October 2, 1992
Süddeutsche Zeitung
Feuilleton
Axel Hacke
Ein Mann, der Gesichter durchschaut
"Ich schaffe es, die Leute so aufzuregen, daß sie existenzielle Probleme kriegen": der Maler und Photograph Gottfried Helnwein
Als wir im Stadtmuseum die Treppe hinauf gingen zu den Gesichtern, die Helnwein photographiert hat, haben wir bloß "Wie gehts?" gefragt, und er hat von Streß geredet: Arbeit an mehreren Büchern, die Ausstellung hier und der Skandal in der Schweiz. Er hat das Plakat zu einem Theaterstück über General Jeanmaire gemalt, der 1977 wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt wurde und bis zum Tod um die Wiederaufnahme des Prozesses kämpfte. Man sieht Jeanmaire nackt; bloß das Generalskäppi hat er auf dem Kopf, und um die Füße ringelt sich die heruntergelassene Hose. Dies Bild empört viele Schweizer. Unter den Briefen, die er erhalte, sagt Helnwein, finde sich die Aufforderung, er, der Österreicher, solle den Pinsel von der Schweiz lassen und "den Waldheim nackt malen".
Weil die Plakatgesellschaft das Bild nicht an Litfäßsäulen kleben will, hat der Maler vor Journalisten 500 Plakate "handsigniert und handzensiert", wie er spottet, also Jeanmaires Militärmütze und Geschlechtsteile übermalt, "aber nur, weil ich beweisen will, daß sie es so auch nicht aushängen". Die Schweizer Illustrierte habe das Bild gedruckt und dafür mehr als tausend Abbestellungen erhalten. Das erinnert an eine ältere Geschichte: 1972 malte er dem österreichischen Magazin profil zu einer Geschichte über Selbstmord ein Mädchen aufs Titelbild, das sich die Pulsadern aufschlitzt - ein Entsetzensschrei der Leser war das Echo.
Er lege es, sagt Helnwein, nicht auf Skandal an, fände es sogar "elend", den Schock als Ziel zu haben. Aber wer sich des Mediums Plakat bediene müsse eine Geschichte so reduzieren, daß der Betrachter in einer Sekunde deren Kern erfasse. Und anders als jeder Text gehe ein Bild direkt ins Unterbewußtsein, "es hat eine Magie". Über sein Plakat zu Wedekinds "Lulu" (ein Mann starrt auf den Schoß einer Riesenfrau) habe sich seinerzeit auch die Hamburger Frauenbeauftragte aufgeregt, obwohl der Lächerliche der Mann sei.... also, die Leute verlören die Selbstkontrolle bei seinen Bildern, sie dächten nicht mehr nach. "Was mich an meiner Arbeit fasziniert: Daß sie immer Reaktionen auslöst, die unter die Oberfläche blicken lassen". Lieber male er Kitsch, sagt er, "und dafür kommt etwas rüber, das eine Intensität hat. Immerhin schaffe ich es, Leute so aufzuregen, daß sie existentielle Probleme kriegen".
Er empört sich über die Kunstszene und nennt sie autistisch. Immer hat er Möglichkeiten gesucht, "die Beschränktheit der Galerien" zu überwinden. Die Massenmedien sind ihm recht: "Rembrandt hat Radierungen gemacht, weil er hundert Stück von einem Bild wollte, nicht weil er Radierungen besonders ästhetisch fand. Aber die Baselitze oder wer immer, die finden das bloß ordinär. So ein Kiefer läßt sich nur herab, wenn man ihm eine ganze Zeitung zur Verfügung stellt - ekelerregend. Das Titelblatt eines Magazins ist die Form der Ausstellung. Jeder, der zum Kiosk schlurft und sich Zigaretten holt, kommt am Bild vorbei."
Er ist ein Star, der in einem Schloß in der Eifel wohnt, weil er erstens seine vier Kinder in gesunder Luft wissen will, zweitens aber von dort drei internationale Flughäfen schnell zu erreichen sind. Eines der Kinder heißt Ali mit Vornamen. genauer: Ali Elvis Donald Dagobert Lancelot. Das Ali bezieht sich auf Muhammad Ali, den Helnwein verehrt, und den er besucht hat, um ein Photo von ihm zu machen. Das hängt jetzt in der Ausstellung: Der große Ali küßt den kleinen Ali, ein unscharfer Schnappschuß, kurios und privat neben den anderen Photos, aber ebenso wie sie Bild eines Zum-Klischee-Gewordenen, dem Helnwein näher kommen wollte, einziges Kriterium der Sammlung, zu der gehören: Lech Walesa und Andy Warhol, Keith Richards und Willy Brandt, Arno Breker und Norman Mailer, Michael Jackson und andere.
Helnwein sagt, er verstehe sich als Konzeptkünstler, also sei das Medium für ihn zweitrangig. Er male Bilder und Plakate, gestalte Bühnenbilder, und Photos habe er ebenfalls immer gemacht. (Auch hat er immer viel und gut geredet, und einmal steht der Kellner neben ihm und sagt: "Sie rühren Ihr Frühstück nicht an, und Ihr Kaffee wird kalt". Helnwein ruft, er rede sich halt hier den Mund fusselig, und dann fügt er hinzu: "Aber danke, daß Sie so aufmerksam sind.")
Bukowskis Warzenlandschaft
Helnwein über William S. Burroughs: Von dem habe er viele Photos gesehen, doch stets nur einen alten Mann darauf. "Aber hier bei mir! In seinen Augen ist etwas Gefährliches, Kaltes, fast wie ein Schlangenauge. Ich will, daß da was von 'Naked Lunch' in diesem Gesicht zu spüren." Sein Wunsch sei gewesen, ihn mit Pistole zu photographieren, aber dies zu äußern, habe er nicht gewagt. Aber Burroughs habe dann erstaunlicherweise selbst eine Pistole dabeigehabt und sei mit ihr, trotz des Altmännerzitterns in seinen Händen, routiniert umgegangen. Helnwein über die Warzenlandschaft Charles Bukowski: "Da hat man das Gefühl, was er geschrieben hat, ist authentisch. Was ich will ist Nähe, nicht räumliche Nähe, sondern Nähe zu der Person - hier ist es schon unangenehm nah." Helnwein über Andy Warhol: Auf keinem Photo schaue er aus wie auf diesem. Warhol habe immer posiert, "aber mein Bild zeigt, wie er unter der Oberfläche angeschlagen und kaputt war." Helnwein über Michael Jackson: Wie der alles unter Kontrolle habe und gleichzeitig ganz dünn, ganz zart sei. "Man hat immer das Gefühl: Wenn man hinfaßt, macht es puff, und er ist weg". Nie würde sich Jackson, wie er es hier tat, so photographieren lassen, daß man eine Operationsnarbe an der Nase sehen könne. "Auf anderen Bildern sieht man mehr - wirklich, wie er zusammengesetzt ist". Helnwein über Arno Breker: Dem hat er fürs Bild sein Beuys-Porträt in die Hand gedrückt. "Sehen Sie dieses Mißtrauen, diese Ignoranz, diese Unsicherheit!", sagt Helnwein. "Der hat schon reflektiert, daß er jetzt der Arsch ist." Aber gemacht habe er es.
Helnwein über Carl Barks, den er so mag, den Schöpfer von Donald Duck: "Jetzt schauen Sie sich mal den Mund von Barks an, da ist die Schnabelform im Ansatz einfach da...." (Er hat recht, bitte hingehen und anschauen, bitte!) Er, Helnwein, bereite eine Ausstellung vor, die im Frühjahr im Stadtmuseum gezeigt wird: Barks' Lebenswerk - 500 Skizzen der Entwicklung Donald Ducks bis zu heutigen Arbeiten. Der Alte verbringe den Lebensabend damit, Bilder zu malen wie "Dagobert im Geldkasten", jetzt aber in Öl.
Komisch, sagt er, die Leute, die er photographiert habe, seien oft porträtiert worden, aber "wenn ich sie photographiere, kommt am Ende etwas raus, was meinen eigenen Intentionen entspricht - faszinierend, weil man immer denkt, daß der Photoapparat eine objektive Maschine ist". Mick Jagger schaue bei Helmut Newton aus wie andere Newton-Figuren. Hier sehe man alle Sünden im Mick-Gesicht. "Wenn ich die Stones photographiere", sagt Gottfried Helnwein, "sehen die so aus, wie ich sie früher gemalt habe".
- Ein Selbstporträt ist unter den Photos, nicht schwarzweiß, wie die anderen. Es zeigt den Künstler mit blauer Farbe bespritzt und, wie immer, mit verbundenem Kopf.




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