October 5, 1972
Kronen Zeitung
Wien
Erwin Melchart
Kultur
Bilder-verunsichern
Bilder verunsichern
Helnwein in der Pressehausgalerie
Aufregung herrscht in der Halle des Pressehauses. Verständlich: Das Mädchen auf dem Bild hat ein Pflaster auf der Wange und eine tiefe Narbe vom Hals unters Schlüsselbein bis zur Achsel...das kleine Mädchen in der lieblichen Sommerwiese hält den Dolch im Patschhändchen, vor ihm liegt das Schwesterlein tot im Gras...keine Bilder für schwachw Nerven. Bilder, die unter die Haut gehen.
Gottfried helnwein, 24, Schüler von Professor Hausner, ist Kummer mit seinen Bildern gewöhnt.
Der Mödlinger Bürgermeister wollte eine Auflage von Drucken des "Kardinal-König-Preisträgers" beschlagnahmen lassen; bisweilem kommt es vor seinenpenibel in Aquarell und Buntstift gemalten Werken zu Wutausbrüchen oder hysterischem Lachen.
Die Reaktion des Publikums ist für mich sehr wichtig", erklärt der intelligente, junge Mann in seiner grossen, gewissenhaft ordentlichen Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Und Wolfspitz "Jodok" schaut dabei mit lustigen Augen sein Herrl an. "Ich bin im 10. Bezirk aufgewachsen. Ich kenne die Leute, die sich gegenseitig in die Goschn haun'... die Agression, die Angst, Verletzung, das ist alles da, ist Realität. Ich bin natürlich gegen diesen Sadismus, aber die Leute verdrängen einfach die Vorstellung, dass es soetwas gibt und stehen dann zu Hunderten bei Verkehrsunfällen herum...ich setze die Dinge um, die ich nebulos, emotional spüre...die eigene unbewusste Abreaktion spielt wahrscheinlich in jedem Kunstwerk eine Rolle."
Etwas ist seltsam: im Fernsehen werden Napalm und Krieg zur Gewohnheit,
bei meinen Bildern empfinden die Leute nicht, dass es von mir rein erfundene Dinge sind - ein bisschen Farbe und Papier.
Seltsam ist auch, dass die Leute alles nur mit einer Motivation verstehen und akzeptieren. Wenn sie wissen, warum dieses von mir erfundene Mädchen, dieses schutzbedürftige Wesen, so zugerichtet wurde, durch einen Unfall etwa oder durch diese oder jene Operation, dann weicht sofort die Angst, der Horror vor dem ungewissen Schicksal. Durch eine kausale Gesetzmässigkeit, etwa, dass die zerschossenen Soldaten deshalb staarben, weil..., dann wird man mit Agression, Blut und Tod fertig.
"Meine Bilder sind nicht fürs bürgerliche Wohmzimmer gedacht, aber die abendländische Kunst hat sich schon immer mit ähnlichen Dingen beschäftigt: Wenn Sie in eine Kirche gehen, ist die verehrte Zentralfigur ein Gemarterter und Hingerichteter, verehrt werden gefolterte Märtyrer und Marterwerkzeuge. Die Motivation wird vom realen Faktum ins Mythisch-Religiöse verdrängt, bei Hironimus Bosch ins Historische.
Mein Interesse an diesen Dingen, glaube ich, ist allgemein menschlich, meine Mittel, es auszudrücken, sind bewusst gewählt. Meine Zeichnungen sollen verunsichern. Der Unmut darüber, denke ich, ist eine psychische Schutzmassnahme für die eigene künstliche Realität, die die Möglichkeit von Grausamkeit und Agression aus eigener Bequemlichkeit verdrängt.




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