News Update
February 19, 1988
Stuttgarter Zeitung
Dagmar Deckstein
Unter Alices Schutzmantel
Diskussion mit der " Emma "- Chefin im Stuttgarter Theaterhaus Wangen
So musste Alice Schwarzer zunächst das Helnwein - Plakat für Peter Zadeks Stück "Lulu" in Hamburg vor pornographischer Denunziation einer Stuttgarter Mitstreiterin in Schutz nehmen. "Nein, das ist keine Pornographie, auch nicht sexistisch, Hier ist doch eine starke, kräftige Lulu dargestellt, der die Nuttenstrapse etwas verlegen auf den stämmigen Oberschenkeln hängen. Der alte Mann, der ihr auf die Scham guckt, ertrinkt fast in seinem übergrossen Mantel. Nein das ist keine verführerische Pose, sondern der Künstler entlarvt hier ganz klar die Phantasie des Mannes." Auch die Schriftstellerin Elfriede Jellinek galt es, vor feministischem Übereifer zu retten: "Sie schreit in ihrer Beschreibung alltäglicher Pornographie doch nur heraus, was pornographisch in sie hineingepresst wurde." Es sei darauf zu achten, ob jemand das sexuelle Elend zum Zwecke der Aufklärung beschreibe oder das Elend zum Zwecke männlicher Lustmaximierung nur fortschreibe.
Da sass sie nun, die Grande Dame des bundesdeutschen Feminismus und atmete erleichtert auf. Auf der Fahert vom Bahnhof hierher hab' ich gedacht, wohin verschleppen die mich? Da werden wir wohl in einer kleinen intimen Gruppe beieinandersitzen. Verschleppt hatte man Alice Schwarzer ins Theaterhaus nach Wangen, damit sie sich dortselbst zur neuen, von ihr mit angezettelten Anti-Porno-Kampagne äussere. Das Publikum liess sich keineswegs zweimal bitten und strömte zu Hunderten, viele Männer und noch mehr Frauen.
Pornographie ja oder nein oder nicht mehr so doll oder jetzt erst recht irgendwie fühlt sich ja jede(r) betroffen, und die von der Frauenzeitschrift Emma im vergangenen Herbst entfachte Diskussion hat es zumindest geschafft, die Republik mit nicht enden wollendem Geschprächsstoff zu versorgen. Doch erhitzte Debatten über dazu noch ein solch emotionsgelandenes Thema führen nicht selten zum Festbeissen in missverständlichen Vergröberungen, zu vorschneller Frontenbildung nach dem Muster: Wer für Pornographie ist, ist auch ein potentieller Vergewaltiger.
Da Alice Schwarzer nun auch umgekehrt von den Stuttgartern erfahren wollte, welchen Stand die Pornographie-Diskussion herzulande erreicht hat und weil ihr vermutlich das Transparent mit der Aufschrift "Auch uns am Necker/Geht Porno auf den Wecker" das ihr im Theatersaal entgegenwehte, die Komplexität ihres Anliegens ein wenig zu undifferenziert verkürzte, ergriff sie die Gelegenheit, dieses ihr Anliegen erneut 'Schrittchen für Schrittchen' darzustellen. Also noch einmal: Pornographie hat weder etwas mit Nacktheit zu tun noch mit der Darstellung von Sexualität, sondern mit der Darstellung von Frauen als verführbaren sexuellen Objekten. Sie ist damit eine Frage der Menschenrechte.
Bedenklich, so Alice Schwarzer weiter, sei die erschreckende Brutalisierung in der Pornographie seit den letzten fünfzehn Jahren. Pornographie als Kern einer Frauenfeindlichen Propaganda, einer Ideologie von der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts. An immer grässlicheren und hässlicheren Bildern von gequälten, geschundenen, zerschtückelten Frauen verlustiere sich der Mann, der offenbar im Zuge der voranmaschierenden Emanzipation der Frauen dieses Refugium benötige, in dem er noch ungeniert seine Selbstherrlichkeit zelebrieren könne, seine Machtphantasien austobe. Aber bei den Phantasien bleibe es ja nicht, sie produzierten den realen, erniedrigenden Blick des Mannes auf die Frau. Die gesetzliche Möglichkeit für jede Frau, sich mittels einer Privatklage gegen Pornographisches zur Wehr zu setzen - eine der populärsten Forderungen der "Emma" -Frauen - sei aber gar nicht das zentrale Anliegen. Das weitaus Interessantere liege in der symbolischen Wirkung der Anti-Porno-Kampagne: aufklären, beschämen, stänkern.
Ja, Alice Schwarzer ist es bitter ernst, ihr Feldzug gegen die weitere Pornographisierung des Alltags, deren Verästelungen sie schon bis hinein in "die Verhurung der weiblichen Mode" ausgemacht hat, wird kein Spaziergang: "Wenn wir's nicht schaffen, das zu stoppen, dann haben wir den gesamten Kampf um die Emanzipation verloren. Im Schummerlicht der Pornographie schlägt man uns die Beine unterm Körper weg und gibt uns zu verstehen: Dieses winselnde Lustobjekt seid ihr!"
Soch aufrüttelnde Botschaft nahm das Publikum natürlich nicht leidenschaftslos zur Kenntnis. Galt es jetzt doch, mit dem geforderten aufmerksamen, alarmierenden Blick: die pornographische Objektwelt des sexistischen Alltags ins Auge zu fassen. Bei weniger geschultem Blick klappt das nicht auf Anhieb. So musste Alice Schwarzer zunächst das Helnwein-Plakat für Peter Zadeks Stück "Lulu" in Hamburg vor pornographischer Denunziation einer Stuttgarter Mitstreiterin in Schutz nehmen.
"Nein, das ist keine Pornographie, auch nicht sexistisch. Hier ist doch eine starke, kräftige Lulu dargestellt, der die Nuttenstrapse etwas verlegen auf den stämmigen Oberschenkeln hängen. Der alte Mann, der ihr aud die Scham guckt, ertrinkt fast in seinem übergrossen Mantel. Nein, das ist keine verführerische Pose, sondern der Künstler entlarvt hier ganz klar die Phantasie des Mannes." Auch die Schriftstellerin Elfriede Jellinek galt es, vor feministischem Übereifer zu retten: "Sie schreit in ihrer Beschreibung alltäglicher Pornographie doch nur heraus, was pornographisch in sie hineingepresst wurde." Es sei darauf zu achten, ob jemand das sexuelle Elend zum Zwecke der Aufklärung beschreibe oder das Elend zum Zwecke männlicher Lustmaximierung nur fortschreibe.
Doch die Diskussion blieb auf dem Niveau jener frühfeministischen Empörungshaltung, die ständig zwischen erbarmungsloser Vervolgung alles Männlichen und larmoyanter Beschwerdeführung hin und her pendelt. So gerieten des weiteren die anwesenden Männer in den inquisitorischen Blick, die zum Teil Auskunft erheischt hatten, welche Unterstützung sie der Anti-Porno-Kampagne angedeihen lassen könnten - "meint ihr, ihr könnt das alleine schaffen?", zum Teil über ihre eigene verklemmte Sexualaufklärung berichtet hatten. Aber das wiederum zum Teil mit zu keck erhobener Stimme, so dass alsbald die Forderung nach einem "Redeverbot für Typen" fällig war. Es blieb aber bei der Forderung.
Dann wurde erörtert, warum eigentlich immer nur Frauen, etwa "schlaffer Brüste" wegen, dem männlichen Gespött und Gelächter ausgesetzt seien. "Ich mein, so ein schlaffer Penis, wie sieht das denn aus?"
Alice Schwarzer, selbstbewusst, eloquent und klug, gewährte allen und jeder Schutz. Jetzt komme es darauf an, sich selbst das Ausmass überall lauernder Erniedrigung einzugestehen. Das gelte auf für die vermeintlich starken, emanzipierten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, die sich durch die Sauereien um sich herum nicht gemeint fühlen. Denen, die meinen, sich in der Pornographiefrage den Männern anbiedern zu müssen, wird es schlechtgehen, denn: "Herrscher haben Verräterinnen noch nie geschätzt." Grosser Beifall im Publikum.
LULU
1988
Elfriede Jelinek
2005




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