News Update
September 14, 1992
Schweizer Illustrierte
Carl Just
Der nackte Jeanmaire
Künstler Helnwein schockt die Schweiz
Jeanmaire erregt die Schweiz von neuem: Das Plakat zu "Jeanmaire - ein Stück Schweiz" zeigt den "Landesverräter" völlig nackt! Und noch bevor es hing, wurde das provokative Bild des österreichischen Kultkünstlers Gottfried Helnwein verboten. Die Hosen hat er ihm runtergelassen, den Brigadierhut durfte Jeanmaire behalten: Gottfried Helnwein, österreichischer Kultkünstler, in seinem Atelier in Burg Brohl bei Bonn mit dem Original zum Theaterplakat.
"Malerei muss sein wie Rockmusik - mitreissend, von einer elementaren Kraft und Intensität." Das ist das Credo des Malers Gottfried Helnwein, 43. Und weil er tatsächlich malt wie Rockmusik, erhitzen sich an den Werken des Österreichers immer wieder die Gemüter.
Auch das jüngste Werk Helnweins ist wie Rockmusik. Und es wird - vor allem in der Schweiz - die Gemüter erhitzen. Die Rede ist vom Bild für das Plakat zu "Jeanmaire - ein Stück Schweiz", das Helnwein im Auftrag von Theaterproduzent Lukas Leuenberger gemalt hat. Das Manifest zeigt den gefallenen Einsterngeneral und angeblichen "Landesverräter des Jahrhunderts" splitternackt und mit heruntergelassener Hose. Mit nichts an ausser dem Eichenlaubhut des Brigadiers.
In Bern ist es bereits zum Eklat um dieses Plakat gekommen. Die Allgemeine Plakatgesellschaft, die das Helnwein-Sujet ab Montag an ausgewählten Standorten der Stadt Bern plazieren sollte, weigerte sich jetzt im letzten Moment: "Wir sind aus moralischen und ethischen Gründen nicht bereit, dieses Plakatsujet in den Aushang zu bringen", teilte Direktor Roland Petitmermet dem Auftraggeber Lukas Leuenberger am späten Freitagnachmittag mit. Auch das Polizeiinspektorat der Stadt Bern und die Polizeidirektion des Kantons Bern hätten die Plakatwerber "dringend angewiesen, die Plakate in dieser Form nicht zu publizieren". Werbung "mit polemischem und anstössigem Charakter" sei in Bern verboten.
Leuenberger reagierte stocksauer: "Ich habe das Plakat vorgelegt. Die Verkaufsabteilung war bereit, den Auftrag auszuführen - gegen eine Vorauszahlung von 3300 Franken in bar. Und jetzt im letzten Moment das!" empörte er sich. Auf einen mündlich gemachten Vorschlag, das Plakat allenfalls in einer zensierten Form ("ohne Offiziershut und ohne Genitalien") aufzuhängen, will Leuenberger gar nicht eingehen: "Es ist schon merkwürdig, dass die Plakatgesellschaft und die Polizei das Plakat eines weltberühmten Künstlers einfach verbieten können."
Die Leser der 'Schweizer Illustrierten' können das Originalplakat mit nebenstehendem Coupon bestellen - unzensiert.
Für den Maler Gottfried Helnwein kommt die Aufregung nicht überraschend. Er erklärte uns nach der Fertigstellung des Bildes, warum das Plakat "Jeanmaire" so ist, wie es ist: "Wenn ich ein Plakat mache, muss ich ein komplexes Thema, ein Thema, das Bücher füllt, auf ein einziges Bild bringen. In diesem einzigen Bild muss ich die Essenz der Geschichte rüberbringen. Ich muss den Punkt finden, der am meisten menschlich und emotional ist. Für mich war das in der ganzen Affäre Jeanmaire eben diese Szene. Dass Jeanmaire auf dem Bild nackt ist, ist eher zufällig."
Der Kunststar Gottfried Helnwein, Österreicher und in Wien in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen, sitzt in Cowboystiefeln und Jeans, das Stirnband im halblangen Haar, im Innenhof seiner Burg Brohl, eine halbe Stunde südlich von Bonn entfernt. Heute nacht ist "Jeanmaire" fertig geworden, der Meister entspannt sich. So oder ähnlich wie Helnwein den Brigadier auf dem Plakat zeigt, stand dieser am 9. August 1976 wirklich da. Tatsächlich musste sich der 67-jährige Brigadier am Tag seiner Verhaftung vor den beiden Bundespolizisten, die ihn verhörten, nackt ausziehen. In Urs Raubers Buch "Der Fall Jeanmaire" beschreibt der Brigadier die demütigende Situation selber so: "Am Abend wurde ich richtiggehend abgeführt - abgeführt zur schlimmsten Prozedur, die ich in meinem Leben bisher durchgemacht hatte. In einem Zimmer musste ich alle meine privaten Effekten auf einen Tisch legen. Anschliessend befahl man mir Jacke, Hose, Hemd, Socken und Unterhose auszuziehen. Splitternackt stand ich vor den zwei Uniformierten."
Helnwein studierte tage- und nächtelang Hunderte von Fotos, arbeitete die Literatur zum Fall Jeanmaire durch. Und schliesslich blieb er an dieser Szene hängen: "Das ist einfach der Punkt: Ein sehr betagter Mann wird verhaftet, wird nackt ausgezogen. Und wenn einer, der ein Leben lang ein Militär war und eine bestimmte Art von Stolz hat, nackt dasteht, die Hosen unten, dann ist das das Maximum an Degradierung. Jemand, der fast sein Leben lang eine Uniform getragen hat, ist in so einem Moment nackter als andere Leute. Und es ist genau diese Nacktheit, mit der man ihn demütigen wollte. Diese Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein, nachdem er durch eine Intrige über Nacht alles verloren hatte, das wollte ich zeigen mit diesem Moment. Deshalb ist die Essenz der Affäre in dieser Szene. Und deshalb ist Jeanmaire auf meinem Plakat nackt."
Das Plakat, soviel ist sicher, wird heftige Diskussionen auslösen. Helnwein, dem Grossmeister des "Realismus der Grausamkeit", ist es recht so. Immerhin ist er ein Bewunderer der ähnlich provokativen und umstrittenen "Benetton"-Werbung. "Wenn ich merke, dass ich jemanden rühre oder berühre mit dem, was ich mache, habe ich das Gefühl: Das hat jetzt Sinn gemacht!" Und: "Meine Kunst ist auch eine sehr politische Kunst. Daher war der Fall Jeanmaire auch ein Thema, das perfekt passte." Zur Premiere von "Jeanmaire - ein Stück Schweiz" am 23. Oktober in Bern-Liebefeld mit Walo Lüönd als Jean-Louis Jeanmaire stellt die Berner Galerie Righetti/Knie Helnweins Original "Jeanmaire" und weitere Plakate aus. Und die Edition Stemmle in Zürich bringt im Oktober das Helnwein-Fotobuch "Faces" heraus.
Der Wirbel, der um das Jeanmaire-Plakat sicherlich entstehen wird, ist wohl auch ganz im Sinne von Lukas Leuenberger, dem Produzenten des "Jeanmaire" -Theaters. Trotzdem: Auch Leuenberger will mit dem Plakat nicht einfach nur Aufsehen erregen, nicht einfach nur einen Skandal produzieren, um Leute in seine Theaterfabrik zu locken. Das Bild hat, so glaubt auch er, einen tieferen Sinn: "Was man mit Jeanmaire damals gemacht hat, war doch nichts anderes als das totale Entblössen und Zurschaustellen eines Menschen. Man hat ihn in seinen intimsten Intimitäten blossgestellt. Innert weniger Stunden wurde dieser zufriedene alte Rentner zum grössten Sauhund aller Zeiten gemacht", erklärt Leuenberger. Und: "Das Plakat bewegt die Leute auch deshalb, weil die unerledigte Affäre Jeanmaire uns nach wie vor bewegt. Ob uns die Person dieses alten Offiziers nun sympathisch oder zuwider ist - hier haben wir ein Schicksal, wo die offizielle Willkür ganz gewaltig zugeschlagen hat."
Helnwein jedenfalls ist heftige Reaktionen auf seine Bilder gewohnt - er sieht solchen auch bei "Jeanmaire" gelassen entgegen: "Wenn ich sehe, was meine Bilder auslösen, so ist das für mich die Ernte." Und in dem biographischen Interview-Buch "Malerei muss sein wie Rockmusik" hat Helnwein erklärt, warum er glaubt, dass er auslöst, was er auslöst: "Ich muss den Finger immer wieder auf den richtigen Punkt gelegt haben, sonst wären so viele Emotionen, Aggressionen und die Aufregung gar nicht möglich. Es ist nicht mein Bild, vor dem sich die Leute fürchten, sondern es sind die eigenen Bilder in ihren Köpfen."




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