News Update
May 21, 2013
Vice Magazin
David Bogner
GOTTFRIED HELNWEIN ÜBER TERRORISMUS, KRISE UND GEGENKULTUR
Als Kind hab ich oft Tage damit verbracht, in den Bildbänden Gottfried Helnweins zu blättern und mir die weirdesten Geschichten zu den Bildern von bandagierten Kindern einfallen lassen. Der Maler war Teil meines Aufwachsens—genauso wie die Stones, Mickey Rourke und andere Poster-Bad-Boys der Post- 68er-Generation, der auch meine Eltern angehörten. Helnweins Werk ist vielfältig und berührt uns an den dunkelsten Stellen unserer Seele, des Unterbewusstseins oder als was auch immer ihr die Triebfeder des menschlichen Handelns bezeichnen wollt, die uns Kinder foltern, aber auch Samariter sein lässt. Darüber hinaus hat der Künstler mit seiner Technik, die eine Kombination aus Fotografie und Malerei darstellt, schon in den 70er Jahren eines der wichtigsten Themen der Gegenwart vorweggenommen: die Inszenierung von Bildern und wie wir durch sie manipuliert werden können. Dementsprechend misstrauisch fällt auch das Interview aus.
VICE: Vor Kurzem wurden die mutmaßlichen Boston- Bomber erschossen bzw. gefasst. Hat man die Angst vor erneutem Terror auch bei Ihnen in L.A. gespürt?
Gottfried Helnwein: Nein, hier in den Straßen von Los Angeles merkt man nichts. Das spielt sich alles in den Medien ab und ist eigentlich nichts Neues. Spätestens seit 9/11 erleben wir ständig diese Terror-Propaganda. Es wird die Furcht erzeugt, dass überall Terroristen lauern, und diese Hysterie steigert sich systematisch. Mit dieser Bedrohung lassen sich auch immer mehr Polizeieinheiten und strengere Gesetze legitimieren. Das geht so weit, dass sogar die Verfassung ausgehebelt wird. Das Prinzip Gewalt dominiert unsere Welt und alles wird mit der Phantombedrohung des Terrorismus begründet.
Der Terrorismus eignet sich deshalb so gut dafür, weil er unbestimmbar bleibt. Jeder kann ein Schläfer sein.
Diejenigen, die diese Bedrohung entwarfen, haben auch schon von Beginn an gesagt, dass die Terrorgefahr nie wieder weggehen wird. Es wird das Bild vermittelt, dass der nette Schüler, der Musterknabe, der Nachbar, einfach jeder ein Killer oder ein Terrorist sein kann. Auf diesem Weg wird auch das Denunziantentum gefördert. Benimmt sich jemand komisch, ist jemand anders als normal, soll das sofort gemeldet werden.
In Boston ging der Name Eric Twardzik als Täter durch die Nachrichten, obwohl er nur derjenige war, der ein Bild von einer Verhaftung getwittert hat. Man hat den Eindruck, den klassischen Medien ist nicht mehr zu trauen.
Schon seit Langem nicht mehr. Es gibt ja viele Beispiele, wo ganz bewusst geschwindelt wurde. Selbst CNN werden solche bewussten Tatsachenfälschungen nachgewiesen. Aber man kann auch durch das Aussparen von Informationen manipulieren oder ein Bild verzerren. Schlussendlich läuft es darauf hinaus, ein Regime der Angst zu errichten. Es ist ein klassisches Element jeder Diktatur, einen äußeren Feind zu erschaffen und so viel Angst zu erzeugen, bis die Bevölkerung bereit ist, Freiheit gegen Sicherheit einzutauschen.
Sie sprechen oft vom Untergang der westlichen Welt. Wann haben Sie erste Anzeichen erkannt, dass wir im letzten Kapitel angelangt sind? War 9/11 so ein wichtiger Punkt?
Es fängt früher an. Natürlich stellt 9/11 eine Zäsur dar, weil damals alle Dämme gebrochen sind. Aber eigentlich hat es mit der Ermordung Kennedys begonnen. Ich hab es selbst aktiv miterlebt, als in den 60er Jahren diese alten, verkrusteten Strukturen aufgebrochen sind. Es gab damals eine Eruption des Freiheitswillens, die sich in allem manifestiert hat: Niemand wollte mehr zum Militär, die Leute gingen auf die Straße, ließen sich die Haare wachsen, kleideten sich verrückt, hörten Rockmusik und nahmen Drogen. Daraufhin ist im Establishment Panik ausgebrochen und man hat damals einfach die Notbremse gezogen. Gefährlichere Leute wie Jim Morisson, Jimi Hendrix, Janis Joplin u. a. sind alle in kurzen Abständen unter dubiosen Umständen gestorben. Die Kennedys und Martin Luther King standen für eine neue Zeit und verkündeten mehr Freiheiten. Das Ende ist bekannt.
Es war damals auch die Zeit der Gegenkultur.
Ich glaube, dass die kulturelle Revolution die wichtige war. Diese andere, die neomarxistische der Studenten, die auch überall stattfand, hat meiner Meinung nach in die falsche Richtung geführt. Es gab ja damals das Postulat des „Marschs durch die Institutionen“, der ja auch tatsächlich stattgefunden hat. Nur dass die Institutionen gewonnen haben: Schily, Fischer, Mahler und wie sie alle hießen, sind links unten hineinmarschiert und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Aber in der kulturellen Revolution war die Power, die wirklich auch etwas verändert hat.
Mit dem Fall der Mauer 1989 wurde auch klar, dass die marxistische Bedrohung keine wirkliche Bedrohung war, während die gedankliche, die kulturelle Revolution bis jetzt erhalten geblieben ist.
Deshalb fürchten Diktatoren in erster Linie die Künstler und ihre revolutionäre Ästhetik, die alles penetrieren kann. Als Elvis das erste Mal aufgetaucht ist, war das Establishment so in Panik, dass man gesagt hat, der darf nicht im Fernsehen gezeigt werden—und als er nicht mehr aufzuhalten war, hieß es dann, man dürfe ihn nur oberhalb der Hüften zeigen. Das Establishment hatte Angst, dass alle Jugendlichen hinauslaufen und sich gegenseitig ficken, wenn sie sehen, wie Elvis mit den Hüften wackelt.
Das Problem der neomarxistischen Ideologien ist, dass sie zwar eine verlockende Alternative bieten, aber schlussendlich ein starres Konstrukt darstellen, das noch weniger Freiheit bietet als das vorhandene System.
Richtig. Als Jugendlicher und auch später noch, als ich auf die Akademie gekommen bin, habe ich Tag und Nacht von Revolution und Umsturz geträumt. Damals war eine Veränderung auch dringend notwendig, denn wir mussten alle tagtäglich mit dem grauenhaften Erbe der Nazigeneration leben. Die Hakenkreuze und die Uniformen waren weg, aber es waren dieselben Leute, verkleidet als demokratische Spießer. Wenn man auf der Straße nicht einen Haarschnitt wie ein Hitlerjunge hatte, haben die Leute geschrien: „Ihr g’herts vergast, es Gsindl!“ Die logische Antwort waren Anarchie und Rebellion. In diesem Klima war der Wiener Aktionismus eine Notwendigkeit.
Sie haben damals selbst auch unter dem Titel Akademie Brennt— dem geistigen Vorläufer der späteren Uni Brennt-Bewegung—mit einer wilden Aktion für Aufruhr gesorgt.


An der Akademie und den Universitäten war alles voll mit Neomarxisten, Maoisten, Trotzkisten, Spartakisten usw., die sich gegenseitig bekämpft und Tag und Nacht über die Befreiung des Proletariats diskutiert haben. Dabei waren das lauter Kinder aus wohlhabenden bürgerlichen Elternhäusern und adelige Fräuleins, die noch niemals einen richtigen Arbeiter aus der Nähe gesehen hatten. Ich kannte ein appetitliches Mädchen, das im Schloss ihrer durchlauchten Frau Mama wohnte, aber Parka getragen und ständig Lenin zitiert hat. Ich war wahrscheinlich einer der wenigen, denen das alles schwachsinnig vorkam und die keinerlei Vertrauen in dieses Geschwafel hatte. Deshalb beschloss ich, alles selbst in die Hand zu nehmen und den so langersehnten Aufstand endlich stattfinden zu lassen. Mit zwei Freunden und einer Handvoll Herumtreibern, die wir von der Straße holten, vielen Rauch-, Farb-, Stinkbomben und Feuerlöschern haben wir die Akademie in ein qualmendes Inferno verwandelt. Es brach totale Panik aus und der Sachschaden war beträchtlich. Schließlich trafen die Hundertschaften der Polizei ein und alles wurde abgeriegelt.
Hat man Sie erwischt?
Nein, wir hatten uns durch das Kantinenfenster abgeseilt und waren natürlich längst draußen. Wirklich faszinierend war aber, am Abend den Fernseher einzuschalten und zu sehen, was die Medien daraus gemacht haben. Stolz verkündeten sie, dass es ihnen gelungen sei, mit dem Anführer der Revolution zu sprechen. Das hat mich natürlich einigermaßen erstaunt, da ich mir die Aktion nicht nur ganz alleine ausgedacht, sondern sie auch selbst mit einer Handvoll Leuten durchgezogen hatte, ohne dass sonst irgendjemand davon wusste. Aber im Fernsehen war plötzlich der Jascha zu sehen. Den hatten sie genommen, weil er über 2 Meter groß war und einen gewaltigen Bart und ganz lange Haare hatte, also am ehesten dem Bild des Revolutionsführers entsprach, aber leider völlig unpolitisch war. Dann haben sie noch einen linken Studentenvertreter gefragt, der dann etwas davon gefaselt hat, dass man den linken Flügel nicht mehr länger habe zurückhalten können, was natürlich lauter Käse war, weil er selbst genauso überrascht war von unserem Coup wie alle anderen. Aber für mich war es ein Lehrstück über die Zuverlässigkeit der Massenmedien und deren Talent, Märchen zu erzählen.
Rudolf Hausner, Ihr damaliger Professor, war ja auch ein Neomarxist, oder?

Ja, der Rudl war ursprünglich Professor in Hamburg, wo bereits alles am Kochen war. Die Stimmung an den Unis in Deutschland war viel politischer und radikaler als in Österreich. Das Erste, womit ihn die Studenten damals empfangen haben, war: „Rudi, halt’s Maul, du faschistischer, revisionistischer alter Sack!“ Dann wurde die Parole ausgegeben: „Malen ist ein Frevel auf dem Rücken der Arbeiterklasse.“ Das war so ein Schock für Hausner, dass er beschlossen hat, sich in Wien gleich von Anfang an an die Spitze der Revolution zu setzen, als er seine Professur hier angetreten hat. Und so hat er Marx und Freud gepredigt.
Haben Sie auch künstlerisch etwas von ihm gelernt? Hausner hatte ja eine spezielle Technik entwickelt, bei der, ähnlich wie bei Ihnen, auch Schicht über Schicht gelegt wird.

Die große Stärke von Hausner war es, dass er an seiner Akademie jedem absolute Freiheit gelassen hat. Er hat sich selbst völlig rausgehalten und gesagt: „Von anderen kann man nichts lernen, mein eigenes Werk ist irrelevant für euch. Jeder muss sein eigenes Programm entwickeln.“ Und dann haben wir ihn nie mehr gesehen. Das war für ihn praktisch und für uns auch. Besonders für mich, weil ich mit Autoritäten ohnehin immer Probleme hatte. Ich habe an der Akademie auch nie eine Vorlesung besucht und weiß bis heute nicht, wie die Hörsäle aussehen.
Sie sind jetzt seit fast 10 Jahren irischer Staatsbürger und haben den wirtschaftlichen Aufschwung und Fall Irlands aus erster Hand miterlebt. Aktuell sind aber nicht nur Irland, sondern auch andere EU-Staaten vom Staatsbankrott bedroht. Ist mit der Krise der Währungsunion auch der Europäische Traum bedroht?
Als ich vor 16 Jahren nach Irland ging, war es das freieste Land der Welt. Es gab keinerlei Bürokratie und Künstler mussten keine Steuern zahlen. Man hat sich einfach niedergelassen und das war’s. Keiner hat irgendwelche Fragen gestellt. Man musste nicht einmal einen Führerschein haben, um ein Auto zu fahren. Ich hab jahrelang keinen einzigen Polizisten gesehen, und ich wusste gar nicht, ob die überhaupt eine Polizei haben. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hatte das Land eine der niedrigsten Verbrechensraten der Welt. Es war ein kurzer historischer Augenblick von unglaublicher Freiheit. Das kleine Land erlebte damals den größten Wirtschaftsaufschwung seiner Geschichte, man nannte das stolz „Celtic Tiger“. Heute, nach den Jahren in der EU, nach den Verträgen von Nizza und Lissabon ist das Land bankrott und hoffnungslos verschuldet, den größten Teil ihrer Fischerei-Rechte und die Erdgasvorkommen haben sich internationale Großkonzerne unter den Nagel gerissen. Ein Farmer nach dem anderen gibt auf, weil er die schwachsinnigen und willkürlichen Vorgaben der EU nicht einhalten kann, und Jugendliche finden keine Arbeit mehr und müssen wieder, so wie ihre Vorfahren, das Land verlassen, um in Australien, Neuseeland, Canada oder den USA Arbeit zu suchen. Die sogenannte „European Community“ hat ganze Arbeit geleistet. Ich war einer der wenigen, die von Anfang an gegen diese EU waren, weil sie von internationalen Bankern und Großkonzernen erdacht wurde und nicht von den Menschen Europas. Diese EU hat Europa nicht näher zusammengebracht, sondern eher auseinander. Die Länder verlieren zusehends ihre Souveränität und die Entscheidungen werden längst nicht mehr von Politikern, sondern von Bankern getroffen: der sogenannten „Troika“, dem International Monetary Fund, der European Central Bank, dem ESM in Luxemburg etc.
Ich weiß nicht, woher diese absurde Idee kommt, dass Großbanken altruistische, philanthropische Charity-Organisationen seien, die nur das Wohl der Menschen im Auge haben, und dass sie die Einzigen seien, die über genug Weisheit, Weitsicht, Ethik und Verantwortung verfügen, um die Geschicke der Menschen leiten und die letzten Entscheidungen treffen zu dürfen. Diese Wahnsinnsidee hat sich mittlerweile so tief in das kollektive Bewusstsein gefressen, dass dubiose internationale Banker, Finanzinstitutionen und Rating Agencies inzwischen über den Gesetzen, den demokratischen Entscheidungen der Nationen und den Menschenrechten stehen.
In Wahrheit sind all diese Großbanken natürlich rein private Unternehmen, die niemandem Rechenschaft schuldig sind und die nur ein einziges Ziel verfolgen: maximaler Profit um jeden Preis. Daher ist ein Großteil der europäischen Länder inzwischen zahlungsunfähig, ohne den Bankrott erklären und aus der EU aussteigen zu dürfen. Die Banken drängen den Ländern immer mehr Kredite auf, die sie natürlich nie zurückzahlen können, um die Regierungen dazu zu zwingen, das gesamte Staatseigentum an internationale Spekulanten zu verschleudern, Angestellte zu entlassen, Sozialleistungen zu kürzen, Steuern zu erhöhen und schließlich sogar, wie wir in Zypern gesehen haben, das Privatvermögen der Bürger zu beschlagnahmen. Es ist ein Spiel, bei dem jeder verliert, ausgenommen Goldmann Sachs, J.P. Morgan und Co.
Haben Sie den Eindruck, dass es zu einer Revolution kommt?
Nein, das glaube ich nicht. Das System ist heute viel zu raffiniert und durchdacht. Man hat aus den Fehlern vergangener totalitärer Systeme gelernt. In der Vergangenheit war es immer so, dass sich an der Spitze jeder Diktatur eine Führergestalt befand, mit der das Regime stand und fiel. Die Männer, die heute die Macht haben, sind unsichtbar, sie verbergen sich hinter internationalen Institutionen, Trusts und Firmengeflechten. Wir kennen weder ihre Namen noch ihre Gesichter. Auf den Bühnen der Welt tummeln sich nur Marionetten, die gewählt und wieder abgewählt werden und die in Wahrheit kaum Entscheidungsgewalt haben. Wie kann man jemanden bekämpfen, der unsichtbar ist?
Aber in Griechenland und in London gibt es Aufstände und Randale.

Das sind nur Strohfeuer, die dazu führen, dass sich große Mengen an Polizei, Militär und Sondereinheiten auf die Straßen ergießen und alles niederknüppeln. Und man darf natürlich die alles umfassende Überwachung nicht vergessen. Man kann sich heute auch nicht mehr verstecken. Tito konnte sich noch in die Berge zurückziehen und von dort aus der deutschen Wehrmacht empfindliche Schläge zufügen. Mittlerweile wird jeder Augenblick des Lebens und jeder Fleck des Planeten überwacht. Niemand kann sich mehr verbergen. Der Direktor der CIA hat kürzlich gesagt, dass in Zukunft in alle elektrischen Geräte, also auch in Waschmaschinen, Mikrowellenherde, usw. Devices eingebaut werden, die alles was in diesem Raum geschieht, überwachen und abhören können.
Man muss sagen, unsere Zeit bietet auch sehr viele Freiheiten.
Die gefährlichste Waffe des Establishments ist der Überfluss. Ein Fehler der meisten totalitären Systeme in der Vergangenheit war: Mangel. Die Menschen hungerten und litten Not an allem. Hungrige und Verzweifelte, die nichts mehr zu verlieren haben, sind gefährlich. Heute erleben wir genau das Gegenteil: Es gibt von allem zu viel. Die Menschen ersticken geradezu in einer Flut an Konsumgütern, Genuss- und Rauschmitteln aller Art, dazu kommt die gewaltige Reizüberflutung durch TV, Film, Werbung, Entertainmant, Internet, die die Menschheit in Apathie versinken lässt. Es ist die Übersättigung, die unsere Gegenwart charakterisiert. Pasolini hat den Begriff „Konsumfaschismus“ geprägt, der die Welt fest im Griff hat und keine Revolution zulassen wird.
Was bleibt uns dann noch als Form des Widerstandes? Radikaler Verzicht? Einsiedlertum?
Eines ist jedenfalls klar: Bewaffneter Widerstand hilft nur den Unterdrückern. Ich glaube nicht an Revolution, sondern an Evolution. Unsere einzige Chance besteht in der Vernetzung und Kommunikation. Wir müssen neue Ideen, neue Strategien und alternative Konzepte entwickeln. Mit Gewalt zu reagieren, ist sinnlos.
Ich würde noch einmal gerne über Ihre Bilder reden. Als Sie zu malen begonnen haben, haben Sie im grauen Nachkriegswien gelebt. Jetzt verbringen Sie aber die Hälfte des Jahres im bunten L.A. und die andere im grünen Irland. Trotzdem ist das Thema dasselbe geblieben?
Ja, das stimmt. Initialzündung für meine Bilder war der Holocaust. Ich habe viel recherchiert und bin dann auch auf andere Schrecken der Geschichte gestoßen. Zum Beispiel den Vietnamkrieg, der in Wahrheit viel brutaler war, als das, was man in den Medien vorgesetzt bekommen hat. Ich hab schließlich festgestellt, dass sich Gewalt, Grausamkeit, Sadismus Unterdrückung durch die Menschheitsgeschichte zieht und aus irgendeinem Grund hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich war richtiggehend besessen und wollte immer mehr darüber wissen, und vor allem die Ursachen verstehen.
Die meisten Menschen haben gesunde Verdrängungsmechanismen, die ein weiterleben möglichmachen. Mir fehlt dieser Mechanismus.
Der einzige Weg für mich mit diesem Wissen fertig zu werden, war, es zu malen.
Anfangs dachte ich, L.A. sei die Antithese zu den religiösen Hochburgen Österreich und Irland, dann habe ich aber bemerkt, dass L.A. einfach nur weniger katholisch, aber genauso verrückt nach Religion ist.
Hier gibt es alle Religionen. In L.A. und generell in Amerika, ist es eigentlich völlig egal, woran jemand glaubt oder nicht glaubt. Man kann alles sein, worauf man Lust hat. Hier in L.A. existieren tausend verschiedenen Religionen nebeneinander und es gibt keinerlei Konflikte deswegen. Es gibt chassidische Juden, die ausschauen, als würden sie im 18. Jahrhundert leben, Black Muslims und Zeugen Jehovas. Aber das ist den Leuten hier so egal wie nur irgendwas. Das beweisst, dass Menschen mit verschiedenen Glaubenssystemen friedlich zusammen oder nebeneinander leben können, solange sich niemand von aussen einmischt und manipuliert.
Deshalb glaube ich, dass bei all diesen angeblichen Religionskonflikten der Glaube nur ein Vorwand ist und in Wahrheit ganz andere Gründe dahinter stehen. In Wirklichkeit sind es immer materielle, imperialistische Interessen und Religion wird nur benutzt, um Emotionen aufzustacheln.
Aber der Katholizismus war für Sie schon sehr lange ein Thema. Ganz klar, Sie sind in Österreich aufgewachsen. Selbst ich war Ministrant und hab als Kind das Alte Testament vorgelesen bekommen, obwohl ich fast 40 Jahre nach Ihnen geboren wurde.
Sie waren auch Ministrant? Ich war von frühester Kindheit an fest im Griff der katholischen Kirche. Als Kind habe ich viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht und die Nachbarn meines Großvaters hatten eine Tochter von unglaublicher Schönheit. Man hat immer gemunkelt, dass der Vater Zigeuner sei und ich denke, dass sie von ihm ihr wunderbares Aussehen geerbt hatte. Ich war noch ganz bieder und keusch, also im prä-ministranten Alter, als sie mich in die Künste des Doktorspiels eingeweiht hat. Beeindruckt von ihren Fachkenntnissen hab ich mich sofort in sie verliebt. Leider blieben unsere Aktivitäten nicht lange im Verborgenen und so kam es, dass meine Eltern davon erfahren haben. Das Drama war groß, da im Katholizismus das einzige wirkliche Übel dieser Welt die Unkeuschheit ist. Sofort ist Panik ausgebrochen, denn die Vorstellung, dass ich eventuell mit dieser Schuld sterben könnte und damit der ewigen Verdammnis ausgeliefert wäre, war für meine Eltern unerträglich.
Also musste ich schnell zur Beichte. Meine Eltern haben dann bei der Erzdiözese Wien um eine Ausnahmegenehmigung für die Frühkommunion erwirkt und ich musste in den Seelsorgeunterricht.
Aber waren Sie auch richtig gläubig?
Als Kleinkind habe ich natürlich meinen Eltern geglaubt, aber ich bin sehr bald draufgekommen, dass das meiste nicht stimmte, dass ich von ihnen und allen anderen Autoritäten angelogen wurde. Das war ein Vetrauensbruch.
Der Katholischen Kirche ging es in erster Linie immer um den Machterhalt.
In diesem Sinne wurde über Jahrhunderte alles zerstört und unterdrückt, was einen Hinweis darauf geben konnte, dass vor dem Jahr 0 auch schon irgendwas war. Von der griechischen Mythologie oder den Philosophen wusste hier lange Zeit niemand etwas. Erst über den Umweg arabischer Abschriften haben die Leute erst sehr viel später wieder von Aristoteles und dieser unglaublichen Welt an Wissen erfahren.
Obwohl das Christentum eigentlich aus der platonischen Lehre entstanden ist.
Das Christentum ist aus vielen Lehren entstanden. Es ist ein Konglomerat, eine völlig synthetische Religion. Ein genialer Schachzug. Man hat wirklich alle Kulte der Vergangenheit, die irgendeine Art von Gravitation und Magie hatten, im Christentum aufgehen lassen. Zum Beispiel den Mithras-Kult, den Sol Invictus-Kult und den Bacchus-Kult, der dafür verantwortlich ist, dass wir das Fleisch Gottes essen. Es geht bis zum Gilgamesch Epos und den Sumerern zurück, von denen die Urform des Alten Testaments stammt. Das Christentum wurde zu einer Art Superreligion, die keine andere Religion neben sich duldete und alles Bestehende entweder absorbiert oder vernichtet hat, so dass niemand mehr die wahren Ursprünge feststellen konnte.
Viele lehnen heute die christlichen Lehren als Märchen ab und werden Atheisten. Ich sehe die Sache nicht so krass. Ich habe nichts gegen Märchen, ganz im Gegenteil, ich finde, dass Märchen der sogenannten Realität meistens überlegen sind.
Ist er wirklich übers Wasser gegangen? Who knows? Also ich habe kein Problem, wenn jemand übers Wasser gehen kann.
Ein guter Abschluss für das Katholizismus-Thema. Ich hab gelesen, Sie haben 1985 ein 1000 Jahre altes Schloss bezogen. Waren Sie damals schon so erfolgreich?
Nein, es war weniger das Geld, als vielmehr der dringende Wunsch, in einem Schloss zu wohnen. Schon als Kind wollte ich immer in einem Schloss wohnen. Im Nachkriegs-Wien war mir alles fremd, zu klein oder zu nieder, und ich habe immer gedacht „Wo ist mein Schloss?“ Schlösser sind auf jeden Fall sehr praktisch, wenn man viele Kinder und Freunde hat.
Obwohl Sie nicht nur Freunde hatten ... Als Sie 1988 das Plakat für die Lulu-Inszenierung von Peter Zadek in Hamburg gestaltet haben, haben Sie ihre erste Anzeige kassiert, oder?
Das stimmt.
Und einen neuen Bewunderer gewonnen. Der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk hat Ihnen damals persönlich zum Plakat gratuliert.
Damals gab es in Hamburg einen Riesentumult. Der Vizebürgermeister und die Frauenbeauftragte, die Presse, alle sind in Panik geraten und waren der Meinung, dass ich mit meinem mein Bild „die Grenzen der Kunst überschritten“ hätte. Ich wusste gar nicht, dass Kunst irgendwelche Grenzen hat. Aber der Zilk hat mir damals mit den Worten „Ich weiß zwar um ihr gestörtes Verhältnis zu unserer Stadt, aber vielleicht verzeihen Sie dem Bürgermeister, dass er Sie und ihre Arbeit dennoch sehr schätzt“ gratuliert.
Die ganze Aufregung, weil man eine nackte Muschi mit Schambehaarung gesehen hat?
Ich glaube, dass es vielleicht eher damit zu tun hat, dass der Mann so winzig ist, und dass er genau auf Augenhöhe der übergrossen Vagina steht und erstaunt darauf starrt. Aber es ist schwer zu sagen, was der genaue Auslöser ist.
In Amerika hatten Sie auch eine gute Beziehung zu Ihrem obersten Landesvertreter. Wo haben sie Arnold Schwarzenegger eigentlich kennengelernt?
Ich glaube Anfang der 80er Jahre hat mich in L.A. irgendjemand Arnold vorgestellt.
Ich fand es witzig, wie Arnold in Österreich einerseits hofiert wird, weil er so viel Erfolg hat, aber andererseits nicht für ernst genommen wird, weil er noch immer nur der Bodybilder ist. Aber als Figur des Mainstreams hätte ich ihn niemals mit ihnen in Verbindung gebracht.
Damals galt Bodybuilding als das Letzte. Man dachte, das sei nur für Zuhälter und Schwule. Es hat geheißen, der hat kein Hirn, nur Muskelmasse. Aber ich habe schon sehr früh gewusst, dass Arnold eine Ausnahmeerscheinung ist. Arnold hat damals schon all seinen Freunden erzählt: „Eines Tages gehe ich dann nach Hollywood und werde so berühmt wie Clint Eastwood und Charles Bronson.“ Zu diesem Zeitpunkt hat er weder Hochdeutsch noch ein Wort Englisch gesprochen und schon gar keine Ahnung vom Schauspielen. Ihm war es auch völlig egal, dass jeder über Bodybuilding gelacht hat, er wusste, dass er die ganze Welt von seiner Leidenschaft überzeugen wird. Und er hat bisher immer recht behalten.
Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so ein unbegrenztes Selbstbewusstsein hat. Wenn er sich ein Ziel setzt, dann erreicht er das auch. Es ist, wie wenn ein Gigant aus der griechischen Mythologie direkt hineinstapft in unsere kleine, komplizierte Welt.
Ein Herkules also.
Richtig. Außerdem ist er privat unglaublich lustig und witzig und sehr loyal und grosszügig.
Einmal hat er mich als Governor in sein Office im Capitol eingeladen, wo ich einen Tag verbracht habe und ihm beim regieren zuschauen konnte. Es war beeindruckend zu sehen, wie herzlich und respektvoll er mit den Leuten umgegangen ist. Ein Mitarbeiter hat mir gesagt, ‚ich habe unter mehreren Governors gearbeitet, keiner hat überhaupt von meiner Existenz gewusst, aber wenn Arnold morgens kommt umarmt er mich, grüsst mich mit meinem Vornamen, lobt meinen neuen Anzug und fragt ob es meiner Frau besser geht. Ich weiss gar nicht, woher er überhaupt weiss, dass meine Frau krank war.
Gleichzeitig gilt er als ein starker Verfechter der Todesstrafe. Haben Sie darüber einmal mit ihm diskutiert?
Nein, dazu ist es nie gekommen. Ich bin auch ein Gegner der Todesstrafe. Aber man muss sagen, in Amerika ist das anders als in Europa. Hier gilt immer noch das kalvinistische Prinzip der Vergeltung.
Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ja, dieses Prinzip ist hier total verwurzelt. Das ist noch der Geist des Wilden Westens.
Und mit dem Öffentlichwerden der Affäre ist jede Chance, mit ihm auch einmal das Porträt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu malen, verschwunden.
Das hat er mittlerweile längst überwunden. Inzwischen hat er ja wieder mit Filmemachen begonnen und er betreibt weiterhin seine weltweite Kampagne für Green Energy. Arnold kann sich immer wieder neuerfinden.
Hierzulande gab es auch eine Verbindung zur Politik, als Franz Morak im Jahr 2000 Staatssekretär für Kunst und Medien wurde. Hat es Sie schockiert, dass er Teil der Regierungskoalition mit der Haider-FPÖ war?
Ich hab das nicht nachvollziehen können, da ich ihn als aufmüpfigen und rebellischen Typen kannte. Ich fand Morak immer sehr intelligent und lustig – und er ist ein hervorragender Schauspieler!
Politisch vertreten wir völlig unterschiedliche Positionen. Aber ich habe kein Problem, wenn jemand anderer Meinung ist als ich.
Witzig fand ich auch, dass Sie 2006 zum Ehrenbotschafter Niederösterreichs ernannt worden sind und sogar im Personalkomitee vom Erwin Pröll auftauchen. Sympathisieren Sie mit der ÖVP?
Ich hab Erwin Pröll nicht als ÖVP-Politiker, sondern als Förderer der Künste kennengelernt, der mich bei der Donald Duck-Ausstellung in Niederösterreich unterstützt hat, und der viel für die Kultur seines Landes gemacht hat.
Er hat Museen für Rainer, Nitsch und andere Künstler errichtet. Ich habe also einen Mann erlebt, der offen ist und nicht nur parteipolitisch denkt.
Anfang der 80er Jahren habe ich schon einmal die Jovialität Österreichischer Politiker erlebt. Ich war mit Deix auf Einladung von Fred Sinowatz, Heinz Fischer und Charly Blecha essen und vor allem trinken. Wir haben gesoffen wie die Löcher und der Sinowatz war schon ganz violett im Gesicht, aber geschwankt hat der trotzdem nicht. Dann sah er grinsend vor sich hin auf sein Glas und sagte: „Regieren ist schön.“ Als wir dann heimgegangen sind, haben wir auf der Straße noch einen ordentlichen Wirbel erzeugt, geschrien und getobt. Einer wollt uns noch mit den Worten „Seids ruhig, sonst kommt die Polizei“ beruhigen, aber der Charly Blecha hat nur geschrien: „Die soll’n nur kumma, de Beidln. I bin erna Chef!“
Hahaha. Eine großartige Geschichte.
Ein anderes Mal hatte der Deix Geburtstag und alle waren zur Feier gekommen: Vranitzky, Blecha, viele Reporter und natürlich das Fernsehen. Es war ein irrsinniges Getümmel, ein Reporter kämpfte sich mit seinem Mikrophon zu dem Jubilar durch und fragte: „Herr Deix, sind Sie stolz auf sich?“ Und Deix antwortet: „Ich bin stolz darauf, dass ich der Entdecker des Beistrichs bin!“ ... Sie wissen ja, was der Beistrich ist, oder?
Ich habe keine Ahnung.
Der Beistrich ist die Bremsspur in der Unterhose, wie die Deutschen sagen würden, welche der Deix immer mit Vorliebe gezeichnet hat. Zumpferln und Beistriche. Also Deix antwortet dem Reporter: „Ich bin stolz darauf, das ich der Entdecker des Beistrichs bin!“, worauf der Charly Blecha schreit: „Es lebe der Beistrich!“, und Deix ihn vor versammelter Festgemeinde zuruft: „Charly, sei ehrlich, host du an Beistrich?“ – „Jawoll! Und ich bin stolz auf meinen Beistrich!“ Das ist wirklich nur in Wien möglich! Dafür liebe ich diese Stadt! So etwas wäre in jedem anderen Land undenkbar. In Deutschland würde Gerhard Richter niemals vor versammelter Presse die Merkel fragen „Haste ’ne Bremsspur in der Unterhose?“, worauf die Merkel schreien würde: „Jawohl! Und ich bin stolz darauf.“
Das ist wirklich schwer vostellbar.
Aber ich habe die Befürchtung, dass es in der heutigen Politik auch nicht mehr möglich ist. Mittlerweile sind auch in Österreich die Spin-Doctors angekommen.
Das stimmt, diese Zeiten sind wahrscheinlich vorbei.
Deshalb hüte ich meine Erinnerungen an das anarchistische wilde Wien auch wie einen Schatz. Ich hab gerade noch das Ende miterlebt. Auch als der Qualtinger einmal im Hawelka so angesoffen war, dass er einfach umgefallen ist und nicht mehr aufstehen konnte. Das ist immer wieder passiert. Aber dann ist der Sokol gekommen, auch völlig fett, wollte dem Qualtinger aufhelfen, fällt aber über ihn, speibt sich an und ist auch einfach liegen geblieben. Irgendwann lagen dann drei Leute übereinander, angspiebn und anbruzt und alles lacht. Das war die Künstlerwelt damals. Es herrschte eine Sehnsucht nach Extase und Rundumschlag. Der Wiener Aktionismus war eine Phänomen dieser Zeit.
Als der mit Scheiße eingeschmierte Brus auf den Tisch onaniert hat.
Genau. Ich hab damals viele herbe Sachen erlebt. Vor allem mit dem Deix hab ich die ärgsten und peinlichsten Situationen meines Lebens durchlitten. Vieles würde man mir nicht glauben, wenn ich es heute erzählen würde.
Das heißt, es war auch sehr befreiend, aus Wien wegzugehen?
Aus vielerlei Gründen! Wien war damals ein so enges Loch, es war so grauenhaft. Damals wollten eigentlich alle weg, aber Wien hat so eine unheimliche Gravitation, die einen nicht auslässt.
Ich würd mich gern noch ein bisschen über Donald unterhalten. Haben Sie eine Lieblings-Geschichte?
Sie haben die Barks Donald-Geschichten gelesen?
Ja, einige. Ich kenne sie alle. Ich habe sie tausende Male gelesen. Donald ist mein Heiland. Deshalb hab ich auch so viele Lieblingsgeschichten. Eine ist „Only a poor old man“, in der Dagobert sein Geld, vor der Nase der Panzerknacker, aus seinem Geldspeicher schmuggelt und in einem Stausee versteckt.
Die kenne ich. Die Panzerknacker jubeln ihm da die Supertermiten unter.
„Weihnachten in Kummersdorf“ ist auch fantastisch. Die Weihnachtsgeschichten waren das Beste. Es gibt eine Barks Library, die alle Geschichten umfasst, die er jemals geschrieben hat. Diese Sammlung hab ich überall stehen. Vier mal in Irland, in jedem Stockwerk eine und natürlich in meinem Studio und meiner Loft in Los Angeles. Ich kann immer sofort zuschlagen. Ausserdem sind sie immer als Lehr- und Anschauungsmaterial für meine Kinder und Enkelkinder unerlässlich.
Und dann diese vielen Alliterationen!
Ja! Sebastian Sandig, genannt der Wüstenwastel!
Ich hab den Eindruck, was Donald besonders auszeichnet, ist, dass er sich quasi nach jedem Fail wieder aufrappelt. Das ist für mich was sehr Amerikanisches. Der putzt sich ab und startet von neuem, während man sich bei uns in alle Ewigkeiten schämt.
Das ist richtig, das ist sehr amerikanisch. Auch diese Leben in der Gegenwart, wo kein Gedanke an das Gestern verschwendet wird. Das liegt vor allem daran, dass viele Einwanderer ihr altes Leben hinter sich lassen und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten neu anfangen wollten. Alles wurde vergessen und der Amerikanische Traum bildete die neue Erzählung.
Helnwein at his studio in Los Angeles
2013, photo: bree zucker
In Ihrer Biographie ist mir aber kein wirklicher Rückschlag aufgefallen. Gab es keine dunklen Momente, kein Versagen?
Wenn Sie das so sehen, ist das gut. Für mich ist jeder Tag ein Kampf, und bin immer auf Widerstand gestossen. Eine Existenz ohne Gegenwind kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Aber das ist vielleicht gut so, denn die größte Gefahr besteht für jeden Künstler darin, von der Spießergesellschaft umarmt zu werden. In Österreich bekommt ja jeder Fußballespieler und Schlagersänger ab 50 einen Professorentitel. Dass mir noch niemand einen Professorentitel angeboten hat, halte ich für ein gutes Zeichen.
Die Donald-Verehrung verbindet viele Künstler. Elfriede Jelinek hat auch ein Text über die schwierige Beziehung von A-Hörnchen und B-Hörnchen zu Donald für den Katalog zur Krems Ausstellung verfasst.
Also den Text hat sie schon gehabt und mir dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Damals war sie unfähig zu schreiben, aber der Text war bereits perfekt. Donald war auch für sie ein wichtiges Ereignis ihrer Jugend. Auch H.C. Artmann und sogar Handke und Günther Grass haben Donald, Dagobert und Tick, Trick und Track in ihre Literatur eingearbeitet.
Literatur war aber generell ein großes Thema.
Literatur ist für mich noch immer ganz wichtig. Während ich male, höre ich immer Audiobooks – eine phantastische Erfindung. Ich kann mir jede Literatur, die mir wichtig erscheint, reinziehen.
Lesen Sie auch zeitgenössische Literatur?
Lese ich auch, Burroughs und Bukowski zum Beispiel. Ich arbeite mich in der Literaturgeschichte langsam vor. Ich habe mir alles von Thomas Mann angehört, russische, französische Literatur. Aber eher die Klassiker. Adalbert Stifter finde ich auch wirklich gut und aufregend. Der 'Nachsommer' ist ein unglaubliches Meisterwerk. Es ist die einzige Erzählung, in der es keine Gegensätze gibt. Es geht einfach so dahin und es gibt in dem Sinne auch keine Spannung.
Ich muss zugeben, davon habe ich noch nie gehört.
Wenn man das Buch liest, kann man auch nicht genau sagen, warum es so gut ist. Aber auch Nietzsche hielt es für ein Meisterwerk.
Sie haben auch Thomas Bernhard persönlich kennengelernt, oder?
Ich habe ihn auf seinem Vierkanthof besucht. Ich fand es faszinierend, wie er so auf seiner Bergfestung sass, und auf dieses Wien herabblickte, das er so abgrundtief hasste. Alle heiligen Zeiten ging er dann nach Wien, um „dort ein Hass-Bad zu nehmen“ wie er selber sagte. Bernhard hat die Volksseele zum Kochen gebracht.
Was Ihnen ja auch des Öfteren gelungen ist.
Das war überhaupt nicht mein Plan. Ich war mir ursprünglich gar nicht sicher, ob sich irgendjemand für meine Aquarelle interessieren würde. Umso erstaunter war ich über diese Heftigkeit der Reaktionen. Meine Ausstellungen wurden abgesagt, Bilder überklebt und sogar beschlagnahmt. Der Mödlinger Bürgermeister Stingl hat die Gendarmerie geschickt, weil er der Meinung war, ein Bild zeige einen ‚blutspeienden Penis’. Ich war völlig verblüfft, weil ich soetwas natürlich gar nicht gemalt habe. Ich wusste gar nicht was er meinte. Aber dann erkannte ich, dass es um die Darstellung einer Frau, die ein blutüberströmtes Kind am Schoß hatte, ging. Da wurde mir klar, dass es in Wirklichkeit die Bilder in den Köpfen der Leute sind, die ihnen ein Problem bereiten, nicht meine Malerei.
Was schon sehr in die Nähe einer psychoanalytischen Fragestellung rückt. Wie stehen sie zur Psychoanalyse?
Freud war ein Gigant. Sein Konzept des Unterbewussten halte ich für absolut richtig. Er hat damit große Erfolge erzielt. Auch seine Forschung zur Hysterie waren bahnbrechend. Viele Frauen, die unter dem Krankheitsbild der Hysterie litten, waren als Kinder missbraucht worden.
Leider ist die Psychiatrie heute ein gigantischer Wirtschaftszweig geworden, der von Pharmakonzernen vollkommen kontrolliert wird.
Jedes Jahr werden neue Krankheitsbilder erfunden um den Absatzmarkt für Psychopharmaka zu erweitern. Sogar Kinder und Babys werden heutzutage mit Psychodrogen vollgestopft.
Was aber nichts mit den Ideen Freuds zu tun hat.
Natürlich nicht. Es geht einzig und alleine um ein riesiges Geschäftsfeld, das aber sehr gefährlich ist. Die Selbstmordrate in den USA ist gigantisch, vor allem unter Menschen, die Psychopharmaka nehmen. Das wird in den Medien oft totgeschwiegen, aber es ist eine Tatsache. Unter den Sideeffects ist immer ‚Selbstmordgefahr“ aufgelistet. Mittlerweile sterben viel mehr amerikanische Soldaten durch die eigene Hand als in Kriegshandlungen. Nimmt man die Anzahl der Freitode von Veteranen dazu, bläst sich fast jede Stunde einer das Hirn aus dem Kopf. Fast alle Soldaten nehmen Psychopharmaka, um den Wahnsinn des Krieges auszuhalten.
Mit Mick Jagger, Muhammad Ali und William S. Burroughs haben Sie Ikonen der Popkultur der 60er gemalt. Sind Sie auch an der Gegenwart interessiert?
Diese Ikonen zu fotografieren war eine Zeit lang ein Projekt von mir. Das Thema ist nicht tot, ich hab es nur beiseite gelegt. Ich will die Serie auch fortsetzten, aber es ist nicht leicht heute solche charismatischen Persönlichkeiten zu finden.
In den 60er Jahren herrschte ein Ausnahmezustand. Alles war wie elektrisiert. Jim Morrison, Hendrix, The Who, die Stones natürlich und Captain Beefheart – in der Literatur: Bukowski, Burroughs, das waren alles authentische Künstler mit einer originären Aussage. Was in den 70ern und 80ern darauf folgte, war ein Trauerspiel. Ich glaube, das System hat verstanden, dass es einen Bedarf nach Kunst gibt, der sich auf Dauer nicht unterdrücken lässt, aber dass man Kunst sehr gut durch Entertainment ersetzen kann. Man hat es wie mit den Bienen gemacht: den Honig weggenommen und als Ersatz Zuckerwasser hingestellt. Was übrig bleibt, ist synthetisches Massenentertainment. Aber es hat funktioniert. Die Welt scheint damit zufrieden zu sein. Wenn ich mir die aktuelle Musikszene anschaue, mit Justin Bieber, Lady Gaga, Taylor Swift, so stehe ich vor einem Rätsel. Dass es aber nach unten keine Grenzen gibt, beweist „Gangnam Style“. Also ich tue mir im Augenblick ein bisschen schwer, Gesichter zu finden, die mich künstlerisch interessieren.
Sind heute nicht Hip Hop und Rap der authentische Ausdruck von Gegenkultur?
Ja, Hip Hop war authentisch. Aber auch diese Kunstform ist sofort kommerzialisiert worden.
Die Macht der Kommerzndustrie ist gigantisch und umfließt alles Originäre wie eine Amöbe. Jede revolutionäre Kunstform wird heute nicht mehr bekämpft, sondern absorbiert und wirkungslos gemacht. Das passiert auch mit Hip Hop. All die rebellische Kraft, die dieser Kultur anfangs innewohnte, wurde sofort zum Mainstream gemacht. Das gilt auch für die Mode, was früher Ghetto war, tragen jetzt auch die Milliardärstöchter aus Kuwait und Moskau : dieselben T-Shirts, dieselben Images und Aufschriften, dieselben Baseballkappen.
Haben Sie eigentlich jemals Drogen genommen?
Natürlich hab ich so wie alle damals Drogen genommen. Aber ich hab einen LSD-Trip erwischt, der mich fünf Jahre meines Lebens gekostet hat. Es war ein Absturz in die Hölle. Dann habe ich als Gegenmittel Valium genommen und wurde süchtig.
Irgendwann habe ich dann beschlossen, radikal über Nacht mit allem aufzuhören. Seither hab ich nie wieder in irgendeiner Form Drogen oder Medikamente zu mir genommen. Auch keine Kopfwehtabletten oder Schmerzmittel. Und es lebt sich sehr gut so.
Und trotzdem sind Sie für eine Legalisierung?
Ja, der ‚War on Drugs’ in den USA, den Nixon begonnen hat, ist absurd. Sehen Sie sich nur die Statistiken an. Im gleichen Mass wie Geld in dieses Unternehmen gepumpt wurde, stieg auch der Konsum.
Ich bin nicht für Bestrafung, jeder sollte in dem Fall die Freiheit haben, zu tun, was er für richtig hält. Aber das Leben ist aufregender und spannender, wenn man es unmittelbar lebt. Es gibt keinen Shortcut zur Erleuchtung.
Auf Kokain glaubt man, der König der Welt zu sein.
Was es wirklich wert ist, merkt man am Besten, wenn man mit Leuten zusammen sitzt, die auf Kokain sind. Das passiert natürlich gerade hier in L.A. nicht selten. Alle haben hochrote Gesichtern und reden aufgeregt durcheinander, und denken, sie haben gerade die letzten Geheimnisse des Universums gelöst.
Aber wenn man der einzig Nüchterne ist, merkt man, dass sie alle Scheisse reden.
Und am nächsten Tag sind sie depressiv und grantig.




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