News Update
May 7, 2012
Wiesbadener Kurier
Volker Milch
Himmel-der-Toten-Kinder
Himmel der Toten Kinder
Die Israeli Opera beeindruckt mit Helnweins Bühnenbild für "The Child Dreams"
Eigentlich ein schrecklicher Anblick, wenn sich nach der Pause der Vorhang hebt und das Publikum spontan klatscht, weil das Schlussbild der Oper "The Child Dreams"so toll ausschaut. Das Bewusstsein, dass der Himmel voll toter, blutiger Kinder hängt, kommt später an als der atemberaubende Eindruck von Gottfried Helnweins Bühnenbild.
The Child Dreams 6
mixed media (oil and acrylic on canvas), 2011, 239 x 437 cm / 94 x 172''
WIESBADEN: Eigentlich ein schrecklicher Augenblick, wenn sich nach der Pause der Vorhang hebt und das Publikum vor Be­geisterung spontan klatscht, weil das Schlussbild der Oper "The Child Dreams" ("Kinderträume") so toll ausschaut. Das Bewusst­sein, dass der Himmel voller toter, blutiger Kinder hängt, kommt später an als der atemberaubende Eindruck von Gottfried Helnweins Bühnenbild.
Süffig im Walzertakt
Gil Shohats Werk, das die Is­raeli Opera Tel Aviv zu den Mai­festspielen mitbrachte und vom Publikum mit Ovationen gefeiert wurde, verlangt freilich auch kein Hören in Sack und Asche. Komponieren nach - und indirekt auch über - Auschwitz schließt hier Walzertakt, Harfen, Rauschgold und eine Portion Puccini nicht aus, lässt Experi­mente links liegen und steuert mit waschechten Arien und hohem Unterhaltungswert auf Emigration, Leid und Tod zu. Auch Mendelssohn wird zitiert, während ein verblutender Mann und anderes skurriles Personal über die Bühne turnen.
Das könnte schrecklicher Kitsch werden - würde der 1973 geborene Komponist nicht Tra­gik mit Tempo kontrapkunktieren oder die Pathos-Blasen in schö­ner Regelmäßigkeit mil der frechen Klarinette anpieksen und überhaupt mit kunstvoller Instrumentation zu einer Erdung bei­tragen, die auch vor Zirkus und Varieté nicht zurückschreckt. Das klingt unter der furiosen Lei­tung des Dirigenten David Stern sehr unprätentiös und überzeugt gerade deshalb, weil es gar nicht erst versucht, eine Angemessen­heit der Mittel zu erreichen, die es hier ohnehin nicht geben kann. Historischer Hintergrund ist die Geschichte des Flüchtlingsschiffs St. Louis. Der "Kraft durch Freude"-Dampfer wird 1939 von den Nazis mit 906 jüdi­schen Emigranten gen Amerika geschickt. Weder Kuba noch die USA nehmen sie auf. Es bleibt nur die Rückkehr nach Europa.
Das Schiff erscheint in Omri Nitzans vitaler Inszenierung als riesige Silhouette. Ein Grüpp­chen Flüchtlinge in 30er-Jahre­ Kleidung versucht, den Dampfer zu erklimmen. Auf der Gangway spielen sich herzzerreißende Sze­nen zwischen Mutter und Kind ab (bravourös im starken Ensemble: IRA Bertman und Hila Baggio). Aber die Oper will kein realistisches Drama erzählen und sich auch nicht auf den Shoah-Bezug eingrenzen lassen, sondern zeigt allegorische Situationen, in denen das absurde Thea­ter und die Gliederpuppen von Kantors "Toter Klasse" nahe sind.
Dabei kann die Kraft eines Kindertraums auch brutale Gewalt in bunten Spaß verwandeln: Martialisch gerüstete Krieger entpuppen sich als lustige Akrobaten, die ihre Kapriolen rund um das Kinderbett schlagen. Das ist zwischen Jonglage und Salto virtuos in Szene gesetzt - und auch das Publikum wird mit einer an­gesichts des Leidens absurd optimistischen Botschaft, die auf Zetteln vom 3. Rang herabflattert, in die Pause entlassen: "Die Welt ist ein guter und fröhlicher Platz", ist darauf als Zitat aus Hanoch Levins Theaterstück zu lesen, das der Oper zugrunde liegt und aus dem der Omri Nitzan das Libretto destilliert hat: "Ich empfehle allen, die noch nicht geboren wurden, sich mit der Geburt zu beeilen - ihr werdet es nicht bereuen!"
Sicher kann man davon ausgehen, dass die harten Kontraste dieses vitalen Stücks Musiktheater zwischen Tod und (Über-)Leben, zwischen Trostlosigkeit und Hoffnung auch konstitutiv sind für das Lebensgefühl eines Landes der Widersprüche, das es nicht leicht hat. Mit der Europa­-premiere von "The Child Dramas" hat die Israeli Opera die Maifestspiele jedenfalls deutlich bereichert.




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