Interviews
May 24, 2013
Schau Magazin
Wien
Chris Berndl
Das Spießertum zieht immer den Kürzeren
Interview
Raus aus der Komfortzone. Im schau-Interview anlässlich seiner Retrospektive in der Wiener Albertina fordert uns Gottfried Helnwein auf, wieder selbst aktiv zu werden. Obwohl er die Welt längst in den Fängen von globalen Megakonzernen und Turbokapitalismus sieht, hätte jeder von uns die Macht, etwas zu ändern. Hinterfragen, auflehnen und boykottieren lautet seine Devise.
Gottfried Helnwein
2013
schau: Ab 25. Mai läuft in der Albertina eine Retrospektive. Wie trifft man da die Auswahl?
Gottfried Helnwein: Das ist ein kreativer Kampf zwischen den Kuratoren und mir – bis zur letzten -Minute. Es geht darum, welche Werke für die Ausstellung ausgewählt werden und wie sie gehängt werden.
Wird aus dem Gesamtwerk geschöpft? Oder gibt es Werke, auf die man keinen Zugriff hat – weil sie sich etwa in anderen Sammlungen befinden?
Es ist eine Retrospektive, und wir haben versucht, so umfangreich und vollständig wie möglich meine ganz frühen Arbeiten (Aquarelle, Anm.) aber auch Aktionsfotos, Zeichnungen bis zu den letzten grossformatigen Bildern zu -zeigen.
Ich habe gelesen, dass für sie der Kunstbegriff am besten durch eine Aussage von Marcel Duchamp definiert wird: Das Wechselspiel zwischen Publikum und Künstler, bei dem jeder 50 Prozent in dieses Verhältnis einbringt und dann eine Spannung zwischen diesen beiden Polen entsteht – und damit auch die Kunst beeinflusst. Stimmen Sie der Deutung zu, dass sich damit auch die Werke ändern, weil auch das Publikum wechselt?
Nein, mein Programm richtet sich nicht nach dem Publikum. Ganz im Gegenteil. Aber das Publikum ist ein wichtiger Faktor für mich. Ich mache das nicht für mich. Wäre ich allein auf der Insel, würde ich nicht malen. Ich male nicht aus therapeutischen Gründen. Für mich ist es ein Dialog. Ich richte mich an jemanden, ich will, dass jemand meine Arbeit sieht. Das Kunstwerk ist erst beendet, wenn -jemand emotional darauf reagiert, wenn es eine Reaktion auslöst, wenn es in den Köpfen der Leute irgend etwas anstößt. Dann ist es für mich Kunst.
Versucht man auf Dinge einzugehen, die emotional im Publikum vorhanden sind?
Ich richte mich überhaupt nicht nach dem Publikum. Auch nicht nach dem Kunstmarkt. Jeder Künstler muss seine Aufgabe herausfinden. Die Kriterien dessen, was er macht, kennt nur der Künstler. Das erwarte ich von jedem anderen bedeutenden Künstler. Dass er originär ist und dass er etwas hervorbringt, das überrascht. Es muss einzigartig sein. Leute, die kopieren, gehören nicht dazu.
Kunst kann auch überfordern. In Ihrem Werk war es immer so, dass es auch durchaus heftige Diskussionen gab. Ist das etwas, das sie begrüßen?
Relevante Kunst wird immer überfordern – Gott sei Dank. Wenn diese Künstler nicht wären, die skrupellos uneingeschränkt ihre Statements machen und damit das Spießertum aufschrecken, dann würde alles erstarren. Es muss ästhetische Unruhestifter geben, die für Auf-regung sorgen. Spießer wollen keine Veränderung, denn Veränderung löst Panik aus. Künstler stehen aber nur für Veränderung. Das ist das einzige, was ein Künstler tun kann.
Um etwas verändern zu können, im positiven Sinne, muss man die Komfortzone verlassen …
Das ist so, als ob man in einen Hühnerstall hineinschießt. Das muss man von Zeit zu Zeit machen. Dann gibt es eine große Aufregung, alles gackert und flattert herum, aber das legt sich dann wieder. So wie Wassily Kandinsky gesagt hat: Jedes Kunstwerk wird immer Schock und Aufregung verursachen. Die erste Reaktion des Bürgertums ist, es zu bekämpfen und zu vernichten. Aber das Spießertum zieht immer den Kürzeren gegen große Kunst. Und dann kippt die Gesellschaft immer ins Gegenteil: Anbetung. Sie fallen auf die Knie und beten das Kunstwerk an. Sie errichten eine Mauer drumherum und nennen es Museum. Und Kandinsky sagt auch: In dem Moment ist die Kunst aber schon wieder einen Schritt weiter.
In den 70er-Jahren gab es im Pressehaus einen Aufruhr, Ihre Werke mussten vorzeitig abgehängt werden. Wie geht es Ihnen im Vergleich dazu heute? Fallen die Reaktionen milder aus?
Alles ändert sich. Meine ersten Arbeiten haben für große Aufregung gesorgt. Es wurden Ausstellungen abgesagt oder abgebrochen. Damals im Pressehaus kam es zu einem Sturm der Entrüstung – von Journalisten vor allem. Und es hat in Streikdrohungen geendet, um diese Bilder verschwinden zu lassen. Kurt Falk hat das damals sogar verteidigt, aber dann nachgegeben. Die Bilder wurden nach ein paar Tagen entfernt. Es gab aber auch Ausstellungen, wo meine Bilder überklebt wurden. In Mödling liess der Bürgermeister meine Bilder von der Gendarmerie beschlagnahmen. Ich wurde auf alle möglichen Arten bekämpft. Einige Bilder von mir sind im „profil“ erschienen. Das hat dazu geführt, dass viele ihr Abonnement gekündigt haben. Das war der Anfang, aber ich stoße heute noch auf Gegenwind. Obwohl das nie meine Absicht ist. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.
Heutzutage passieren unglaubliche Dinge. Werden Sie manchmal von der Realität überholt?
Was Wahnsinn und Grausamkeit betrifft, wird Kunst immer von der Realität überholt. Es ist auch gar nicht die Absicht der Kunst, damit zu konkurrieren. Die Menschheitsgeschichte ist auch eine Geschichte der Grausamkeit und des Wahnsinns. Das ist heute noch so, nur heute ist es besser kaschiert. Der dritte Weltkrieg hat doch schon längst begonnen: Flächenbombardements, Giftgas, der Friedensnobelpreisträger im Weißen Haus schickt Drohnen, um Leute abzuschlachten. Und damit hat offensichtlich niemand ein Problem. Die Annäherung an das Unbegreifliche und den Wahnsinn wird am ehesten durch die Kunst überhaupt erst ermöglicht. Die Kunst ist auch das einzige Gegenmittel dazu. Denn Kreativität ist das Gegenteil von Destruktion. Kunst hat das unglaubliche Potenzial, alles zu durchdringen. Kunst kann jedes Regime, egal wie viele Panzer es hat, aufweichen und zerstören. Literatur, Musik, Malerei sind gefährlich für jene Leute, die totale Unterdrückung wollen.
In der Akademie haben Sie einmal aktionsmäßig einen Feueralarm inszeniert. Steckte in Ihnen immer schon der Revoluzzer?
Damals war mir sehr nach Aufstand. Ich habe in meiner Jugend nur von Revolution geträumt, denn Wien war damals sehr repressiv. Über der Stadt hing immer noch der Geist des 1000-jährigen Reichs. Meine Elterngeneration war verantwortlich für das größte Verbrechens in der Menschheitsgeschichte. Und Wien war entsprechend intolerant, es herrschte ein grauenhaftes Klima. Rebellion schien damals die einzig mögliche Reaktion zu sein. Das erklärt vielleicht auch die sehr radikale österreichische Kunst, die sehr aggressive Formen gefunden hat, etwa im Wiener Aktionismus. Dieses Klima ließ uns keine andere Chance. Jede Kunst ist immer auch eine Antwort auf den Zustand einer Gesellschaft, eine Reaktion darauf. Jede Gesellschaft kriegt die Kunst, die sie verdient.
Sie leben jetzt in Irland und Los Angeles. Wie ist es, jetzt nach Wien zurückzukommen?
Es ist gut für mich, an verschiedenen Orten zu leben. Man verliert so die klare Sicht nicht. Aus der Distanz kann man Zustände manchmal besser beurteilen, als wenn man zu nah dran ist. Wien hat heute ein viel freieres Klima, es ist wieder zu einer Weltstadt geworden. Schade finde ich nur, wie hier in den letzten Jahren die Dachlandschaft zerstört wird. Internationale Spekulanten kaufen alles auf. Architektur ist ein ganz wichtiger Teil der Kultur, und die wird mit unpassenden, asymmetrischen Gebilden, die man oben auf die Häuser stülpt, vernichtet. Das finde ich schade. Auch wenn Barockhäuser entkernt werden und irgend ein Yuppie--Architekt irgend eine Scheiße hineinbaut – da blutet mir das Herz.
Zum Thema Comic: Bambi zählt zu ihren Lieblingsfilmen …
… es ist der Lieblingsfilm meiner Enkelin, deswegen habe ich ihn schon 100 Mal gesehen (lacht). Ich halte Disney für eines der größten Genies. Walt Disney und Picasso waren die beiden grossen künstlerischen Gestalter des 20. Jahrhunderts. Beide haben auf ganz unterschiedliche Weise gigantischen Einfluss genommen, der auch heute noch zu spüren ist.
Disney lebt vom Abtauchen in Phantasiewelten: Wird das immer wichtiger?
Das wird immer wichtig sein. Kunst ist eine Alternative zur physikalischen Welt, die begrenzt ist und schmerzt. Novalis sagt: Kunst heilt die Wunden, die der Verstand schlägt.
Viele sehnen sich heute wieder nach Entschleunigung. Sind Sie jemand, der die Natur liebt?
Gott sei Dank gibt es auch eine Bewegung, die gegen den Raubbau vorgeht. Es sieht derzeit nach einem aussichtslosen Kampf aus. Monsanto und andere Monster-Konzerne haben ein eindeutiges Ziel: das weltweite Monopol auf Saat zu bekommen, die keine neue Saat hervorbringt und die Vielfalt unserer Pflanzenwelt zu vernichten. Das halbe Weiße Haus besteht aus Ex-Monsanto-Leuten. Die andere Hälfte sind Banker. Es ist eine Tatsache: Der Kapitalismus hat gewonnen. Die Macht, die diesen Planeten regiert, ist der Superkapitalismus. Es gibt keine Demokratien, es gibt nur Oligarchien. Internationale Grosskonzerne und Banken kontrollieren Regierungen und bestimmen, was läuft. Die Länder der EU sind dabei ihre Souveränität zu verlieren– und niemand bemerkt es.
Zurück zur Natur: Ist das für Sie ein Ort der Kraft?
Ja, aber ich liebe auch das Urbane. In Los Angeles habe ich einen Logenplatz, um live mitzuerleben, wie die westliche Zivilisation sich selbst zerstört. Als Gegenpol habe ich Irland, wo ich auf dem Land inmitten unberührter Natur lebe. Dort sehe ich nur Wälder, Schafe und Kühe. Das ist mir sehr wichtig, das brauche ich.
Gibt es Ausstiegsszenarien zum Kapitalismus?
Es passiert viel zu wenig. Der Turbokapitalismus gewinnt. Die korrupten Politiker in Brüssel sind umzingelt von unzähligen Lobbyisten fest in der Hand großer Konzerne.
Die Gegenwehr müsste also aus der Masse kommen?
Die Menschen müssten sich wehren, sie hätten auch die Macht. Der Konsum funktioniert nur, wenn sie daran teilnehmen. Man müsste sich weigern, die ganze Scheiße, die genmanipuliert und voll mit Chemie ist, zu kaufen. Man müsste auf Bio-Waren bestehen und alles ablehnen, was mit Giftstoffen und Chemie in Berührung gekommen ist.
Warum sind die Leute so schwer davon zu überzeugen?
Man hat die Menschen mit Überfluss überschwemmt. Alle Diktaturen der Vergangenheit hatten eines gemeinsam: Mangel, Hunger. Hungrige Leute sind gefährlich. Aber wenn man übersättigt ist, dann wird man apathisch. Deshalb wird es auch keine Revolution geben. Das ist vorbei. Wenn man an die Au-Besetzung denkt: Es müssen nur genug Leute aufstehen und sich gegen etwas wehren. Wenn man der Politik und Großindustrie freie Hand lässt, würden wir alles verlieren. Dann gäbe es heute auch keine Au mehr. Man muss Autoritäten gegenüber immer misstrauisch sein. Man muss sich wehren. Aber es gibt auch positive Ausnahmen, Landeshauptmann Pröll etwa. Er will Niederösterreich innerhalb von drei Jahren auf grüne Energie bringen. Das Burgenland ist ja jetzt schon energieautark. Kleinere Einheiten können das durchsetzen, wo die große Politik versagt.
Small is the new big?
Ja, das beweist auch Arnold Schwarzenegger mit seiner globalen Klimainitiative Region20.
Vielen Dank fürs Gespräch!




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