Interviews
May 20, 2016
Kurier
Michael Huber
Das-Problem-ist-dass-die-Leute-nicht-wissen-wohin
"Das Problem ist, dass die Leute nicht wissen, wohin"
Gottfried Helnwein über den Wandel in Politik und Medien und die Rolle politisch engagierter Kunst
Interview
Gottfried Helnwein vor seinem Bild „Anbetung der Könige“, Albertina Wien
2013
1986, zur Zeit  der Waldheim-Affäre, malte Oswald Oberhuber eine Protestnote und ließ Kollegen unterschreiben. Alfred Hrdlicka baute aus Protest ein „hölzernes Pferd“. Heute scheinen politische Statements von bildenden Künstlern rar. Der in Irland und den USA lebende Maler Gottfried Helnwein erklärt die geänderte Lage.



KURIER: Melden sich Künstler heute in politischen Fragen weniger zu Wort als früher?

Gottfried Helnwein: Auch in der Vergangenheit waren nur wenige Künstler politisch, die meisten sind in ihrer Kunst aufgegangen. Doch Künstler, die sich als Chronisten, Mahner, Kritiker oder Nörgler verstehen, hat es immer gegeben. Ich glaube schon, dass ich in dieser Tradition stehe.

Sie waren mit Ihren Arbeiten stets auch in den Massenmedien präsent.

Die Motivation zu arbeiten  war für mich stets eine Reaktion auf gesellschaftliche Zustände. Was ich an der Zeit jetzt interessant finde, ist, dass eine tief greifende Veränderung stattfindet. Das Zweiparteiensystem, das in der   westlichen Welt einbetoniert war, hält nicht mehr. Die Leute wollen nicht mehr. Bisher hatte die Presse, die stets auf  Seiten des Establishments stand, großen Einfluss, aber das verliert sich auch, weil  unzählige  mehr oder weniger unabhängige Medien und Foren im Internet zu Informationsquellen werden. Der Widerstand findet heute nicht mehr wie in den 60er Jahren auf der Straße statt, er hat sich  in den Cyberspace verlagert, er ist raffinierter geworden und daher schwerer zu bekämpfen. Das Problem ist aber, dass die Leute innerhalb des etablierten Parteiensystems nicht wissen wohin – und so passiert eine Abwanderung zur extremen Rechten oder zur extremen Linken.

Haben Sie eine Zukunftsvision?

Ich bin kein Hellseher, aber zum einen gibt es die  greifbare Realität eines neuen Dystopia:  Wir haben eine Kombination aus totaler Überwachung und einer „Brave New World“ mit Genmanipulation, Glücksdrogen und so weiter. Für mich besteht aber die Hoffnung, dass durch das Internet dieses  System anfängt, Risse zu kriegen. Dass Snowden noch lebt, dass man Informationen bekommen kann, die man eigentlich nicht kriegen sollte – das gibt Anlass zur Hoffnung.

Das Internet verändert auch die Art, wie Menschen Kunst sehen. Wie erleben Sie das?

Generell wird durch das Internet schon alles trivialisiert, muss man sagen; dieser Selfie-Wahnsinn ist ein Übel. Aber es gibt auch Vorteile.  Ohne dass  ich viel dazu getan habe, werden meine  Bilder von Menschen gesehen, die nie Zugang zu einem Original gehabt  haben und nie in eine Ausstellung kommen könnten. Das ist, was mich betrifft, im Sinn des Künstlers. Ich habe Kunst immer als Dialog verstanden, ich mache Bilder nicht für mich selbst.

Woran arbeiten Sie gerade?
 
Das Kind ist nach wie vor zentrales Thema meiner Arbeit, weil man anhand von Kindern vieles sichtbar machen kann. Ich sehe, wie heute durch rücksichtslose Politik Kinder leiden – das betrifft etwa das Flüchtlingsproblem, das einer der Gründe ist, warum die Leute sich verbittert von Parteien abwenden. Merkel hat den Rechten in die Hände gespielt. Diese neue Völkerwanderung, der Ansturm von  Millionen Menschen,  die in Panik ihre Heimat verlassen, ist ein komplexes Problem,  und es wäre  durchaus möglich, zwischen  Flüchtlingen, denen man unbedingt helfen muss, und Kriminellen, die in deren Windschatten ins Land kommen, zu differenzieren.   Mit dem Satz „Wir schaffen das“ und der Hoffnung, das irgendwie auszusitzen, lässt sich das Problem nicht in den Griff kriegen. Das ist politischer Wahnsinn.

Gibt es etwas, das Sie zornigen Bürgern in Österreich gerne sagen wollen?

Ich sehe mich nicht als moralische Instanz, die irgendjemandem etwas zu sagen hat.  Ich denke, es ist das beste, den eigenen Kopf zu verwenden. Das Gefährliche ist immer, wenn Leute sich das ersparen wollen und fertige Glaubensbekenntnisse übernehmen. Menschen, die nachdenken und zu eigenen Schlüssen kommen, sind für jedes autoritäre Regime gefährlich – deshalb wurden Bücher verbrannt, um zu  verhindern, dass Menschen lesen und zu denken beginnen. Das Internet lässt sich aber nicht verbrennen, und das ist eine Chance, die wir  ausnützen sollten.

(KURIER) Erstellt am 20.05.2016, 06:00




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