July 1, 1988
Nürnberger Zeitung
Feuilleton
mab
Brisante Erblast
Ein Symposion zum Umgang mit NS-Architektur
Ein mit Fachleuten besetztes Symposium soll am 7. und 8.Juli diese Fragen klären oder zumindest in einen offenen Diskurs bringen. "Das Erbe vom Umgang mit NS-Architektur" wird für Historiker wie Hans-Ulrich Thamer, Politikwissenschaftler wie Peter Steinbach, Kunstgeschichtler wie Georg Bussmann, Hans-Ernst Mittig und Winfried Nerdinger, die Journalisten Ralph Giordano und Dieter Bartetzbo sowie die Künstler Gottfried Helnwein und Alfred Hrdlicka Gegenstand verschiedener Vorträge und Diskussionen sein.
Die Erblaststücke am Dutzendteich haben sich in dieser Stadt bislang als äußerst sperrig und heikel im Umgang erwiesen - vor fast genau einem Jahr erteilte der Stadtrat Plänen eine eindeutige Absage, die NS-Bauten der Kongreßhalle in ein Shopping-Center umzuwandeln. Auf diese Vorgänge war damals auch das "Zeitmagazin" aufmerksam geworden, was als Indiz für bundesweit und ausländische Sensibilität im Umgang mit den steinernen Zeugen der Reichsparteitage aufzufassen ist "Was macht eigentlich Nürnberg?" ist, so Wolfgang Weiß vom Pädagogischen Institut, eine häufig zu hörende Frage im Zusammenhang mit brauner Vergangenheit: "Die Hilflosigkeit" erkläre sich mit der Angst, etwas falsch zu machen.
Soll man ein Mahnmal schaffen, so wird seit jeher gefragt, oder sogar dominante NS-Beuten als wertfrei einstufen und erhalten? Oder soll man ein fragwürdigen Kunstwerk endlich abreißen?
Ein mit Fachleuten besetztes Symposium soll am 7. und 8.Juli diese Fragen klären oder zumindest in einen offenen Diskurs bringen. "Das Erbe vom Umgang mit NS-Architektur" wird für Historiker wie Hans-Ulrich Thamer, Politikwissenschaftler wie Peter Steinbach, Kunstgeschichtler wie Georg Bussmann, Hans-Ernst Mittig und Winfried Nerdinger, die Journalisten Ralph Giordano und Dieter Bartetzbo sowie die Künstler Gottfried Helnwein und Alfred Hrdlicka Gegenstand verschiedener Vorträge und Diskussionen sein. Alle Veranstaltungen - die übrigens keinen Eintritt kosten - finden im Germanischem Nationalmuseum statt und werden vom Nürnberger Kulturreferenten Glaser als dem Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes eröffnet. Neben dem Werkbund (der derzeit von Hans Herpich, Lehrer an der Kunstakademie Nürnberg, in Bayern geleitet wird) veranstalten das Pädagogische Institut und das Kunstpädagogische Zentrum Nürnberg dieses Symposium.
Sieht man den Faltprospekt nach der Thematik der Einzelvorträge durch, so fällt auf, daß die Debatte über den Umgang mit NS-Architektur auch auf mögliche "Faschismusrezeptionen" der zeitgenössischen Kunst eingehen wollen (Georg Bussmanns Vortragstitel lautet: "ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken") oder Faszination und Manipulation im Zusammenhang sehen - eine Thematik, die möglicherweise auf die noch gefährlicheren Suggestionsmittel technischer Medien und auf Massenhysterie anspielen will.
Andere Vorträge beleuchten das Verhalten von Städten wie Berlin und München, die mit Integrieren von NS-Bauten offenbar weniger Mühe hatten. Auf die Brisanz einer bloß pragmatischen Auffassung wies schon jetzt im Pressegespräch Gebhard Streicher vom Münchner Werkbund hin, der den nahtlosen Übergang des kunstpropagandistisch mißbrauchten Hauses der Kunst in München in ein Normalmuseum für einen Skandal hält. Demnach ist Nürnberg gut beraten, eine Diskussion - wenn sie auch nach Meinung des Pädagogischen Instituts um dreißig Jahre verspätet ist - einer Weiternutzung voranzustellen.
Nach Glaser konnte die Nürnberger Kongreßhalle, die bislang als Lager und Musikstudio fungiert, als "Torso" ohnehin niemals für eine Weiterverwendung in Betracht gezogen werden. Glaser hält bei einem "so schwierigem Thema" grundsätzlich den Diskurs für wichtig, den man "nicht vorzeitig verhauen" sollte. Drei Dinge hält Glaser persönlich für sehr gefährlich. Einmal eine "Dämonisierung" als "Entschuldungsprogramm" für die Banalität des Bösen, sodann eine "Historisierung" der NS-Zeit zu einer "Epoche unter vielen". Schließlich könne man auch nicht ein "historisch deutsches Phänomen" globalisieren, eine Sonderform mit "Faschismus" pauschal gleichsetzen. Diese Gefahr sei jedoch die geringste.




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