January 1, 1997
Die Zeit
www.zeit.de
Thomas Mießgang
Musik aus der Folterkammer: Der Erfolg der ostdeutschen Rockgruppe Rammstein
Brich feige mein Genick
Daß Gottfried Helnwein, auch so ein Übriggebliebener aus schöneren Skandaljahrzehnten, die Rammstein-Fratzen auf der CD-Hülle mit seinen bekannten Kopfbandagen und Hannibal-the-Cannibal-Maulkörben verzieren darf, ist nur die folgerichtige Konsequenz.
Jetzt habt Ihr es! Erst habt Ihr den Osten geknechtet und geschändet, fiese Investoren und Import-Export-Leute rübergeschickt, der Treuhand die Lizenz zur Abwicklung erteilt. Doch unter dem platt gemachten Land rumorten die Untoten in ihren Gräbern. Nun sind sie da, kalkweiß, hohlwangig, mit stechendem Blick und holen sich Eure Kinder! 500 000 Stück vom ersten Tonträger "Herzeleid" ans Käufervolk gebracht, das zweite Album "Sehnsucht" in die Top ten der Hitparade geliftet; halb Deutschland mit Flammenwerfern abgefackelt und mit Lärmattacken zugedröhnt. Ohrensausen, Hirnriß, Blackout.
Dann das große Rätselraten. Was ist dran an diesen Killermaschinen, die aus der Kälte kamen? An der Musik kann es wohl nicht liegen. Denn bei Rammstein gilt die Tageslosung: War schon mal da? Macht nichts, Hauptsache, es knallt.
Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bißchen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:
"Bück dich befehl ich dir
wende dein Antlitz ab von mir
dein Gesicht ist mir egal
bück dich."
Till Lindemann, der Sänger, den sie Feldwebel nannten, verleiht solcher Kiez-Poesie den Sound der blonden Bestie: mitleidlos, knarrend, herrisch. Als ob Heino sich in der Tür der Aufnahmestudios geirrt hätte.

Musik aus der Folterkammer: Der Erfolg der ostdeutschen Rockgruppe Rammstein
Brich feige mein Genick
Thomas Mießgang
Jetzt habt Ihr es! Erst habt Ihr den Osten geknechtet und geschändet, fiese Investoren und Import-Export-Leute rübergeschickt, der Treuhand die Lizenz zur Abwicklung erteilt. Doch unter dem platt gemachten Land rumorten die Untoten in ihren Gräbern. Nun sind sie da, kalkweiß, hohlwangig, mit stechendem Blick und holen sich Eure Kinder! 500 000 Stück vom ersten Tonträger "Herzeleid" ans Käufervolk gebracht, das zweite Album "Sehnsucht" in die Top ten der Hitparade geliftet; halb Deutschland mit Flammenwerfern abgefackelt und mit Lärmattacken zugedröhnt. Ohrensausen, Hirnriß, Blackout.
Dann das große Rätselraten. Was ist dran an diesen Killermaschinen, die aus der Kälte kamen? An der Musik kann es wohl nicht liegen. Denn bei Rammstein gilt die Tageslosung: War schon mal da? Macht nichts, Hauptsache, es knallt.
Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bißchen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:
"Bück dich befehl ich dir
wende dein Antlitz ab von mir
dein Gesicht ist mir egal
bück dich."
Till Lindemann, der Sänger, den sie Feldwebel nannten, verleiht solcher Kiez-Poesie den Sound der blonden Bestie: mitleidlos, knarrend, herrisch. Als ob Heino sich in der Tür der Aufnahmestudios geirrt hätte.
Wenn Rammstein aber gerade nicht von der Muse geküßt werden, dann kommt auch delirantes Suff-Gelalle aufs Textblatt:
"Willst du bis der Tod euch scheide
treu ihr sein für alle Tage
Nein
Willst du bis zum Tod der Scheide
sie lieben auch an schlechten Tagen
Nein."
Man kann sich gut vorstellen, wie die Rammsteine, die vor ihrer Karriere als Brandstifter in vielen uninteressanten Bands als Biedermänner gemuckt und gerackert haben, kichernd solche Zeilen auf Klopapier notieren. Nach dem dritten Kasten Bier. In ihrem Heimatquartier, dem "Knaack-Club" in Ostberlin. Und dann auf die Fahrräder, aber nach Hause zu den Kindern, die allein erzogen werden. Will vielleicht noch jemand einen Korb geflochten haben? Man hat ja schließlich einen bürgerlichen Beruf erlernt.
Rammstein: Takeover des Ostens, eine PDS, die bundesweit respektable Ergebnisse einfährt. Und ganz Deutschland zittert in wohligem Schauder unter dieser Proll-Zumutung, die man sich selber gar nicht auszudenken wagen würde: "Wie gefährlich ist diese Gruppe?" fragt Bild am Sonntag scheinheilig und von der eigenen Gefährlichkeit ablenkend. Sind das Kinderschänder, Asylantenfresser, Nazis gar?
Kontroverses Phänomen; Stirnen werden gerunzelt, Pädagogen wachen auf, Kultusminister bekommen Seitenstechen. Müßte man da nicht ...? Sollte man da nicht ...?
Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Rammstein sind weder Beelzebuben noch Führer, sondern Erben der unseligen Tradition des DDR-Rock. So wie die Puhdy's, City und Co. den Westentwicklungen hinterherhinkten und aus dieser Asynchronität karikaturhaften Reiz gewannen, so nisten sich auch Rammstein, über das Ende der DDR hinaus, in einer Schock-Vergangenheit ein, die im Westen längst zu den Akten gelegt wurde. Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben.
Wenn in ihren Videos das Feuer züngelt, wenn auf der Bühne das Kettenhemd in Flammen steht, dann zelebriert Till Lindemann jenen Gott des Höllenfeuers, der schon vor dreißig Jahren von Arthur Brown ("Fire!") verkörpert wurde. Wenn die Band in breiter Formation über leere Plätze marschiert, dann erinnert das an die Auftritte der Revolverhelden in den Filmen von Leone oder Corbucci.
Daß Gottfried Helnwein, auch so ein Übriggebliebener aus schöneren Skandaljahrzehnten, die Rammstein-Fratzen auf der CD-Hülle mit seinen bekannten Kopfbandagen und Hannibal-the-Cannibal-Maulkörben verzieren darf, ist nur die folgerichtige Konsequenz.
Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hat einmal geschrieben, daß Jugoslawien das verdrängte Unbewußte Europas sei; die Schlammgrube der düsteren Wünsche und Begierden, der Kerker jener Dinge, die man vor sich selbst verbergen möchte. Die Band Laibach, mit Zizek gut bekannt, spielte in ihrer großen Zeit virtuos mit den Zeichen und Masken dieses Unbewußten, machte daraus ein Feuerund-Lärm-Spektakel.




back to the top