September 28, 1992
Schweizer Illustrierte
Echo
Leserbriefe
Jeanmaire - nicht mehr ganz so nackt
"Der 'Spatz' ist jetzt zugemalt, und der Hut ist auch weg", vermeldete der österreichische Maler Gottfried Helnwein, 43, am vergangenen Donnerstag abend live den Hörern von Radio 24 in Zürich. Heinwein berichtete aus Bern von einem Akt der Selbstzensur: Der "Realist der Grausamkeit" entschärfte mit Pinsel und dicker schwarzer Farbe sein "Jeanmaire"- Plakat, das wegen seines angeblich "polemischen und anstössigen Charakters" nicht öffentlich aufgehängt werden durfte. "Die Plakate sind jetzt alles Originale - handübermalt, signiert und numeriert", freute sich Künstler Helnwein. Am Freitag legte Theaterproduzent Lukas Leuenberger das zensierte Sujet erneut bei Polizei und Plakatgesellschaft vor. Er erhielt die Zusage, daß Soft-Version des Plakates so in den Aushang darf. "Es ist nicht das erste Mal, dass auf eines meiner Bilder heftig reagiert wird. Aber die auf dieses Jeanmaire-Plakat übertreffen alles", erklärte Helnwein. Es ist jedoch erste Mal, dass er seiner Werke selber "zensiert": "Normalerweise würde ich auf so etwas nie eingehen. Ich halte das Verbot des Plakates für absolut heuchlerisch. Deshalb machte ich jetzt eine Kunstaktion daraus." Produzent Leuenberger hält das alles für "nicht sehr erfreulich". Man habe sich aber zum Übermalen der Stellen des Anstosses entschlossen, da juristische Schritte bis zur Premiere von "Jeanmaire - ein Stück Schweiz" am 23. Oktober wohl kaum zu einem Ergebnis geführt hätten. "Es geht den Leuten weniger um die Genitalien auf dem Bild. Es geht darum, dass dieses Plakat zur Auseinandersetzung mit der Affäre Jeanmaire zwingt. Das will man verhindern", sagt er.
Leserbriefe an die Schweizer Illustrierte:
C. Senn, Nussbaumen
Ich finde es pietätlos und taktlos, einen Menschen, der tot ist und abgebüsst hat, so darzustellen.
Ernst Lüscher, Schönenwerd
Dass irgend so ein halbverrückter, sogenannt weltberühmter Künstler ein solches Bild malt und sofort Anhänger findet, ist klar. Man kann heute die grösste Idiotie produzieren und verbreiten und hat sofort Anhänger und Befürworter. Dass aber Redaktoren der Schweizer Illustrierten ein solches Bild auf die Titelseite setzen, ist ein ausserordentlich starkes Stück.
M. Saarinen, Bettlach
Es war für mich eine positive Überraschung, endlich einmal etwas anderes auf der SI-Titelseite zu sehen als die "Dauerbrenner" Pirmin, Russi & Co. Ich finde das Plakat äusserst gelungen, einerseits wegen der glänzenden Idee, einen Blossgestellten plakativ blosszustellen, andererseits, weil ich an einem nackten Mann beim besten Willen nichts Unanständiges finden kann. Auch nicht, wenn er tot ist.
Hans Wüst, Oberriet
Kreaturen wie Helnwein, der diese Bilder machte, verdienen für mich ganz andere Titel als "Künstler" und sind von der kultivierten Gesellschaft fernzuhalten, bevor sie noch weiteren Schaden anrichten. Die verantwortlichen Leute, die am 9. August 1976 die unerhörte Demütigung des betagten Herrn Jeanmaire veranlassten, gehören auch bestraft.
Theodor Amsler, Feuerthalen
Die Schweiz scheint der Schweizer Illustrierten aus den Händen geglitten zu sein.
Erich Varone, Walkringen
Ausgerechnet auf so einen ausländischen Hosenscheisser haben wir gewartet, um uns unserer "Sünden" bewusst zu werden.
Hans Ita, Zürich
Jahrzehntelang waren meine Familie und ich mehr oder weniger zufrieden mit Ihrer Illustrierten. Nachdem man uns seit geraumer Zeit die Kinder all der verflossenen Stars zumutete, haben Sie mit Ihrer Titelseite mit Jeanmaire das Tüpfchen aufs i gesetzt.
Agnes Leib, Zürich
Ich glaube, Jeanmaire hat für sein Vorgehen (ob richtig oder falsch, kann ich nicht beurteilen!) genug gelitten. Würde er noch leben und sich an jeder Strassenecke begegnen, müsste er dies Bild als unendlich verletzend empfinden.
Margrit Novak-Uehlinger, Péry
Möchten Sie Ihren Vater nackt in der Zeitung abgebildet sehen?
Ute Camnasio, Hemmental
Ich wünsche Ihnen und diesem Maler null Bestellungen.
Werner Wassmer, Aarau
Prominente, Intellektuelle und die "Intelligenz" des Landes werden begeistert diesem "Theater in der Bundeshauptstadt" Beifall spendieren. ohne zu merken, dass dieser verstorbene, unbedeutende Drittklassspion einmal mehr missbraucht wird, um von den wahren Verrätern - sichtbar und unsichtbar, aktiv oder im Ruhestand - abzulenken.
Elisabeth Boujibar, Unterbach
Mein Vorschlag wäre, die nächste "Rose" an Herrn Direktor Roland Petitmeret zu vergeben für seine Weigerung, dieses Plakat in den Aushang zu bringen. Den nächsten "Kaktus" entsprechend an Herrn Lukas Leuenberger, der offenbar nichts von ethischen-moralischen Werten hält.
L. Tolle, Hinwil
Eine grosse Schande ist es, dass die Verantwortlichen der Redaktion Jeanmaire eine solehe Blösse geben.
Rolf Bräm, Zürich
Eine Unverschämtheit, wie uns diese Jeanmaire-Geschichte wieder aufgewärmt wird:
"Innert weniger Stunden wurde dieser zufriedene alte Rentner zum grössten Sauhund aller Zeiten gemacht." Er hat sich selber zu dem gemacht, was er war. Warum macht man nicht ein Plakat, worauf Jeanmaire in voller Uniform dem russischen Spion die Adressen aller höheren Offiziere und die geheimen Mobilisationspläne übergibt? Das hat er ja gestanden, dafür wurde er rechtsgültig verurteilt.
Anton Kälin, Einsiedeln
Was für ein wohltuender Anblick im Gegensatz zu den Pirmins, Vrenis und Marias, die einem schön längst - würg - aus dem Halse hängen.
Emil Rahm, Hallau
Ist das nicht Heuchelei: Im Tone der Entrüstung wird kritisiert, dass Brigadier Jeanmaire vor zwei Polizisten sich demütigend die Hosen runterlassen musste. Nun musste er es vor Hunderttausenden Bildbetrachtern und SI-Lesern.
A. Meier, Schönenwerd
Wenn ein "sogenannter Künstler" unbedingt auffallen will, so kann er das. Eine Schweizer Illustrierte darf aber nicht jeden Mist drucken.
Ulrich Langenegger, Emmenmatt
Endlich kommt das weibliche Geschlecht in diesem Land in den Genuss, einen nackten Mann auf einem Titelbild zu sehen. Herzliche Gratulationen zu Ihrem Mut.
L. Brunner, Zürich
Vergeben Sie in Zukunft nur noch Rosen, Ihre ganze Kaktus-Plantage können Sie für sieh selbst beanspruchen!
Leni Aesch, Steffisburg
Sie wissen doch, dass Gott uns als Ebenbild geschaffen hat. Oder glauben Sie etwa nicht mehr an Gott? Das muss ich fast annehmen. Sonst könnten Sie sich nicht dazu verleiten lassen, ein solch ausgeschämtes Titelbild herzustellen - und noch dazu von einem Toten.
Dr. med. Reinhold Wepf, Bern
Es ist ein Irrtum zu glauben, es sei den Künstlern generell Narrenfreiheit zuzugestehen, nämlich dann, wenn ihre Kunst gemein und verletzend wirkt, aber auch in Fällen, wo das Publikum in selbstgerechter Arroganz Unzumutbares aufgetischt bekommt.
G. Klein, Adliswil
An die Initianten dieser Bilder die tiefste Verachtung Lind dass sie eines Tages die Strafe dafür erhalten.
Armin Zuckschwerdt, Stäfa
Das Handeln von Jeanmaire verurteile ich. Auch bin ich kein Moralapostel. Was Sie sich da aber erlaubt haben, ist einer Schweizer Illustrierten unwürdig!
Hans-Peter Gutekunst, Arlesheim
Ich finde es eine Pietätlosigkeit sondergleichen, den verstorbenen Brigadier in dieser Aufmachung zu publizieren!
Margrit Holenstein, Balterswil
Lieber ein paar Schweine als der nackte Jeanmaire! Wenn es geht, würde ich die SI ohne Titelblatt bestellen.
Dr. Johannes M. Müller, Arlesheim
Ich habe den Ex-Brigadier erlebt, als er noch aktiver Offizier war. Sollte es sich erweisen, dass ihm unrecht getan wurde, bin ich der letzte, der sich nicht für eine Rehabilitierung einsetzen würde. Er würde dieses Nackt-Plakat mit Sicherheit als ehrenrührig empfinden, und ich kann auch seinen Sohn nicht begreifen, dass er sich nicht vehement gegen eine solche Diffamierung wehrt. Walo Lüönd bitte ich auszurichten, dass meine bisherige Hochachtung als Folge seiner neuen Rolle auf den Nullpunkt gesunken ist.
R. Schneider, Bassersdorf
Ihre in meinen Augen nicht überzeugenden, heuchlerischen Motive für die Unterstützung dieser geschmacklosen, jämmerlichen Werbekampagne für das betreffende Stück berührt mich äusserst negativ.
Frau H. Weibel, Schüpfen
Mit einer einigermassen abgeklärten inneren Verfassung grenzt Ihr Titelbild an ein
fragwürdiges Niveau! Da kann man unsern "Allmächtigen" im Himmel nur bitten: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Gertrud Haury, Cademario
Sie müssen gar nicht den "Künstler" (mit Kunst hat das Ganze wohl kaum etwas zu tun) vorschieben, Sie schockieren die Leser.
Frau F. Joder, Aubonne
Da gibt es keine Entschuldigung für die Verantwortlichen des Abdrucks dieser Jeanmaire-Bilder, die gehören auch hinter Schloss und Riegel.
Franz Hess, Wolfenschiessen
Was die "Schweizer Geschmacklosigkeits-Illustrierte" sich in der letzten Ausgabe leistet, ist die Höhe.
Dr. Andreas Zimmeli, Zweisimmen
Wäre es nicht gerade die vornehme Aufgabe einer Zeitschrift, die heute auf dem Gebiete der bebilderten Information eine eigentliche Monopolstellung einnimmt, durch eine anständige, seriöse und untendenziöse Berichterstattung der allgemeinen Tendenz zur Befriedigung eines rein nur nach Sensation, Skandal, Sex und Sport lechzenden Publikums entgegenzuwirken?
H. Zimmer, Dornach
Bei der realen Szene waren nur zwei Personen anwesend. Dem muss man abhelfen. Man muss die Demütigung vor aller Welt wiederholen - vor Hunderttausenden von Menschen muss er nackt ausgezogen werden - oh, welches Takt- und Mitgefühl!
S. Schärer, Lyss
Sie gehen im wahrsten Sinne des Wortes "über Leichen"!
J. Vogel-Ruch, Aarau
Wir haben uns im Ausland blamiert. Wie war es überhaupt möglich, solche Aufnahmen zu bekommen?
Otto Estermann, Hildisrieden
Wenn unsere Medienleute mit dieser Mentalität und ihrer Moralvorstellung so weiterfahren - oder auf diesem Niveau noch tiefer sinken -, wird es mit unserem bis dahin vielgerühmten und beneideten Schweizervolk und unserer Heimat bald zu Ende sein.
S. Marin, Ruswil
Wenigstens weiss ich jetzt, warum Sie uns Frauen nackte Männer vorenthalten.
Lina Büchel, Oberriet
Jeanmaire wurde sich im Grabe umdrehen. wenn er dieses Titelbild und das Plakat sehen würde, Solch ein Schund, den sie und Helnwein auch noch Kunstwerk nennen, gehört nicht mal in ein Pornoheft.
Oskar Burri, Malters
Es ist ein Faustschlag gegen all diejenigen. die im letzten Aktivdienst ihre Opfer gebracht haben.
Dr. med. N. Kaufmann, Menzingen
Das Titelblatt der jetzigen Nummer gibt mir den Rest für mein Wohlwollen.
W. und J. Caseri, Zürich
Da Herrn Helnwein zum Thema "Jeanmaire - ein Stück Schweiz" nichts Originelleres eingefallen ist, muss man annehmen, dass er ein phantasieloser, primitiver und arroganter Maler ist, der mit seinem "Kunstwerk" höchstens eine Lächerlichkeit gegenüber der Schweizer Armee zum Ausdruck bringt.
Irene Brühwiler, Andwil
Demütigend, dass Jeanmaire dank Ihnen auch noch vor 200 000 Abonnenten ihrer Zeitschrift die Hosen runterlassen musste. Und pietätlos.
A. Schneider, Horn
Das Titelbild überschreitet die Grenzen sittlicher Empfindung.
Margrith Etzensberger, Nussbaumen
Nun ist es genug. Wo bleibt die Menschenwürde, der Anstand und die Pietät?
Josef Brunner, Pratteln
Wenn ich könnte, würde ich Sie fristlos entlassen.
Werner Feltz-Mohler, Basel
Wenn ich der Sohn von Herrn Jeanmaire wäre, würde ich Ihnen den Marsch blasen (Gericht).
A. Ammann, Küsnacht
Ein Mann hat einmal geschrieben: "Wenn die Menschen ihr Schamgefühl aufgeben, werden sie zu Idioten."
G. Lehmann, Zürich
Gibt es keine guten Schweizer Künstler, die eine originellere Idee für das Plakat des Theaterstückes -Jeanmaire - ein Stück Schweiz- gehabt hätten?
Ludwig Hodel, Wädenswil
Lasst doch diesen Haudegen endlich ruhen, sonst wird er auf einmal doch noch ein Märtyrer.
Heinrich Enzmann, Schüpfheim
Es lebe die Kunst, aber nicht der nackte Jeanmaire.
Louis Sauter, Walenstadt
Die Affäre Jeanmaire ist sicher nicht vergessen, aber so über einen toten Menschen herzufallen ist schlicht und einfach pietätlos ersten Ranges, Sie würden viel lieber wieder Russi, Walliser, Zurbriggen auf der Titelseite bringen.
Rolf Bohren, Derendingen
Ihre berechnende Komplizenschaft mit dem Gedemütigten von 1976 ist potenzierte Geschmacklosigkeit, Menschenverachtung und dekadente Orientierungslosigkeit. Heuchlerische Wahrheitsliebe und schönfärberischer Protest für Freiheit und Kunst verraten die Feigheit, sich nicht von dekadenten Trends zu distanzieren.
Jutta Caseri, Zürich
Was zu befürchten war, hat sich nun bestätigt: Sohn Jean-Marc Jeanmaire hat Hand geboten zu diesem Skandal.
Frau E. Paoli, Riehen
Mit seinem Sohn gehe ich einig, wo waren die heute Entrüsteten zu Jeanmaires Lebzeiten? Was soll jetzt dieses Gezeter! Als ältere Frau kann ich nur den Kopf schütteln ob den vielen "Pfuis", die die Leserbriefe enthalten. Diese Leute haben nichts begriffen. Die Grenze des Anstandes haben Sie meines Erachtens nie übertreten. Wenn hie und da nicht alles à mon goût ist, so würde es mir nicht im Traum einfallen, Sie deswegen zu beschimpfen..
Gertrud Haury, Cademario
Sie müssen gar nicht den "Künstler" (mit Kunst hat das Ganze wohl kaum etwas zu tun) vorschieben. Sie schockieren die Leser.
F. Pulfer, Köniz
Glauben Sie, das sei der Geschmack Ihrer Leser? Gute Besserung!
Frau H. Weibel, Schüpfen
Mit einer einigermassen abgeklärten inneren Verfassung grenzt Ihr Titelbild an ein fragwürdiges Niveau! Da kann man unseren "Allmächtigen" im Himmel nur bitten: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Ursula Maissen, Bachenbülach
Ich frage mich, warum sich so viele Ihrer Leser über dieses Plakat aufregen? Es ist ja wahr, dass er nackt vor Uniformierten stehen musste. Sind wir wirklich so engstirnig und schauen von allem weg, was nicht angezogen ist? Ich möchte ja nicht wissen, wie viele von diesen, die ja so auf Ästhetik, Moral und Niveauhöhe schwören, nackte Männer und Frauen in irgendwelchen Zeitschriften oder Fernsehfilmen angeschaut haben.




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