen Satan, es geht eigentlich gar nicht anders. Marilyn Manson ist einfach der perfekte Antichrist, der alles im Gleichgewicht hält. Außerdem geht es im Christentum ja bekanntlich ohne Teufel auch gar nicht...“
Nach Anfeindungen heute Liebling von Politik, Kirchenkreisen, Gesellschaft?
Da besteht sicher keine Gefahr! Die Leute, die mich von je her gehasst haben, hassen mich auch heute noch. Doch ich bin ja so gut wie nie hier, sondern in Los Angeles oder in Irland. Es gab immer Einzelne, die meine Arbeiten gut fanden, es gab jedoch auch genauso viele, die ununterbrochen gegen meine Arbeit gewettert haben. Ich bin ein unabhängiger Künstler und so kann mir dies eigentlich egal sein. Kein Künstler will gehasst werden, doch ich haben lernen müssen, dass man unbedingt die Sachen machen sollte, die man selbst für richtig hält. Ganz egal ob dies großen Anklang findet oder ob man dafür angefeindet wird. Als Künstler ist man oftmals sehr einsam und fällt dementsprechend auch einsame Entscheidungen. Man muss sich sicher sein, dass das, was man gerade macht, das richtige ist. Ob es den Leuten nun genehm ist oder ob einem nicht vielleicht alles um die Ohren fliegt. In dem Moment, in dem man sich verkaufen will und Kompromisse macht, verkauft man als Künstler auch ein Stück weit seine Seele. Ich habe gelernt, meine Unabhängigkeit zu schätzen. Ich wollte immer unabhängig sein. Ich bekomme eine Krise, wenn mich jemand kontrollieren will. Das ganze Leben besteht mehr oder weniger aus Kontrollen und Verboten. Zum meinem großen Glück bin ich von vielen der Konventionen nicht wirklich betroffen. Wenn man beweglich ist und viel herum reist in der Welt ist man nie von einem bestimmten System abhängig. Die Gefahr der Zensur lauert überall aber ich versuche, so unabhängig wie möglich zu sein und von keinem System vereinnahmt zu werden.
Wird man müde sich zu erklären?
Die wichtigsten Reaktionen sind für mich die Reaktionen der Leute, die sich meine Kunst anschauen und sich damit beschäftigen. Die Meinung von Nicht-Experten interessiert mich immer am meisten. Die Kunst ist für mich wie ein Dialog: Als Kind und Jugendlicher war ich der Meinung, dass die beste Form des Daseins die des Rockmusikers wäre. Man kann seine Kunst zusammen mit anderen coolen Leuten exstatisch explodieren lassen und zugleich Feedback vom Publikum bekommen. Alle flippen zusammen aus – eigentlich ist dies immer noch das Ideal für mich als Künstler.
Das Beste aus beiden Welten: Feulletion / Rock
Für mich gibt es diese Grenzen nicht, die die Medien, die Öffentlichkeit und die bürgerliche Gesellschaft immer herstellen wollen. Ich merke allerdings, dass man in die Gesellschaft als Künstler nur sehr schwer hineinpasst. Schon als Kind war ich mir bewusst, dass ich eigentlich nirgendwo hineinpasse. Ich habe mich damals umgeschaut und gedacht, dass ich nichts von dem, was ich dort sah, sein wollte. Ich kam zu dem Schluß, dass meine einzige Chance im Leben war, ein Künstler zu werden und den letzten relativen Freiraum zu nutzen, den die Gesellschaft so gerade eben noch akzeptiert. Die Idee des Hofnarren, der nicht so wirklich ernst genommen und immer irgendwie komisch angeschaut wird, ist mir als Künstler sehr recht muss ich sagen. Im Grunde bin ich sehr dankbar für alle Anfeindungen, die ich in meinem Leben bekommen habe, weil es einen einfach unabhängig und weniger anfällig für die Verlockungen des Systems macht.
Anfeindungen Treibstoff?
Absolut! Man schaut sich viel genauer an, ob man das, was man macht, auch genau so machen will. Jedesmal eine Entscheidung zu treffen ist immer wieder ein kleines Stück Freiheit. Ich bin einfach von der Sehnsucht nach Freiheit besessen. Die meisten Menschen können gar nicht so genau verstehen, was das Wort Freiheit bedeutet, doch für mich geht es nur um Freiheit und Unabhängigkeit. Ich brauche keinen Boss oder jemanden, der mich kontrolliert. Das ist das Gute dabei: Ich bin ungefährlich und tue niemandem etwas. Es ist nicht notwendig, mich zu kontrollieren.
Auch Teufel?
Ja, der ganze Aufwand wäre in der christlichen Mythologie ja sonst umsonst: Der Herr müsste nicht am Kreuz sterben, keine Sünden müssten vergeben werden, es müsste sich niemand schlecht fühlen. Die Geißel der Sünde ist sehr wichtig und die Sünde muss einen Ursprung haben. Gott kann dies nicht sein, da er allmächtig und gütig ist also muss jemand anderer her – der Teufel. Unsere Gesellschaft definiert sich auch heute noch über dieses Denkmuster: Wenn man etwas schlechtes sieht, freut man sich um so mehr, wie gut man selbst eigentlich ist. Deswegen ist Manson für diese Gesellschaft auch so wichtig und unentbehrlich: Weil er in einer höchst kunstvollen Form das Schlechte darstellt, das Böse, das Dämonische. Wir alle wissen aus unserer Kindheit – und Kinder sind meiner Meinung nach viel vernünftiger als Erwachsene – dass wir genau diese Figuren im Märchen lieben. Die Dämonen, die Satane, die Wölfe... Dies sind einfach die interessanteren Figuren als diese guten Spießer.
Religiös?
Nein. Ich bin allerdings sehr an Religion interessiert. Ich bin immer sehr interessiert an allem und mein ganzes Leben in einer Art Lernrausch. Ich lese und versuche, so viel Information wie möglich zu bekommen. Mich interessiert einfach alles: Geschichte, Religionsgeschichte, Philosophie... Ich beschäftige mich mit allen Phänomenen und respektiere das alles. Jede Religion, Philosophie. Was mir wirklich zuwider ist, sind spießbürgerliche Einstellungen wo man eine Formel erfindet, wie das Leben sein muss und den Leuten sagt, was gut und was schlecht ist. Ich habe in meinem Leben die faszinierendsten Leute getroffen: Schwer Drogensüchtige, Zeugen Jehovas, Atheisten, Satanisten... es gibt sogar Christen und auch Kommunisten, die wunderbar sind! Am Ende kommt es alles wieder auf Freiheit zurück. Nur wenn man frei ist, Fehler zu machen und zu sein, was man sein will, dann kann man sich gut entwickeln. Man sollte alles erleben und ausprobieren dürfen. Der Drogenmissbrauch zum Beispiel entsteht nur dadurch, dass das Zeug verboten ist. Mit einem Verbot ist die Verlockung viel größer und wird letztendlich zum Zwang.
Drogen?
Ich brauche zum Malen nur die Umwelt. Ich bin immer so aufgeregt durch alles, was rundherum passiert, dass ich immer unter Strom stehe und kaum mit der Realisierung all der Dinge hinterher komme, die ich gerne machen würde.
Los Angeles
Los Angeles ist für mich persönlich die Erfüllung und der beste Platz zum arbeiten. L.A. ist einfach anarchistisch und außer Kontrolle – es gibt kein Zentrum, kein System, everything goes... Man kann einfach machen, was man will. Wenn man in Berlin, London oder New York ist, hat man automatisch zu viel Szene um sich herum. Die Kunstszene ist für mich das aller schlimmste auf der Welt: Wer kennt wen und hat mit wem zu tun – das alles ist mir absolut zuwider und macht mich nur nervös. Ich finde es aufregend, mit Leute zu tun zu haben, die auch kreativ sind. Wenn es dann gelingt – was nicht sehr oft der Fall ist – mit so jemandem einen Dialog aufzubauen, so wie Manson, Sean Penn oder Beck, dann ist das sehr aufregend, ich lerne etwas und werde inspiriert. So etwas interessiert mich wirklich: Andere kreative Leute zu treffen.




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