News Update
October 10, 2015
RP Rheinische Post
Düsseldorf
Klaus Sebastian
Freche Kunstmacher aus Österreich sind im Kai 10 zu Gast
Kunst aus Österreich? Da denkt man gleich an Gustav Klimt, Egon Schiele, oder - später dann - an die Wiener Aktionisten der 1960er und 1970er Jahre, an Franz West oder Gottfried Helnwein. Der menschliche Körper mit seiner Manipulierbarkeit, seiner Sexualität, seinen Qualen und seiner Endlichkeit war immer wieder Thema in den Werken dieser Künstler. Helnweins berstendes Selbstporträt fand sich sogar auf einem Cover der Band Scorpions: Zwei Gabeln bohren sich da tief in die Augenhöhlen des Gepeinigten.
"Spirit of Austria", die Ausstellung an der Kaistraße, rückt nun eine jüngere Generation ins Blickfeld und zeigt nebenbei, wie subtil die Künstler aus Wien den roten Faden der Tradition weiterspinnen. Sie erinnern uns daran, dass ohne den Körper gar nichts geht - auch im Zeitalter von Cyberspace und digitalen Parallel-Welten. Wie in einem Spukhaus sitzt Markus Schinwalds alte Dame auf einer Kinder-Schaukel. Diese Frau scheint einer längst vergangenen Zeit oder einem Hitchcock-Film entsprungen. Steif und ausdruckslos schwingt die lebensgroße Figur hin und her und verkörpert das Gegenteil von Fröhlichkeit, Spaß oder Spielfreude.
Daneben hat der in Salzburg geborene Künstler alte Ölgemälde verfälscht - meist Porträts, die er bei Antiquitätenhändlern aufstöberte. Seine Eingriffe in fremde Bilder erfolgen dabei längst nicht so brachial und zerstörerisch, wie man es vom Wiener Aktionisten Arnulf Rainer kennt. Schinwald lässt seine Ideen vielmehr so perfekt wie möglich von erfahrenen Restauratoren und Kunstmalern umsetzen. Am Ende heben sich die feinen Übermalungen nicht mehr von den Original-Motiven ab. Die Gesichter auf den biedermeierlichen Porträtbildern stecken nach der erfolgten Restauration in merkwürdigen Drahtgestellen fest, sie erscheinen versehrt oder sind in Prothesen eingeklemmt. Unsichtbare seelische Deformationen werden so im Körperlichen sichtbar - das wäre eine Interpretation dieser verstörenden Antlitze. Zdenek Felix, der Kurator der sehenswerten Schau, glaubt ohnehin, dass auch die psychoanalytischen Theorien des Wieners Sigmund Freud bis heute eine unterschwellige Wirkung auf die bildende Kunst in der Alpenrepublik haben.
Mit ähnlicher Obsession misst Franz Graf das Terrain zwischen Lust und Schmerz aus. Auf großen Aluminium-Metallgestellen präsentiert er seine schwarz-weißen Psycho-Porträts als zeitlose Via Dolorosa. Zdenek Felix hat diesen Raum als Installation angelegt. So kann der Besucher einer Auseinandersetzung mit der an Säulen und Wänden hängenden Kunst kaum ausweichen.

Etwas farbiger geht es im Mittelteil der Schau zu: Die Kunst hängt hier nicht als Tafelbild an der Wand, sondern sie steht als Designobjekt im Raum. Wie in einem Möbelhaus läuft man zwischen den Tischen der Künstlergruppe "Gelatin" hindurch. Auf den aus Recycle-Materialien gefügten Tischplatten erkennt man unschwer die Farben und Formen Mondrians und anderer Avantgardisten. Eins ist sicher: Die vier Künstler der Gelatin-Gruppe gehen recht unbekümmert mit den Ikonen der Moderne um.

Auch in anderen Bildern verzichten sie auf herkömmliche künstlerische Materialien und greifen fast wie im Kindergarten zu bunter Knetmasse. Aus dem Urschlamm des Knetgummis lassen sie albtraumhafte Fratzen ans Tageslicht quellen, biologische Urformen, die beißen, schnappen und nicht besonders lieb ausschauen. Eine bestimmte Stilrichtung scheinen diese frechen Kunstmacher nicht zu verfolgen. Ganz im Gegenteil: Ein größerer Unterschied als zwischen den steril glänzenden, sauberen Tischen und den sumpfigen Knetobjekten ist kaum vorstellbar.

"Die Provokation, der unterschwellige Humor und eine kritische Ironie zeichnen die Kunst aus Österreich immer schon aus", betont der Kurator. Und dieser "Spirit of Austria" (so der Titel der Ausstellung) wird bis in die Gegenwart - auch in den hier präsentierten Arbeiten - deutlich.






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