April 29, 1996
Berliner Zeitung
Kultur
Detlef Friedrich
Der-Schleim-und-die-Wuergerwelt
Der Schleim und die Würgerwelt
Der sanfte Kresnik: In Hamburg wurde das Stück "Pasolini" uraufgeführt
Die bunten Plakate des Malers und Bühnenbildners Gottfried Helnwein rings um das Theater und überall in Hamburgs Stadtteil Sankt Georg zeigen eine knallbunte Pieta. Ein zarter, freudig leidender Leichnam Christi verbirgt einen mächtigen Phallus aus Kunststoff keinesfalls unterm Schamtuch. Helnweins Bühnenbild: Ein vierstufiges rotes Podest, darauf ein goldener, hoher Altar, dahinter ein schwarzes Heiligenbild mit kopulierenden ragazzi di vita, Straßenjungs. Kirche der Abartigkeit wie des Schöpfertums. Gottfried Helnwein hat das Polizeifoto des 1975 auf der Straße grauenvoll getöteten Pasolini blutig auf den Vorhang gemalt. Davor sitzt ein korrekt in dunkles Tuch gekleideter Pasolini, der auf der Reiseschreibmaschine einen Brief an den Dichterfreund Alberto Moravia schreibt.
Weihrauch im protestantischen Hamburg.
Überall im Schauspielhaus riecht es nach Weihrauch. Als wären wir zur katholischen Prozession ins Rheinland gebeten.
Alles in Kresniks "Pasolini" am Freitag abend ist papistisch und pervers. Alle Kunst kommt noch immer aus der Kirche, und zum Weihrauch gesellt sich der Geruch der nackten Leiber.
Die bunten Plakate des Malers und Bühnenbildners Gottfried Helnwein rings um das Theater und überall in Hamburgs Stadtteil Sankt Georg zeigen eine knallbunte Pieta.
Ein zarter, freudig leidender Leichnam Christi verbirgt einen mächtigen Phallus aus Kunststoff keinesfalls unterm Schamtuch.
Helnweins Bühnenbild: Ein vierstufiges rotes Podest, darauf ein goldener, hoher Altar, dahinter ein schwarzes Heiligenbild mit kopulierenden ragazzi di vita, Straßenjungs. Kirche der Abartigkeit wie des Schöpfertums.
Provokation ist das nicht, sondern das Bekenntnis gefallener Engel.
Am Ende des zweistündigen, pausenlosen, frivolen und genitalischen Männertheaterabends werden wir sehr überrascht sein: Der in allen Journalen spätestens auf Artikelzeile zwei als Theaterwüterich oder Theaterberserker apostrophierte Kresnik, Johann, war heute der sanfte Heinrich. Der grüblerische Künstler.
Ein neuer Kresnik?
Da findet ein längst erfolgreicher, noch immer lebensbesoffener Künstler, "im betagten Alter von 55", wo auch die allerletzten Revolutionäre Revolution Revolution sein lassen, zu neuer Höhe, indem er plötzlich seine Empfindsamkeit zugibt, nein: sie ausstellt, wie vorher in vielen Stücken die Gewalt.
Nach den verräterischen, anpasserischen Täternaturen "Ernst Jünger" und "Gustaf Gründgens" hat Kresnik diesmal einen Bruder im Geiste entdeckt. Einen, der auch keine Ruhe gibt, obwohl er schon zwanzig Jahre erschlagen ist: Pasolini.
Johann Kresniks jüngstes choreographisches Theaterstück befaßt sich rein äußerlich mit dem Päderasten Pier Paolo Pasolini: einem sexuellen Exzentriker wie de Sade oder Genet.
Einem, der jeden Abend nach elf in Rom auf den Strich zog, "normale" Jungs bevorzugte, am liebsten in der Gruppe. Aber eben auch wahrer Katholik und wahrer Kommunist war, was bei Lichte besehen, und von Kresnik so gedeutet, dasselbe ist.
Kresnik bewundert Pasolinis Kraft des Außenseitertums, in der Sexualität wie in Kunst und Politik, und gerade das gibt seinem neuen choreographischen Theaterstück die Tiefe.
Wo Kresnik bewundert, da differenziert er. Kein Heiligenbild wird von Pasolini entworfen, sondern der Riß der Seele und die Schmählichkeit der Wahrheit präsentiert, aber dieser Riß ist der eines Heiligen. Zuweilen geht Kresniks Bewunderung so weit, daß er Arrangements aus Pasolinis letztem Film, "Salo oder die 120 Tage von Sodom", zitiert.
Gottfried Helnwein hat das Polizeifoto des 1975 auf der Straße grauenvoll getöteten Pasolini blutig auf den Vorhang gemalt. Davor sitzt ein korrekt in dunkles Tuch gekleideter Pasolini, der auf der Reiseschreibmaschine einen Brief an den Dichterfreund Alberto Moravia schreibt.
Ohrenbetäubender Schlagzeugwirbel. Es regnet tausend Manuskriptblätter.
Der Pasolini-Darsteller Matthias Fuchs, einer von drei Pasolini-Schauspielern, entkleidet sich oben auf dem Altar, um sich fotografieren zu lassen von einem jungen Kerl. Am Ende wird Pasolini auf diesem Altar verbrennen, dabei sein Gedicht rezitierend von Ali mit den blauen Augen, von der Hoffnung auf die Dritte Welt.
Die feine Gesellschaft spuckt ihre Verachtung in den Klingelbeutel, und Pasolini schmiert den Schleim zurück in die Bürgerfressen. Unter dem Altar liegt der Heilige Vater als Mumie, die aufersteht als Pasolinis feister, besitzergreifender Vater.
Und links die Madonna mit dem Kinde wird zu Pasolinis Mutter, die er inzestuös liebt. Alle Frauen sind schön und schlank, werden von Tänzerinnen verkörpert. Die Mutter von Susana Ibanez, die kämpfenden Engel in weißem Brautkleid und in schwarzer Domina-Montur von Kristina Keil und Andrea Hovenbitzer.
Die Männer werden von Schauspielern und Kleindarstellern gespielt, und als Ministranten sind sie nackt. Römische Jünglinge sind nicht darunter, Pasolini bevorzugte die "subproletarische" Gewalt. Und daran ist er auch gestorben.
Ein großer Abend bekannter Mythen:
Katholizismus, Kommunismus, Konsumismus, Kunst, Kresnik.
"Pasolini - Testament des Körpers" ist als Stück nach einer Folge von Fotografien benannt, die Pasolini wenige Tage vor seiner Ermordung einsam in seinem Turm in Chia zeigt.
Die Aufnahmen von Dino Pedriali sind im Rangfoyer des Hamburger Schauspielhauses zu sehen.
Auch sie sind ein Ereignis. +++




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