Interviews
April 6, 2012
NEWS
Wien
Evie Sullivan
Interview-Gottfried-Helnwein-spricht-ueber-die-Rolling-Stones
Interview - Gottfried Helnwein spricht über die Rolling Stones
Los Angeles
Ich kann mich erinnern, als dann die Beatles kamen, war das eine Erschütterung, eine Ungeheuerlichkeit, die bei der Generaton meiner Eltern Panik auslöste. Immer wieder hörten wir die Rufe: ‚Die gehören vergast, unterm Hitler hätte es das nicht gegeben!’ Wir ließen uns die Haare wachsen und wurden auf der Straße auch immer so begrüßt: ‚Ihr Gesindel, Ihr gehört's vergast!’ Ich war eigentlich kein Beatles-Anhänger. Ich fand sie interessant, aber erst der Auftritt der Stones war für mich das Schlüsselerlebnis. Es gab ja damals zwei Lager, die Beatles und die Stones Anhänger, die sich eine Zeitlang feindlich gegenüberstanden. Ich war immer auf der Seite der Stones. Die Beatles hatten ja am Anfang dieses gestylte, uniforme Band-Image mit ihren Pilzköpfen, schmalen Krawatten und den schicken Anzügen. Die Stones waren ganz anders, wild, verwahrlost, ungezügelt, verwegen. Es war die Ahnung einer Zeit des Ungehorsams, des Widerstands, der Rebellion. Sie haben uns den Geschmack von Freiheit vermittelt. Ihre Lieder waren härter, aggressiver, anarchistischer. Sie nahmen sich einfach alle Freiheiten und alle Mädchen und verhöhnten die Welt unserer Eltern. Und sie sahen vor allem genau so aus, wie wir gerne ausgesehen hätten. Für uns biedere, eingeschüchterte Nachkriegskinder, die wir wie Ministranten da standen, mit roten Ohren und Hitlerjugend-Haarschnitt - vorne ein Schopf und hinten bis zum Wirbel hinauf geschoren - für uns waren sie wie Götter, die aus einer höheren Welt zu uns heruntergestiegen waren.
Keith Richards
1990, 99 x 66 cm / 38 x 25''
Evie Sullivan spricht mit Gottfried Helnwein über die Rolling Stones, Los Angeles, April 2, 2012
NEWS: Wie wurden Sie zum ersten Mal auf die Rolling Stones aufmerksam? Wann war das, wo, und welcher Song hat Sie besonders beeindruckt?
 
GOTTFRIED HELNWEIN: In meiner Kindheit und Jugend war die Luft, die wir atmeten immer noch vom langen Atem des Tausendjährigen Reichs verpestet. Ich und meine Generation - hat die Spiesserwelt, die wir vorfanden als Zumutung empfunden, sie war unerträglich, aber wir waren hilflos, wir konnten uns nicht artikulieren und wir wussten nicht, wie wir uns dagegen wehren sollten.
Es gab vor den Beatles und den Stones keine Vorbilder, keine Gegenkultur. Wir wussten nur, dass uns unsere Elterngeneration peinlich und unangenehm war und dass wir eigentlich nichts mit ihr zu tun haben wollten.
Ich kann mich erinnern, als dann die Beatles kamen, war das eine Erschütterung, eine Ungeheuerlichkeit, die bei der Generaton meiner Eltern Panik auslöste. Immer wieder hörten wir die Rufe: ‚Die gehören vergast, unterm Hitler hätte es das nicht gegeben!’ Wir ließen uns die Haare wachsen und wurden auf der Straße auch immer so begrüßt: ‚Ihr Gesindel, Ihr gehört's vergast!’ Ich war eigentlich kein Beatles-Anhänger. Ich fand sie interessant, aber erst der Auftritt der Stones war für mich das Schlüsselerlebnis.
Es gab ja damals zwei Lager, die Beatles und die Stones Anhänger, die sich eine Zeitlang feindlich gegenüberstanden. Ich war immer auf der Seite der Stones. Die Beatles hatten ja am Anfang dieses gestylte, uniforme Band-Image mit ihren Pilzköpfen, schmalen Krawatten und den schicken Anzügen.
Die Stones waren ganz anders, wild, verwahrlost, ungezügelt, verwegen. Es war die Ahnung einer Zeit des Ungehorsams, des Widerstands, der Rebellion. Sie haben uns den Geschmack von Freiheit vermittelt. Ihre Lieder waren härter, aggressiver, anarchistischer. Ich konnte mir keine höhere Form künstlerischer Existenz vorstellen, als mit den Rolling Stones auf der Bühne zu stehen und das Publikum in eine Ekstase zu versetzen. Sie nahmen sich einfach alle Freiheiten und alle Mädchen und verhöhnten die Welt unserer Eltern.
Und sie sahen vor allem genau so aus, wie wir gerne ausgesehen hätten. Für uns biedere, eingeschüchterte Nachkriegskinder, die wir wie Ministranten da standen, mit roten Ohren und Hitlerjugend-Haarschnitt - vorne ein Schopf und hinten bis zum Wirbel hinauf geschoren - für uns waren sie wie Götter, die aus einer höheren Welt zu uns heruntergestiegen waren.
NEWS: Können Sie sich an einen Song erinnern, der Sie zu der Zeit am meisten fasziniert hat?
 
GOTTFRIED HELNWEIN: Ich fand sie alle gut, aber ‚I Can’t Get No Satsifaction’ stach heraus.
NEWS: Hat die Musik der Rolling Stones Sie später in Ihrer Malerei inspiriert?
GOTTFRIED HELNWEIN: Der Geist ihrer Musik, ihre Kreativität und ihre Haltung, gehören zu den wenigen Dingen von denen ich sagen würde, sie waren Inspiration für meine Arbeit.
NEWS: Wie kamen Ihre Stones Porträts zustande?
GOTTFRIED HELNWEIN:
In 1979 machte der Stern eine Große Rolling Stones Geschichte. Keith und Mick waren damals zerstritten und seit einiger Zeit getrennt, aber sie sollten nun wieder gemeinsam auf Welt-Tournee gehen. Man hatte einen Photographen und eine Journalistin geschickt und ich sollte Mick Jagger für den Cover zu malen. Ich fuhr nach London und alle warteten, da Keith Richards erst einmal nicht kam, wie angekündigt Dann hieß es, er käme und alle sind hysterisch im Büro auf und ab gelaufen, aber dann kam er doch wieder nicht. Als Keith endlich auftauchte, sah er Mick - und drehte sich wortlos wieder um und war weg. Dadurch war ich über zwei Wochen in London und war ständig mit der Stones-Mannschaft zusammen. In dem Büro hingen einige alte, gerahmte Zeitungsausschnitte an der Wand unter anderem einer mit der Headline ‚Beatles against Stones’.
NEWS: Kam das Porträt von Mick Jagger letztendlich zustande? Ist er für Sie gesessen?
GOTTFRIED HELNWEIN:
Als ich Mick für die erste Foto-Session traf grinste er und sagte: "Will you paint me with bandages?"
Diese Fotoserie war dann die Grundlage für das Portrait, das später als Stern-Cover erschien.
Eines Tages hat es dann geklappt, und die Stones trafen sich das erste mal in den Shepperton Studios in London, um zu proben. Das war Weihnachten für mich! Ich durfte die ganze Zeit dabei sein und saß eineinhalb Meter von den Rolling Stones entfernt und sah, wie sie Schmäh führten und wie ihnen die Gitarren umgehängt wurden, Keith grinste mir mit einem Tschick im Mundwinkel zu und griff in die Saiten. Mick wusste einige male nicht weiter im Text, dann beugte er sich über das Klavier und sah in irgendwelchen Zetteln nach.
Das war mein kurzer Blick ins Himmelreich!
NEWS: Konnten Sie die ganze Session fotografieren?
GOTTFRIED HELNWEIN: Nein, ich war ja nur als Künstler dort, nicht als Journalist oder Photograph. Ich habe nur Portraitfotos von den Stones gemacht. Im Nachhinein muss ich sagen, ich hätte während der Session fotografieren sollen, aber ich habe nicht daran gedacht. Ich saß nur mit offenem Mund da und starrte ergriffen auf die Herrgötter, die da direkt vor mir gnadenlos aufgeigten.
NEWS: Konnten Sie den Kontakt mit den Stones aufrecht erhalten?
GOTTFRIED HELNWEIN: Ja, ich habe Bill Wyman einige male danach getroffen und vor allem Keith Richards. Ich habe ihn später immer wieder fotografiert, ein Mal, an der Berliner Mauer. Keith hatte das grösste Charisma von allen, er ist die absoute Personifizierung des Sex-Drugs and Rock ’n Roll Mythos.
Mick war mehr sexy, er war die Stimme und die Show, aber Keith war die erdige, dunkle Seele des Rock ’n Roll. Beide waren gleichmassen notwendig.
Nur im Spannungsfeld zwischen Mick und Keith konnte diese Jahrhundert-Musik entstehen, so wie die Beatles aus der Symbiose John Lennon und Paul McCartney entstanden sind.
NEWS: Was ist das Besondere an Keith Richards?
GOTTFRIED HELNWEIN: Keith ist eine Ausnahmeerscheinung. Er hat ein unendlich großes Herz, das so schwarz ist wie das tiefste Afrika! Er ist der Mann, den man sich als Freund wünscht. Meine fotografischen Porträts von ihm zeigen ein Gesicht, das die ganze Geschichte des Rock ’n Rolls wiederspiegelt. Er ist der letzte grosse Pirat.
Einmal sah er bei mir ein Foto, das ich von William Burroughs gemacht hatte. Er hat es sofort an sich gerissen und gesagt:‚Das gehört mir!’ Er erzählte mir, dass er immer wieder darauf angesprochen wurde, dass seine Musik vom Geist her an William Burroughs erinnere. ‚Ich wusste gar nicht, wer das war', sagte er, 'und habe dann begonnen seine Bücher zu lesen. Da wusste ich, ich habe einen Bruder gefunden'.
NEWS: Sehen Sie ihn noch?
GOTTFRIED HELNWEIN: Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, aber im Tempel meines Herzens brennt immer eine Kerze für ihn.
Gotttfried Helnwein and Keith Richards
1990
Keith Richards
1991




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