June 1, 1992
SonntagsZeitung
Zürich
Brigitte Ulmer
"Ich male die Welt nur so, wie sie mir erscheint"
Gottfried Helnwein: Provozierende Bilder gegen die Verdrängung
Helnwein verdrängt nicht, sondern setzt sich mit dem Wahnsinn auseinander. Er engagiert sich für den Rüstungsabbau, für ökologisches Bewusstsein und betreibt Vergangenheitsbewältigung. Wie zum Beispiel mit der riesigen Installation vor dem Museum Ludwig in Köln (ab nächster Woche in Lausanne zu sehen), die er zum Gedenken an die Reichskristallnacht vor zwei Jahren anfertigte und selber finanzierte. Auf der vier Meter hohen und hundert Meter langen Bilderstrasse waren Kindergesichter wie zur (KZ-)Selektion aufgereiht. "Ich wollte vor Augen führen, wie menschenverachtend das ist." Seine Kunst als Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte, der Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben. Helnwein sieht darin eine wichtige Funktion des Künstlers, nimmt Goya zum Vergleich, der sich mit den Greueln des Krieges auseinandersetzte, Shakespeare, in dessen Dramen "ein einziges Schlachten und Baden im Blut" sei: "Das machte er nicht, weil er zynisch ist, im Gegenteil. Er war sensibler und weniger fähig, das zu verdrängen, war weniger resigniert." Gerade weil Helnwein nicht bereit ist zu verdrängen und offenlegt, was Viele nicht sehen wollen, entrüstet er das Bürgertum.
Der Besucher ist zwar auf einiges gefasst. Trotzdem schreckt er kurz zurück, als er vertieft in das rote, scheinbar monochrome Bild starrt: Barschel. Da kristallisieren sich plötzlich die Konturen von Uwe Barschel in der Badewanne heraus, jenes Pressefotos, mit dem sich der "Stern" selber in die Schlagzeilen brachte. Der gute Geschmack scheint nicht gerade Sache des Hausherrn zu sein.
Im grossen, zweiteiligen Atelierraum steht eine ganze Batterie von Giftfläschchen, antike immerhin, für chemische Wässerchen und Pulver, Malzubehör aus andern Tagen. In der Ecke aufgeschlitzte Körpermodelle von Menschen aus Kunststoff natürlich. Der Mensch im Längsschnitt als Anregung für den Künstler. An die Wand gelehnt das fast fertige Selbstporträt des Malers: der Mund zum markerschütternden Schrei aufgerissen, den man nicht einmal hören muss, damit einem das Blut in den Adern gefriert, der Kopf weiss einbandagiert, in die Augen Zangen eingehackt. Der Mann hat üble Phantasien.
Das dachten seine Kritiker auch. Als "Sadist", "Schocker aus Wien", "Maler von Alpträumen", der "Schabernack mit dem Grauen treibt", wurde er beschimpft. Was nicht erstaunt: Krieg, Tortur, Vergewaltigung, Faschismus, er lässt nichts aus. Seien Bildnisse von mißhandelten Kindern, malträtierten Gesichtern waren denn auch nicht jedermanns Sache. Aber Helnwein ist nie einer gewesen, den man einfach mochte. Seine Bilder stossen ab - oder faszinieren.
Hintergrund seiner Bilder sind nicht Alpträume, nicht Kriegserfahrung oder die schlechte Kindheit. "Die war einfach nur langweilig, todlangweilig", sagt er. Er ist kein Einsiedler, sondern lebt mit seiner Frau Renate und den gemeinsamen Kindern Mercedes (10), Ali (7) und Wolfgang (3) sowie zwei Pflegekindern aus Mexiko in einem ehemaligen Kloster in Burg Brohl bei Köln; Auch in der Arbeit ist er kein Eigenbrötler: Fünf Assistenten helfen ihm bei seiner Bilderproduktion. Und er ist, wie sich während des Gesprächs herausstellt, auch nicht verrückt. Hätte er nicht das schwarze Tuch um die Stirn gebunden, und trüge er nicht die violette Brille und die Cowboystiefel, er sähe fast ein bisschen bieder aus.
Woher also der Wahnsinn? Doch ein bisschen schlechte Kindheit? "Da war nix Besonderes", betont er nochmals in seinem Wienerisch, er sei nicht speziell geschlagen wurden. Vor 42 Jahren in ein kleinbürgerliches Milieu hineingeboren und aufgewachsen in der sowjetischen Besatzungszone in Wien, habe er aber "von Anfang an so ein Gefühl gehabt, dass da etwas nicht stimmt." Darüber aufgeklärt wurde der Sohn eines Postbeamten aber nicht, "die Leute waren gar nicht imstande oder willens zu artikulieren, was da los war." Zu den grössten Schocks in seiner Kindheit gehörten die Kriegsverbrecherprozesse, mitzukriegen, dass Menschen freigesprochen wurden, die Tausende und Zehntausende von Menschen umgebracht hatten.
Als streng katholisch erzogenes Kind war er zudem von den leidenden, verzückt blickenden und von Pfeilen durchbohrten Märtyrerfiguren in der Kirche fasziniert. "Man hat sich daran gewöhnt, aber eigentlich ist es doch absurd: eine Religion, in der ständig gefoltert wird und blutüberströmte und zerstückelte Leute herumhängen."
Schlüsselerlebnisse im Leben Gottfried Helnweins. Fortan waren Unterdrückung von Schwächeren und Intoleranz sein Thema. Mit seinen Bildern frönt er deshalb nicht dem sadistischem Voyeurismus, sondern der Aufdeckung von Verborgenem. "Ich male die Welt nur so, wie sie mir erscheint" sagt er, "mir fällt dieser Verfall immer mehr auf. Andere Leute haben Verdrängungsmechanismen." Und da fällt er in einen Redeschwall über die Furchtbarkeiten dieser Welt: "Schauen Sie, hier in der Eifel ist mehr Giftgas gelagert, chemische und bakteriologische Waffen, als irgendwo auf der Welt. Und ständig donnern amerikanische, englische, kanadische, französische, belgische Tiefflieger über unser Dach. Das ist doch alles ein Zeichen von absolutem Schwachsinn."
Warum aber die herzzerreißenden, geschlagenen, vernarbten und verängstigten Kindergesichter? Kinder sind sein Lieblingsthema, sie gehören seiner Ansicht nach vor allen andern zu den Unterdrückten unserer Gesellschaft. In seinen Bildern stehen sie auch als Symbol für den wehrlosen Menschen. "Kinder sind die am schlechtesten behandelte Menschengruppe. Kinder darf man schlagen, einsperren, sie können sich keinen Anwalt nehmen, keine Petition schreiben. Sie können goar nix." Für die Bilder stehen ihm heute seine Kinder Modell, seine Werke bekommen einen autobiografischen Zug.
Helnwein verdrängt nicht, sondern setzt sich mit dem Wahnsinn auseinander. Er engagiert sich für den Rüstungsabbau, für ökologisches Bewusstsein und betreibt Vergangenheitsbewältigung. Wie zum Beispiel mit der riesigen Installation vor dem Museum Ludwig in Köln (ab nächster Woche in Lausanne zu sehen), die er zum Gedenken an die Reichskristallnacht vor zwei Jahren anfertigte und selber finanzierte. Auf der vier Meter hohen und hundert Meter langen Bilderstrasse waren Kindergesichter wie zur (KZ-)Selektion aufgereiht. "Ich wollte vor Augen führen, wie menschenverachtend das ist."
Seine Kunst als Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte, der Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben. Helnwein sieht darin eine wichtige Funktion des Künstlers, nimmt Goya zum Vergleich, der sich mit den Greueln des Krieges auseinandersetzte, Shakespeare, in dessen Dramen "ein einziges Schlachten und Baden im Blut" sei: "Das machte er nicht, weil er zynisch ist, im Gegenteil. Er war sensibler und weniger fähig, das zu verdrängen, war weniger resigniert." Gerade weil Helnwein nicht bereit ist zu verdrängen und offenlegt, was Viele nicht sehen wollen, entrüstet er das Bürgertum.
Selbst mit seinen hyperrealistischen Porträts von Medienstars schockierte er das Publikum. irgendwie hatten die porentiefen Wiedergaben von Peter Alexander, Niki Lauda, Mick Jagger und Muhammed Ali etwas Widerliches. Der Kunstbetrieb tat Helnweins Eskapaden in die Welt des Trivialen und der Klischees sowieso als Entgleisung ab. Dabei war Helnwein schon immer Verfechter der Trivialkultur. "Ich halte den Walt-Disney-Zeichner für einen mindestens so wichtigen Künstler wie Leonardo da Vinci", sagt er bei jeder Gelegenheit.
Schon in den siebziger Jahren strebte er Publikumsnähe an statt exklusiver Galerienklausur und verbreitete seine Kunst mittels Titelbildern auflagenstarker Publikumsmedien. "Profil", "Time Magazine", "Rolling Stone", "Stern" und "Spiegel", "Art", "Espresso", sie alle bestellten einen Helnwein als Aushängeschild. Helnwein wurde zum begehrtesten Illustrator, seine Bilder gerieten zum auflagesteigernden Verlagsinstrument. Er wendet sich vehement gegen den herkömmlichen Kunstbetrieb, Kunstkritiker erachtet er als unnütz, den Kunstmarkt als *pending*




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