April 1, 1988
Ballett-Journal
Das Tanzarchiv Zeitung für Tanpädagogik und Ballett-Theater
Eberhard Gockel
Das-Erzeugnis-der-Phantasie-eines-trunkenen-Wilden
"Das Erzeugnis der Phantasie eines trunkenen Wilden"
Hans Kresnik choreographierte William Shakespeares "Macbeth" in Heidelberg
Eines steht fest: In Heidelberg wird Theatergeschichte geschrieben. Am Theater der Stadt Heidelberg feierten Hans Kresnik und sein Ensemble eine glanzvolle Premiere: "Macbeth" nach William Shakespeare. Die Musik für Klavier zu vier Händen schrieb Kurt Schwertsik. Die schaurig-schönen Bühnenbilder gestaltete der Wiener Mater Gottfried Helnwein. Seine Devise: "Ich halte Donald Duck für ein größeres Kunstwerk als Mona Lisa." Kresniks politisches Lehrstück reflektiert im Schlußbild Zeitgeschichte: In Anspielung auf ein umstrittenes Illustrierten-Photo stirbt Macbeth, alias Uwe Barschel, in der Badewanne.
Eines steht fest: In Heidelberg wird Theatergeschichte geschrieben. Und die schreibt Hans Kresnik. Der Kärntener Bauernsohn und Schüler des Startänzers der "Ballets Russes de Diaghilew", Léon Wójcikowski, legte mit seinem Politballett "O sola pei" 1967 in Köln den Grundstein für das inzwischen weltweit diskutierte "Deutsche Tanztheater". Nach wegweisenden Choreographien in Bremen und später in Heidelberg ist der Name Hans Kresnik heute ein Gütesiegel erster Klasse: Ballet made in Germany.
Hatte man bisher das Gefühl, daß die szenische Brutalität seiner Ballette kaum noch zu steigern sei, so hat er jetzt mit seinem Heidelberger "Macbeth" die Möglichkeiten des politischen Tanztheaters absolut auf die Spitze getrieben, maßgeblich unterstützt von seinen Kombattanten Gottfried Helnwein (Ausstattung) und Kurt Schwertsik (Musik). Resümee: Gegen Kresniks "Macbeth" des Jahres 1988 wirkt Antonin Artauds "Theater des Grausamen" wie ein Weihnachtsmärchen des Biedermeier.
Hans Kresnik benutzt die literarische Vorlage gleichsam als Folie, auf der sich die Hauptgestalt, Macbeth, in besonderer Schärfe abzeichnet. Schon einmal hatte er sich mit seinem Ballett "Die Hamletmaschine" nach Heiner Müller dem Shakespeareschen Themenkreis genähert. Und für die neue Heidelberger Mord-Ballade gilt just jenes epiteton ornans, das Voltaire einst dem "Hamlet" zugeeignet hatte: Dies sei "das Erzeugnis der Phantasie eines trunkenen Wilden". Der englische Dichter Ben Jonson hat die zeitlose Gültigkeit des Shakespeareschen Oeuvres vom Globe Theatre bis hin zu Kresniks "Choreographischem Theater" geahnt: "Nicht nur für unsere Zeit lebt er: für immer! O sähen wir dich aufs neue, süßer Schwan, Vom Avon, zieh'n auf deiner stolzen Bahn!"
Macbeth and the three Witches
1988
Spannung bis zur letzten Sekunde
Und dann nimmt das Schicksal seinen Lauf. Bei Shakespeare heißt es in der Regieanweisung: "Drei Mörder betreten die Bühne." Die furchtbare Tat geschieht, aber der lockende Lohn gleicht jenen "Dead-Sea fruits, that tempt the eye, but rum to ashes on the lips". War es in "Romeo and Juliet" die Liebe und in "Othello" die sinnenbetörende Eifersucht, so schildert Shakespeare in "Macbeth" den wahnwitzigen Ehrgeiz des Helden in einer Weise, die dieses Werk auf den ersten Platz unter den Tragödien des Dichters rückt.
Hans Kresnik hat William Shakespeares Botschaft als Menetekel gegen die Korruption der Macht in Szene gesetzt: "Die Figur Uwe Barschel in meinem Stück ist durch beliebig viele Spukgestalten auszutauschen, vom KZ-Baumeister Heinrich Lübke bis zum Nazi-Schergen Kurt Waldheim."
Kresniks Heidelberger Polit-Thriller schafft Spannung bis zum letzten Sekunde. Zum Auftakt: Im Orchestergraben schwappt Blut und Gekröse. Die mit weißglänzendem Wachstuch ausstaffierte Bühne suggeriert das Bild einer klinisch-sterilen Leichenhalle. Ein Dutzend bandagierter Mordopfer liegt eingesargt in Badewannen wie weiland ägyptische Mumien in ihren Sarkophagen.
Nur wenig später gemahnen die nunmehr senkrecht an den Wänden plazierten Wannen an ein gotisches Chorgestühl. Ein andächtig schreitender Gottesmann in schwarzem Talar kippt unermüdlich Eimer und Wannen voll Blut und Innereien platschend in den Orchestergraben. Im Hintergrund öffnet und schließt sich mit wummerndem Krachen eine gigantische Flügeltür. Und immer, wenn neue lebende oder tote Opfer durch dieses metallische Höllentor transportiert werden, beginnen schmatzend die Blutpumpen zu arbeiten und treiben den roten Lebenssaft durch klarsichtige Schläuche.
Die Optik ist geprägt durch rasend-schnelle Szenenwechsel - Vorhang auf, Vorhang zu und so weiter und so fort - wie kinematographische Bildfolgen. Jede Bühnenbewegung wird über Mikrophone und elektronische Verstärker in ohrenbetäubendes Trommelfeuer gewandelt. Ein akustisches Inferno.
Die Handlung orientiert sich an der Originalstory. Verrat, Mord, Machtgier und unheimliche Erscheinungen pflastern den Weg des "Than von Glamis" vom siegreichen Schlachtenführer zum neuen schottischen Herrscher. Sein schlimmes Ende und der Tod seiner schlangenfingrigen Gattin bilden den schockierenden Schlußakkord.
Lady Macbeth
1988
Choreographisch-literarische Rätsel
Zwei weitere Kraftakte treiben das Publikum an den Rand des Irrsinns. Bei einem stimmungsvollen Familienidyll mit phantasievollen Kinderreigen, die spontan an die Tänze von Kurt Jooss in seinem Ballett "Großstadt" erinnern, wird der Zuschauer wie bei Tennessee Williams Bühnenstück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" über ein glühendheißes Blechdach gejagt, und wehe dem Theaterbesucher, dem es nicht gelingt, seine letzten moralischen Kraftreserven zu mobilisieren.
Murder of the Macduff family
1988
Und dann die andere, ungeheuer bizarre Attacke: Macbeths Todestaumel im Birnam-Wald. Von den unheimlichen Hexen in gigantische Stiefel gezwängt, stampft der gefallene Held mit blutigen Genitalien und güldener Narrenkappe in sein Verhängnis. Die Weissagungen erfüllen sich: stahlgraue Pfähle senken sich wie eine Raketenstafette auf den Bühnenboden.
Phantasiebeflügelte Bühnenbilder
Im Schlußbild schließt sich die Bühne von allen Seiten wie die Lamellen der Photoblende im Anreißer der erfolgreichsten Spionageserie der Kinogeschichte: James Bond. Im Fokus bleibt die Wasserleiche des Macbeth in der Badewannenpose des toten Uwe Barschel.
Wie der englische Poet aus Stratford on Avon hinterläßt auch der Heidelberger Gipfelstürmer so manches Rätsel. Allerdings scheint die strittige Schlußszene kaum weniger blutrünstig als bei Shakespeare beschrieben: "Macduff kommt mit Macbeths Kopf auf einer Stange."
Hans Kresniks choreographisches Schauerdrama ist ohne Zweifel ein Kabinettstück des zeitgenössischen Ballett-Theaters. Die phantasiebeflügelten Arbeiten von Gottfried Helnwein, der hier seine erste Theaterproduktion lieferte, harmonisieren vollendet mit Kresniks genialem Meisterwerk. Die enervierenden Musikstücke Kurt Schwertsiks schärfen die Aufmerksamkeit und geben der Heidelberger Aufführung die geeignete Würze.
Das Ensemble demonstriert mitreißende Tanzfreude: Joachim Siska (Macbeth), Susan Ibanez (Lady Macbeth), Maverick Quek (Banquo), Roberto Giovanetti (Macduff), Susan Barnett (Lady Macduff), drei Hexcn (Amy Cleman, Regine Fritsche, Kate Antrobus), und allen voran der Darsteller des Duncan, Harald Beutestahl, der zweifellos beste Darsteller des Ensembles.
Hans Kresnik schleudert mit seinem Macbeth-Ballett erneut den Donnerhammer gegen die Betonköpfe der Reaktion. Und auch Kritiker und Zuschauer sind sich in Heidelberg wieder einmal einig: Ovationen ohne Ende. Gratulor!
Scene from Macbeth
1988




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