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March 12, 2005
Deutschlandradio
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Von Volkhard App
Schmerz der Kindheit
Gottfried Helnwein in der Ausstellung "Beautiful Children" in Hannover
"Ich habe mich immer mit dem Thema Schmerz und Gewalt beschäftigt, mit dem Holocaust, der deutsch-österreichischen Vergangenheit und mit dem Thema Kindesmisshandlung." Gottfried Helnwein. Wahrscheinlich hat der Schauspieler Sean Penn ja Recht: Die Welt gleiche einem Gespensterhaus, sagte er einmal, und Gottfried Helnwein sei darin unser Reiseführer. Der 1948 in Wien geborene Künstler hat die Schrecken der Wirklichkeit immer wieder in alptraumähnlicher Weise aufs Papier und die Leinwand gebracht - und sie oft auch an Kindern gezeigt. Mit entstellten, vernarbten Gesichtern sehen sie uns an. Diese malträtierten Kinder wirken ohnmächtig gegenüber der Gewalt, die man ihnen antut.
Gottfried Helnwein über sein zentrales Thema:
Ich habe mich seit den frühesten Kindheitstagen immer mit dem Thema Schmerz und Gewalt beschäftigt, mit dem Holocaust, der deutsch-österreichischen Vergangenheit und mit dem Thema Kindesmisshandlung. Ich habe viel recherchiert und Tausende von Bildern gesehen von Kindern, die in Deutschland und Österreich zum Teil von den Eltern missbraucht und getötet wurden. Ich habe mich zu einem Zeitpunkt geäußert, da man - anders als heute - über diese Thematik gar nicht öffentlich gesprochen hat. Dieses Thema, das mich gefangen gehalten hat, war der eigentliche Grund, warum ich zu malen begann. Es war der einzige Weg, wie ich es formulieren und mich damit auseinandersetzen konnte.
Oft sind die Kinder auch in eine unheimliche Szenerie gestellt. So hält eine marienähnliche Frau einen in Licht getauchten Jungen, ist aber umringt von Männern in SS-Uniformen.
Auch an sich selbst hat Helnwein die Gewalt versinnbildlicht. Er zeigt sich häufig mit bandagiertem Kopf, OP-Klammern im Gesicht und hat den Mund zu einem gewaltigen Schrei aufgerissen: Porträts, angesiedelt zwischen Edvard Munchs Ikone und Bruce Naumans rotierenden Köpfen. Diese Selbstbildnisse Helnweins schafften es auf die Titelblätter internationaler Magazine - und eines zierte in den achtziger Jahren sogar eine LP der "Scorpions".
Entsprechen diese Motive denn heute noch dem Lebensgefühl des erfolgreichen Künstlers, der in Irland ein stattliches Anwesen bewohnt und in Los Angeles über ein Atelier verfügt?
Helnwein:
In der Thematik, die mich interessiert, hat sich gar nichts geändert. Ich glaube, das alles ist aktueller denn je. Gerade ein Künstler, der sich mit seiner Zeit beschäftigt, ist dauernd konfrontiert mit Bildern der Gewalt, nicht zuletzt durch die vielen Fotos, die aus Afghanistan und dem Irak kamen mit Leuten, die gefoltert wurden.
Diese Schau hat viel mit den Nachtseiten unserer Gefühle zu tun. Dabei ist Helnwein ein Großmeister der plakativen fotorealistischen Malerei. Man möchte vor den teils riesigen Formaten zurückweichen, geht auf Distanz zu der überdeutlichen Darstellung - und muss doch immer wieder hinschauen.
Helnwein:
Erstmal habe ich nie gemalt oder ein Kunstwerk hergestellt, um zu beweisen, dass ich jemanden erschrecken kann. Das war immer ein Effekt, der mich überrascht hat. Eigenartigerweise habe ich mich daran nie gewöhnen können. Diese Wirkung ist für meine eigene Arbeit aber ganz wichtig geworden, von meiner ersten Ausstellung an: 1971 im Künstlerhaus Wien wurden meine Bildern überklebt. Auf den Aufklebern stand in altdeutscher Schrift: 'entartete Kunst'. Und es sind Ausstellungen verboten, Bilder zerschnitten worden, ich wurde beschimpft. Ich habe in meiner künstlerischen Existenz eigentlich immer einen starken Gegenwind gehabt.
Fragt man Helnwein nach seinen künstlerischen Traditionen, so verweist er auf eine Bandbreite, die sich zwischen alter Kirchenkunst, klassischer Moderne und Donald Duck bewegt. Die deutschsprachigen Micky Maus-Hefte waren für den kleinen Helnwein im grauen Nachkriegs-Wien eine wahre Labsal, das Tor in eine bunte phantastische Welt. Auf einer seiner Zeichnungen sind Picasso und der Entenhausener Erpel aufs Schönste vereint. Auf anderen Bildern Helnweins haben sich aber auch die Disney-Figuren in Düsternis verwandelt: Donald ein Wiedergänger, Micky fletscht diabolisch die Zähne.
Helnwein malt nach Fotos, bringt sie zum Teil auch direkt auf die Leinwand und überarbeitet sie mit Öl und Acryl. Fotos haben in seinem Spektrum aber auch ihren eigenen Wert. Und so präsentiert diese Ausstellung auch Bilder aus der Serie "Faces": einen Andy Warhol, der wie eine Wachspuppe wirkt, und einen Charles Bukowski mit zerklüfteter Gesichtslandschaft, von Helnwein exzellent ausgeleuchtet. Seltsam nur, dass bei diesem historisch sensiblen Künstler auch Leni Riefenstahl neckisch über uns hinwegschauen darf und Arno Breker sogar ein Beuys-Bild von Helnwein in die Kamera hält.
Helnwein:
Da mich die Nazizeit immer interessiert hat und ich mich vom ersten Tag an, da ich lesen konnte, damit beschäftigt habe, wollte ich einfach Zeitzeugen treffen. Ich habe mit vielen Leuten geredet, die im KZ waren. Es war faszinierend, Leni Riefenstahl und Arno Breker zu treffen, weil sie eine Art Symbol waren für eine Kollaboration aus dem Bereich der Ästhetik. Und interessant war es in beiden Fällen zu sehen, wie sehr sie das alles verdrängt hatten.
Helnwein hat es immer wieder verstanden, öffentliche Debatten über zweifelhafte Protagonisten der Geschichte in Gang zu setzen.
Im Wilhelm Busch-Museum steht das künstlerische Werk im Mittelpunkt, das mit einer späten Variante überrascht. Nach den vielen Schreckensbildnissen hat sich Helnwein seiner irischen Wahlheimat zugewandt und zaubert nun schönste Panoramaansichten auf extrabreite Leinwände und fühlt sich dabei erinnert an die frühen Jahre, als er noch mit seinem Freund Manfred Deix durch Österreichs Auen zog und frisch nach der Natur zeichnete. Nun also wirkt Helnwein ganz entspannt im Hier und Jetzt, und zwar auf eine rein künstlerische Art. Der Maler von Narbengesichtern, Nazigrößen und dämonischen Enten scheint seinen inneren Frieden zu finden.




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