April 18, 1988
Frankfurter Rundschau
Martin Winter
Bonn
Wenn aber die Vampire das Sonnenlicht scheuen
"Entartete" und "schöne" Kunst: Die Grünen haben sich auf die schwierige Debatte über Ästhetik und Freiheit eingelassen
Ob Mut zur offenen Diskussion oder Angst, daß der Schoß noch fruchtbar ist, aus dem dies kroch, die Grünen waren unversehens in eine tiefgründige, stellenweise bodenlose Debatte über Ästhetik und über die Freiheit der Kunst geraten. In Meistermann und Helnwein hatten sie sich bedeutende Maler geholt, die auf ganz unterschiedliche Weise von dem Verdikt "entartet" betroffen waren. Meistermann bekam 1933 Ausstellungsverbot. Helnwein, 1948 geboren, stößt mit seiner provozierenden und hyperrealistischen Malerei auf viel Widerstand. 1971 wurden seine Bilder bei einer Ausstellung mit dem Aufkleber "Entartete Kunst" überklebt. Die das getan haben, sind das die Menschen, die wieder zur Nazi-Kunst pilgern würden? Ein Erlebnis Helnweins läßt das zumindest vermuten.
Was sie denn glaubten, bei "Kohl, der ein größerer Spießbürger als Goebbels oder der Massenmörder Hitler ist", mit einer Anfrage erreichen zu können, spottete Georg Meistermann. Da stockte selbst den grünen Bundestagsabgeordneten, um Schimpfworte und historisierende Beleidigungen nur selten verlegen, für einen Augenblick der Atem.
Mit polternder Rücksichtslosigkeit hatte der 77jährige Maler seinen Finger in die offene Wunde eines Projektes gelegt, das Antje Vollmer und ihr Kulturbüro in mühseliger Arbeit für die ?Kulturdebatte? ihrer Fraktion am vergangenen Dienstag auf die Beine gestellt hatten. Mit 38 Fragen wollen die Grünen der Regierung mit einem Problem zuleibe rücken, das sie akademisch "Über den Umgang mit der sogenannten 'Entarteten' und mit der sogenannten 'Schönen' Kunst nennen. Aber ob diese Fragen jemals den Bundeskanzler oder den Innenminister erreichen, steht in den Sternen.
Manch ein Abgeordneter war doch nachdenklich geworden, ob man sich nicht vielleicht mit soviel Originalität überhebt. Je weiter die fast vierstündige, für grüne Verhältnisse konzentrierte, disziplinierte und ernsthafte Diskussion voranging, desto klarer wurde, in welch schwieriges Gelände Antje Vollmer ihre Freunde geführt hatte. "Auch im Bereich der Kultur gibt es keine Zukunft ohne ein Verhältnis zur Vergangenheit"; deshalb, sagte sie, müsse endlich das "öffentliche Schweigetabu" über die Nazi-Kunst gebrochen werden.
Da waren die Grünen mitten in eine Diskussion geraten, die seit Jahren die Kunstwelt entzweit. Während die einen über den Aachener Kunstsammler Peter Ludwig herfallen, der sich vom Nazi-Bildhauer Arno Brekker in Stein meißeln ließ und nicht verstehen will, warum die Nazi-Bilder in Kellern verschlossen bleiben, plädieren andere dafür, das Zeug endlich ans Tageslicht zu holen. Dort, in der Sonne, sagte der aus Wien angereiste Maler und Grafiker Gottfried Helnwein, würde es diesen Werken gehen wie Vampiren: sie würden "zu Staub zerfallen". Entdämonisiert, darauf hofft auch Vollmer, würde sich vor den Menschen die ganze Lächerlichkeit dieser Kunstprodukte zeigen im Vergleich zu den alten und neuen Meistern. Mit Lachen sollen die Menschen bewältigen, was immer noch als Spuk aus der Nazizeit übrig sei.
Aber wollen die Menschen das wirklich? Was, wenn sich dann viele Menschen für die Nazi-Ikonen mit ihren totenkopfbewehrten Helden, den fleißigen arischen Bauern oder dem sittsam dem Manne dienenden blonden Mädel entscheiden und nicht für Picasso, Warhol, Hockney oder die jungen Wilden? Sie wurde nicht offen gestellt, aber bei vielen klang doch die bange Frage an, was denn sei, wenn dann die Faszination wieder komme, die schon einmal, so furchtbar auf die Menschen gewirkt habe?
Ob Mut zur offenen Diskussion oder Angst, daß der Schoß noch fruchtbar ist, aus dem dies kroch, die Grünen waren unversehens in eine tiefgründige, stellenweise bodenlose Debatte über Ästhetik und über die Freiheit der Kunst geraten. In Meistermann und Helnwein hatten sie sich bedeutende Maler geholt, die auf ganz unterschiedliche Weise von dem Verdikt "entartet" betroffen waren. Meistermann bekam 1933 Ausstellungsverbot. Helnwein, 1948 geboren, stößt mit seiner provozierenden und hyperrealistischen Malerei auf viel Widerstand. 1971 wurden seine Bilder bei einer Ausstellung mit dem Aufkleber "Entartete Kunst" überklebt. Die das getan haben, sind das die Menschen, die wieder zur Nazi-Kunst pilgern würden? Ein Erlebnis Helnweins läßt das zumindest vermuten.
In seiner Akademiezeit hatte er einmal im Stil der Nazi-Maler ein Führer-Bild gemalt und in einen Rahmen aus den dreißiger Jahren gehängt. Von Taxifahrern wurde er dafür gelobt, die ihm vertraulich Nazi-Devotionalien zeigten, und eines Tages kam ein junger Mann in die Akademie, um vor dem Bild eine Weihestunde abzuhalten. Damals, sagt Helnwein, habe er gelernt, welche Macht Bilder haben können.
Können sie die Macht nur haben, weil eine "Entdämonisierung der Nazi-Kunst als emanzipatorischer Akt" nicht stattfand, wie Antje Vollmer vermutet? Über die Verdrängungsleistung, was die Vergangenheit der deutschen Kunst angeht, steuerte Meistermann die eine oder andere Geschichte aus dem Nachkriegsdeutschland bei, "Querbeet" habe man nach dem Krieg Nazi-Künstler beschäftigt; Arno Brekker sei zum Beispiel mit Hilfe eines gefälschten Entlastungsschreibens des großen Bildhauers Henry Moore entnazifiziert worden und gehöre zu den meistverdienenden Künstlern der Republik. 1967 habe "Internationes", eine staatliche Einrichtung, die sich unter anderem mit der Verbreitung deutscher Kultur im Ausland beschäftigt, sogar versucht, den "alten Nazi Emil Nolde" als Hauptvertreter der "Entarteten", die nach 1933 von den Nazis verfolgt wurden, hinzustellen. Lächerlich, sagte Meistermann, könne man die Nazi-Kunst überhaupt nicht machen, weil die "Leute heute noch dafür sind".
Nur warum sie dafür sind, dieser Frage näherten sich die Grünen kaum. Auf der Suche nach der besonderen Ästhetik, die die Faszination der Nazi-Bilder ausmachte und vielleicht noch ausmacht, verhedderten sie sich zwischen Massenpsychologie und Kunsttheorien.
Helnwein empfahl ihnen, nicht so sehr auf die Bilder zu schauen. Die wirklich "gefährliche Ästhetik" liege in den "Aufmärschen auf dem Reichsparteitag", in dem Aufgehen des einzelnen in der Masse, in dieser Inszenierung mit Marschtritt, Musik und Führerkult. In der Erinnerung vieler, steuerte Antje Vollmer bei, sei das das, was "so schön gekribbelt" hat. Die Parallele zu Rockkonzerten und Massendemonstrationen war schnell gezogen.
Aber hat es dieses Kribbeln auch vor den Bildern der Nazi-Maler gegeben? Meistermann warnte die Grünen davor, das Problem der Nazi-Kunst und der verfolgten Kunst als ästhetische Frage zu behandeln. Das Dritte Reich sei ein "totales Unternehmen" gewesen, in dem alles der Frage untergeordnet worden sei, "was der deutsche Mensch ist". Auch Kunst und Kultur hätten sich diesem Ziel unterordnen müssen. "Entartete Kunst" also nicht als Problem des Geschmacks, sondern als Opfer einer Ideologie, in der alles dem arischen Menschenbild und der Gemeinschaft untergeordnet wird und in der alles vernichtet werden muß, was dem entgegensteht: der Jude, die Kritik, die freie Kunst.
Ob aus dieser Geschichte und wenn ja, was gelernt werden kann, vor diese Frage haben sich die Grünen nun selbst gestellt. Die Abgeordnete Waltraud Schoppe und der Fraktionsmitarbeiter Udo Knapp hatten jedenfalls schon bei der Einladung zur Veranstaltung Bauchschmerzen bekommen. Dort war der Versuch angekündigt, "über ästhetische Kriterien nachzudenken, die Grundlage einer aktiv vertretenen und inhaltlich verstandenen Kunstfreiheit sein könnten". Das beunruhige ihn, sagte Knapp, gerade Politiker sollten keine ästhetischen Kriterienkataloge aufstellen. Eine liberale Gesellschaft, meinte Schoppe, schließe aus, daß sich eine Gruppe hinstelle und sage, das und das sei Kunst. Brutal hielt Meistermann den Grünen vor, daß sie sich, wenn sie es denn ernst mit der Freiheit meinten, bestenfalls nur mit einer Tatsache identifizieren könnten, nämlich der, "daß die Leute die Kunst machen, die sie wollen". Und in diesem Kunstmachen, setzte Helnwein nach, müsse auch das Recht auf Irrtum drin sein.
Wie schwer das ist, zeigte sich am gleichen Nachmittag. Als der ebenfalls geladene Kunsthistoriker Werner Alberg dem Österreicher Helnwein vorwarf, mit seinem neuen Bildband "Der Untermensch" die Nazizeit zu verharmlosen und den gleichen Vorwurf auch noch gegen den international renommierten Maler Anselm Kiefer erhob, da schlug Helnwein zurück. Immer kriegten die Künstler "eins von den Oberlehrern auf die Finger", das Ganze käme ihm vor wie die "Fortsetzung der Reichskulturkammer". Reden über die Freiheit zu halten ist das eine, sie dann auszuhalten etwas anderes.
Auch die Linken und die Grünen haben da ihre Probleme. Da gebe es, beklagte Pressesprecherin Claudia Roth, eine "Vorschreibe- und Zensurmentalität". Die ehemalige Managerin der Rockgruppe "Ton, Steine, Scherben" berichtete von dem Druck der Fans auf die Gruppe, nur die beliebten Songs zu singen und sich nicht mit künstlerisch Neuem auf die Bühne zu wagen. An dieser Form subtiler Zensur sei die Gruppe kaputtgegangen. Wie so viele andere Fragen blieb auch die unbeantwortet im Fraktionssaal der Grünen hängen. Als die Redeliste "abgearbeitet" war, gab es kein Schlußwort - wohl, weil keiner eins wußte.




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