Interviews
August 1, 2006
Kurier
Wirtschaft
Markus Stingl
Vom Schwimmen im Geld
Markus Stingl spricht mit Gottfried Helnwein
"Wir leben in heute einem materialistischen, spätkapitalistischen Wertesystem in dem unser Leben mehr und mehr von Grosskonzernen, Finanzmärkten, Leitzinsen und Aktienkursen bestimmt wird. Viel Leute sammeln Kunst so wie Aktien-Broker: einziges Kriterium: die Auktions-Resultate. Viele wollen die Bilder gar nicht erst sehen."
Sie sind ja bekennender Donald Duck-Fan. Aber sind sie auch ein Fan von dessen Onkel Dagobert? Der ist ja ein Kapitalist von der ganz üblen Sorte?
HELNWEIN: Onkel Dagobert hat jeden seiner Taler ehrlich und im Schweiße seines Angesichts verdient,
mit dem einzigen Ziel, genug Geld zusammenzu kriegen um darin schwimmen zu können - das Ideal meiner Kindheit und eigentlich das Beste, was man mit Geld machen kann.
Verglichen mit den wirklichen Wirtschaftskapitalisten, den multinationalen Konzernen, - denken Sie zum Beispiel an die Methoden des amerikanischen Agrarriesen Monsanto, - ist Dagobert Duck eine Art Mutter Theresa.
Lesen Sie Wirtschaftsmagazine, den Wirtschaftsteil von Zeitungen?
Nein, eigentlich kaum. Aber ich habe mich neben der Kunst immer sehr für Geschichte, Politik
und Ökonomie interessiert. Wahrscheinlich ist es ein Defekt, aber ich bin von Neugier geradezu besessen.
Ich wollte immer wissen was wirklich abläuft, die Hintergründe und Zusammenhänge verstehen. Mein Vertrauen in die Massenmedien ist eher gering, also versuche ich ständig selbst zu recherchieren und an Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen zu kommen.
Niemals zuvor stand uns eine derartige Flut von Daten und informationen zur Verfügung, ein Umstand der leider von den wenigsten genützt wird. Das Internet zum Beispiel gibt mir die Chance die Nachrichten von Al-Jazeera, New York Times und dem Spiegel direkt miteinander zu vergleichen. Es ist sehr interessant, wie ein und das selbe Ereignis in verschiedenen Ländern und Medien unterschiedlich dargestellt wird.
Sie leben seit neun Jahren in Irland. Wo liegen die wirtschaftspolitischen Unterschiede zu Österreich?
Irland ist wie ein kleines Wunder für mich. Als ich herkam, erlebte ich eine Art von Freiheit, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Es gab überhaupt keine Bürokratie, die ständige Überwachung und das allgegenwärtige Misstrauen der Behörden gegenüber dem Bürger, das mir aus Österreich, Deutschland und Amerika so vertraut ist, fehlte hier gänzlich.
Ich lebe nun seit 9 Jahren hier , und kann mich z.B. nicht erinnern irgendwann einmal einen Polizisten gesehen zu haben - ich weiss nicht einmal wie deren Uniformen aussehen. Irland hat in seiner ganzen Geschichte niemals einen Angriffskrieg geführt, und auch heute bis auf ein paar Mann Grenzschutz nichts was man als Miltär bezeichnen könnte.
Aber die EU arbeitet emsig daran diese anachronistische idylle zu beseitigen und Irland an die Segnungen des schönen neuen Europas heranzuführen.
Sie sind kein Verfechter der EU?
Ich glaube nicht, dass das zentralistische Diktat von Brüssel unser Leben verbessern wird.
Viel von dem was uns an Europa lieb ist - die Eigenständigkeit verschiedener Regionen und Traditionen werden verloren gehen. Kleine Länder wie Österreich und Irland werden ihre Neutralität, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung verlieren.
Und vergessen Sie nicht: in den vergangenen Jahrhunderten konnten viele Künstler, Denker und kritische Geister ihr Leben nur retten, weil es Grenzen gab über die man sich in Sicherheit bringen konnte.
Diese Möglichkeit wird es in Zukunft nicht mehr geben, es wird überall von Euro- Police und Euro-FBI, -CIA, Euro-Steuerfahndung und Euro-Militär nur so wimmeln.
Wo würden Sie sich wirtschaftspolitisch einordnen?
Ich glaube an das Föderale, an Selbstbestimmung und Eigenständigkeit kleinerer Einheiten,
an das nebeneinander verschiedener Kulturen und unterschiedlicher wirtschaftlicher Systeme.
Wovor ich mich fürchte, ist wenn eine Hand voll internationaler Konzerne die Macht haben , Politiker ein- oder abzusetzen, Kriege auszulösen, zu bestimmen was wir essen, wie unsere Häuser aussehen und wie wir leben müssen.
Wie haben Sie Ihr Vermögen veranlagt? Haben Sie Aktien?
Ich habe noch nie in meinem Leben eine Aktie besessen, - ich habe immer nur von Verkauf meiner Bilder gelebt. Um die Finanzen kümmert sich meine Frau. Bis jetzt hat es mir an nichts gefehlt, also nehme ich an dass sie es nicht schlecht macht.
Wie sorgen Sie fürs Alter vor?
Gar nicht, Derzeit lebe und arbeite hier in Irland inmitten der schönsten Natur in einem grossen Haus mit einer alten Bibliothek und vielen Kindern, Freunden und Tieren.
Eine Krankenvesicherung habe ich allerdings nicht..
Hatten sie als junger Künstler Phasen, wo es mit dem Geld bedenklich knapp wurde? Mussten Sie *Brotjobs" machen?
Auf der Akademie in Wien hatten wir nie Geld, das interessierte uns auch nicht.
In den Kaffeehäusern konnte man andere zahlen lassen und den Zahnarzt oder ähnliche Unvermeidlichkeiten haben wir mit Zeichnungen beglichen.
Und wie viel kostet ein Helnwein heute?
Kommt drauf an, welche Grösse, welche Technik - aber so zwischen 50.000 und 200.000 Eu/Dollar.
Ihren Marktwert kennen Sie also, dafür brauchen Sie nicht Ihre Frau zu konsultieren?
Nein, das musste ich lernen, dem entkommt man nicht. In keiner Kultur kann Kunst unabhängig von der Wirtschaft existieren. Oft hat aber gerade das Spannungsverhältnis zwischen dem Mäzenatentum und den Künstlern eine grosse Kultur hervorgebracht. Viele bedeutende Werke würden ohne Auftraggeber wie den Päpsten und den Medici nicht existieren,
Und ohne den Reichtum der protestantischen flämischen Kaufleute gäbe es die holländische Malerei, wie wir sie kennen, nicht.
Das Letzte, was der Michelangelo z.B. wollte, war die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen, das war eine fixe idee von Papst Julius II. Und Julius war ein eigensinniger, hartnäckiger Mann.
Und wie ist die Situation heute?
Wir leben in heute einem materialistischen, spätkapitalistischen Wertesystem in dem unser Leben mehr und mehr von Grosskonzernen, Finanzmärkten, Leitzinsen und Aktienkursen bestimmt wird.
Das wirkt sich natürlich auch auf die Kunst aus, die heute vor allem als Investment gesehen wird.
Es gibt z.B.immer mehr Leute, die meinen Galeristen in San Francisco anrufen und grössere Posten an Bildern kaufen wollen, - einziges Kriterium: die Auktions-Resultate bei Sothebys. Viele wollen die Bilder gar nicht erst sehen.
Wie bewahren Sie sich trotzdem Ihre künstlerische Unabhängigkeit?
Ich war immer ein Einzelgänger und relativ unabhängig. Leute, die meine Arbeiten kaufen, stehen in der Regel wirklich darauf und wollen sie nicht wieder hergeben. Was natürlich keine Auktions-Resultate bringt.
Künstlerisch Unabhängigkeit behält man am besten, wenn man sich im Zweifelsfall immer für die Kunst entscheidet.
Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie die Globalisierungsfalle in der Kunstwelt?
Die chinesische Kunst ist plötzlich sehr in, mit Ansätzen, die wenig mit ihrer eigenen Tradition zu tun hat, sondern sich vorwiegend an westlicher Aesthetik und Formensprache orientiert. Darüber hinaus bemerkt man, dass die Märkte künstlich generiert werden und in ganz kurzer Folge neue Trends und Schulen erfunden werden, damit die Sammlerbörse in Bewegung bleibt.
Wie ist Ihr Standpunkt bei der Restitution von Kunst- und Kulturgütern?
Die Frage ist, wo man die Grenzen zieht. Historisch betrachtet: Ein grosser Teil dessen, was sich heute in Museen befindet, ist Raubgut. Kulturgüter die in Zusammenhang mit dem Holocaust in unseren Museen gelandet sind, sollten aber auf jeden Fall zurückgegeben werden. Das ist die Verantwortung von uns Nachgeborenen..
Haben Sie den Bawag-Skandal verfolgt?
Am Rande, ja. Aber das ist für mich einfach nur ein Teil dieser weltweiten Korruption und Skrupellosigkeit , ein Ausdruck des Ethik-Verfalls in der Wirtschaft.
Ich sehe es nicht so sehr als spezifisch österreichisches Phänomen - denken Sie an Enron, Halliburton. Da passiert das Ganze in noch viel größeren Ausmaßen.
Wenn sie die Affaire in einem einzigen Bild darstellen müssten, was wäre es für eines?
Das würde ich nicht machen, das fällt nicht in meine Branche. Das überlasse
ich lieber meinen Freund Deix.




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