News Update
March 30, 2010
Kurier
Wien
Michael Huber
Kultur
Lentos: Störenfriede in besinnlichen Räumen
Stella Rollig, Leiterin des Lentos Museum in Linz, über ihre Sammlung, die Vorlieben von Direktoren und das Wiener MUMOK.
Das Marilyn-Manson-Porträt von Gottfried Helnwein ragt im Linzer Lentos Museum schräg aus der Wand heraus - so, als wolle sich das Bild den Besuchern in den Weg stellen. Immer wieder sind in der neuen Präsentation der Museumssammlung solche "Störenfriede" zu sehen, die sich noch dazu nicht an den chronologischen Aufbau halten: Helnweins Bild hängt neben Andy Warhols Mao-Porträt, Arnulf Rainer neben dem Expressionisten Schmitt-Rottluff, Keith Haring neben Kokoschka.
The Golden Age 1 (Marilyn Manson)
photograph, 2003, 200 x 130 cm / 78 x 51''
"Wir müssen lernen, dass es in den Museen nicht darum geht, Meisterwerke abzunicken, sondern darum, sie zu befragen und lebendig zu halten", sagt Direktorin Stella Rollig. "Das geht eben am besten, indem man Dialoge zwischen neuer und alter Kunst herstellt."
Für Rollig ist die erste Präsentation der Lentos-Sammlung seit ihrem Amtsantritt 2004 auch eine Darstellung ihrer museumspolitischen Vorstellungen. "Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass man versucht hat, den kontemplativen Charakter des Museumsraums zu unterwandern - mit Aktionen vom Kochen bis zur Party", erklärt sie. "Aber das hat man ohnehin überall - warum nicht auf das setzen, was Museen vermitteln können, nämlich Präsenz, Dauer, Besinnung?"
Grundstock & Aufbauhelfer
Mit der Sammlung des Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt, die den Grundstock des Lentos bildet, übernahm Rollig ein problematisches Erbe: Gurlitt hatte vom NS-Kunstraub profitiert, ein Hauptwerk, Klimts "Bildnis Ria Munk" wurde 2009 restituiert.
Rollig, die sich zu einem "offenen Umgang" mit der Sammlungsgeschichte bekennt, versuchte seit 2004, die Fixierung auf Namen wie Klimt und Kokoschka durch aktuelle Kunst aufzulockern. Neuankäufe ihrer Ära umfassen Videos von Gerwald Rockenschaub, Gemälde von Dietmar Brehm und Hubert Scheibl, Objekte von Eva Schlegel und Erwin Wurm.
"Es ist eine enorme Verantwortung, eine Sammlung zu erweitern", erklärt Rollig, die vorrangig Stücke von Künstlern kauft, die im Lentos mit Ausstellungen präsent waren. Sich auf einzelne Sparten zu spezialisieren, findet sie "bei öffentlichen Sammlungen fragwürdig".
"Im MUMOK hat der scheidende Direktor Edelbert Köb stark auf Fotografie und Video gesetzt", sagt Rollig, die beteuert, sich nicht um die Köb-Nachfolge beworben zu haben. "Jetzt kommt eine andere Direktorin, die, wenn man sich ihre Geschichte ansieht, wieder breiter sammeln wird. Da ist es gescheiter, sich auf eine gewachsene Identität zu berufen und möglichst vielfältig darauf aufzubauen."
Heftig kritisiert Rollig die - auch im MUMOK geübte - Praxis, Kunst aus Privatsammlungen auszustellen: "Ich glaube, dass die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft anders aussehen muss, als dass öffentliche Museen sich dafür zur Verfügung stellen, privatwirtschaftlich zusammengestellte Sammlungen zu veredeln", erklärt sie. "Das Schöne an der Arbeit mit Kunst ist doch, dass man damit Überzeugungen weitergibt. Und Ausstellungen zu machen, bedeutet immer auch wissenschaftliche Arbeit im Museum. Das fehlt, wenn ich eine derartige Sammlung reinhole. Dann sind wir nur mehr Aufbauhelfer."
Lentos: Seit 2003 am Linzer Donauufer
Das Museum Das Lentos ging aus der "Neuen Galerie der Stadt Linz" hervor und wurde 2003 eröffnet. Im Kulturhauptstadt-Jahr Linz09 verzeichnete das Lentos mit 117.000 Besuchern einen Rekord, im Jahr zuvor kamen 77.000. Der Großteil des Budgets (3,2 Mio.€) kommt von der Stadt Linz (2,5 Mio. €).
Sammlung Die Neuaufstellung "You Never Know What Will Happen Next" ist bis Ende 2010 zu sehen.




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