Interviews
May 17, 2013
Wiener Zeitung
Christina Böck
Gottfried Helnwein im Interview
Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
Ab 25. Mai zeigt die Albertina eine große Retrospektive von Gottfried Helnweins Arbeiten. Vieles davon wird zum ersten Mal in Wien zu sehen sein. Mit der "Wiener Zeitung" sprach der 64-Jährige, der für seine hyperrealistischen, verstörenden Bilder bekannt ist und der in Los Angeles und Irland lebt, in einer Ausstellungsaufbau-Pause.
"Wiener Zeitung": Die Vorbereitung auf dieses Interview hat mir Träume von Ihren Bildern beschert. Ist das Absicht?
Gottfried Helnwein: Ich fürchte, ja. Bei meinen Bildern scheint es so zu sein, dass sie sich im Unterbewusstsein einnisten. Ich treffe in Wien dauernd Menschen, die mir sagen, dass meine Bilder sie seit ihrer frühesten Kindheit beschäftigen. Ich glaube nicht, dass Gerhard Richter so etwas passiert. Es ist schön, wenn Bilder im Museum hängen, aber noch schöner ist es, wenn sie in den Köpfen der Menschen sind.
Ihre letzte Ausstellung in der Albertina war 1985. Diesmal wird es skandalfreier zugehen: Ist die Kunstrezeption leidenschaftsloser?
Ja, weil auch die Kunst leidenschaftsloser geworden ist. Dieser Minimalismus, der ohne intellektuelle Interpretation nicht leben kann, damit kann der durchschnittliche Mensch nichts anfangen: Wenn der Raum leer ist und da geht das Licht die ganze Zeit aus und an, woher soll der wissen, ob das Kunst ist oder ob er den Hausmeister rufen soll. Wenn ein Experte sagt, das ist eine Metapher für das Auf und Ab des Lebens, da kriegt eine Leiche künstliches Leben eingehaucht.
Schuld ist die Investmentbanker-Realität, die alles durchdrungen hat, die Kunst seit den 80ern. Der Markt ist so bedeutend, da hat die Kunst sehr gelitten. Bei meinem Galeristen in San Francisco rufen Leute an und sagen, sie möchten zehn Bilder vom Helnwein. Die wollen die Bilder gar nicht sehen, er soll ihnen nur die Preise schicken. Leute kaufen heute keinen Richter, weil sie sich in das Bild verliebt haben - das ist eine Trophäe. Es gibt ja immer mehr Superreiche, und wie sollen sich die von den anderen Superreichen unterscheiden? Yachten haben die auch. Aber man kann sich absondern, indem man sich ein Bild um 18 Millionen an die Wand hängt.
Die Kunst thematisiert das Dilemma aber gar nicht.
Nein, ich vermisse, dass die Kunst auf die Zeit reagiert, die Situation der Menschen. Kunst persifliert sich selber, reflektiert zu anderen Kunstwerken, das ist ein Insiderspiel geworden.
Sie leben in den USA, aber mögen Sie Amerika überhaupt?
In Amerika kann ich aus der Loge verfolgen, wie die westliche Welt zusammenbricht. Besonders in L.A., das hat so eine unabsichtliche Ehrlichkeit, das ist wie eine Wunde, die man nicht verbinden muss. Da kugeln die Ärmsten auf der Straße herum, dann gibt es die Viertel mit den Reichsten, man sieht den Verfall, das Essen ist genmanipuliert. Leute kommen aus Kriegen verkrüppelt zurück oder sterben. Es erinnert mich immer an Rom - ein Imperium, das sich selbst zerstört.
Sie haben auch gesagt, dass Sie in Amerika erst festgestellt haben, wie europäisch Sie sind. Wie denn?
Ich habe der amerikanischen Kultur viel zu verdanken. Meine ersten Filme waren amerikanische Filme, Elvis, Donald Duck, aber auch Literatur von William S. Burroughs oder Bukowski. Aber ich könnte nie Amerikaner sein. Ich bin zutiefst Österreicher. Erst wenn man nicht hier ist, merkt man, was man vermisst: die selbstverständliche Kultur, die in den Menschen ist. Ein Geschichtsbewusstsein, das gibt es in Los Angeles nicht. Da gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur das "Now". Wenn man von der Vergangenheit nichts weiß, interessiert einen die Zukunft auch nicht sehr. Und die Sprache geht mir ab, ich kann mich am besten ausdrücken im ordinärsten Wiener Dialekt.
In den Uffizien in Florenz hatten Sie eine Art kulturelles Erweckungserlebnis...
Mein Interesse war früher nur bei Street Art, Trivial Art, Comics, Popmusik. Das war auch eine wichtige Phase, die Auflehnung gegen die Vätergeneration, die Weltkriegsgeneration. Aber in den Uffizien hab ich dann diese unfassbare Qualität und Intensität erlebt, ich kann gar nicht erklären, was mich so ergreift. Aber seit ich in den USA lebe, wird mir bewusst, welche einmalige Sache die abendländische Kunst ist. Das war eine ästhetische Qualität auf einer Höhe, das hat es nie woanders gegeben. Und es ist zu Ende. Aber es ist nicht tot. Die Europäer haben viel Leid über die Welt gebracht, aber auch die größte Kultur aller Zeiten. Damit fühl ich mich verbunden.
Die Popkultur mit ihrem Retrowahn und Selbstzitaten ist aber auch langweilig geworden, oder?
Jetzt ist alles superscheiße. Die 60er waren eine aufregende Zeit, Hendrix, die Rolling Stones, die Beat Generation, die Pop Art. Das war eine wichtige Phase, aber es ist tot. Wenn das in alle Ewigkeit wiederholt wird, ist Stillstand. Musik wird heute von einer Industrie beherrscht, das hat mit Kunst nichts zu tun. Es gibt nur wenige Künstler, einer davon ist Jack White, der ist ein Genie, ein großer Poet, auf eine unaufdringliche Art sperrig und rebellisch.
Was ist exemplarisch superscheiße?
Diese ganze Mainstream-Musik, dieses Gejeiere. Es ist die Zeit des Justin Bieber, das muss man sich vorstellen! Dann denkt man, tiefer geht’s nicht mehr, man hat den absoluten Urgrund erreicht und dann kommt: Gangnam Style. Da kann man nur aufgeben.
Sie haben früher Künstlerporträts gemacht, fällt es Ihnen heute schwer, Protagonisten dafür zu finden?
Viel schwerer, damals gab es noch charismatische Gestalten, das ist heute viel dünner gesät. Einen Justin Bieber will ich nicht malen! Sean Penn wäre noch ein interessanter, sperriger Typ.
Sie haben schon in den 1970ern quasi die Bilder zu den aktuellen Missbrauchs- und Misshandlungsskandalen gemalt - haben Sie das vorausgesehen?
Anfang der 70er, als ich das gemalt habe, haben ja noch viele vermutet, dass ich pervers oder geisteskrank bin. Zu der Zeit sind diese Dinge gerade passiert, nicht nur in katholischen Heimen, auch in staatlichen und evangelischen. Ich denke, wirkliche Kunst muss zu bestimmten Zeiten visionär sein. Ich wusste ja nichts von den Vorgängen, aber ich habe genau diese gequälten Kinder gemalt. Das war in der Luft. Ich merke das oft, etwa beim Fritzl-Fall: In solchen Situationen, wo die Erklärungen ausgehen, fällt man auf die Kunst zurück. Eine Zeitung hat geschrieben: Man wird vielleicht beginnen zu verstehen, wenn man österreichische Literatur liest und vor allem die Arbeiten von Helnwein anschaut.
Die US-Serie "American Horror Story" hat sich kürzlich genüsslich an Ihrer Optik bedient. Kennen Sie die?
Nein, aber das haben schon viele gemacht. Ich weiß etwa, dass David Fincher beim Dreh vom Stieg-Larsson-Krimi "Verblendung" der Hauptdarstellerin meine Bilder von Kindern gezeigt hat und gesagt hat, "That’s the spirit": Die Unschuld, die Verletzlichkeit, aber auch das Ungebrochensein. Beim "Schweigen der Lämmer" hat man sich an meinen Maskenarbeiten orientiert.
Auf einem Donaldisten-Twitteraccount ist das Donald-Zitat zum Tag: "Herr Doktor, gibt es ein Mittel gegen Schlafwandeln?" - "Aber ja! Handschellen und Zwangsjacke!" Ist das ein gutes Motto?
(lacht) Für Donald schon, für mich nicht. Ja, Schlafwandeln gehört dazu. Ich weiß übrigens, welche Donald-Duck-Geschichte das ist. Meine Kinder sind da auch bestens ausgebildet. Man muss große Kultur weitergeben!




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