International Press
October 20, 2013
Oberösterreichische Nachrichten
Kultur
Hannah Winkelbauer
Verstümmelungen hinter der brüchigen Fassade
Zum 65. Geburtstag von Gottfried Helnwein widmet ihm die Albertina eine Retrospektive.
Wegschauen ist keine Option bei Gottfried Helnweins Bildern. So brutal die Motive auch sind, die 150 Werke in der neu eröffneten Retrospektive ziehen in ihren Bann. Bandagierte Körper, malträtierte Kinder, blutende Gesichter: Die Bilder starren den Betrachter rücksichtslos an. Das katholische Nachkriegsösterreich, in dem Misshandlungen hinter verschlossenen Türen passiert sind, hat Helnwein geprägt. Er ist laut eigener Aussage stets auf der Suche nach der „Wahrheit hinter der Fassade von Politik und Medien“
Über seine Entscheidung, nach Los Angeles zu ziehen, sagt Helnwein: „Ich brauche Amerika. Hier kann ich beobachten, wie die westliche Zivilisation sich selbst zerstört. Hier herrscht eine Kultur des Todes, es wird permanent Krieg geführt. In den USA zu leben, ist für mich sehr aufschlussreich. Was hier passiert, wird wenig später auch Europa erreichen.“

Überlebensgroße Brutalität

Die Darstellung von Grausamkeiten ist nichts Neues in der Kunstgeschichte. Christliche Malerei hat nie mit Brutalität gespart, und auch Goyas „Desastres de la guerra“ vom Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen Verstümmelungen und Folter. Helnweins Bilder sind heute so zeitgemäß wie es Goyas Radierungen zu ihrer Entstehungszeit waren. Damals prägte Kriegsgewalt das Leben der Menschen. Heute vergeht kein Tag, an dem die Medien nicht über häusliche Gewalt oder Terror berichten. Helnwein legt den Finger in die Wunde, er bläst Bilder, die im Fernsehen rasch wieder vom Bildschirm verschwinden, auf Überlebensgröße auf und macht sie unübersehbar. Seine „Desasters of War“ (2007) zeigen blutüberströmte Kinder und Figuren in Computerspielästhetik.

Eine weniger schockierende, aber ebenfalls wichtige Arbeit Helnweins ist die Serie „48 Portraits“ von berühmten Frauen. Die Bilder aus dem Jahr 1991 sind eine Replik auf die „48 Portraits“ von Gerhard Richter, der 1971 allerdings nur Männer porträtiert hatte. Diese Bilder beweisen, dass Helnweins Werk keinesfalls auf seine „Schockbilder“ reduziert werden sollte.
Von der Idee, eine Altersempfehlung für die Ausstellung anzugeben (Anm.: Im Lentos war 2006 der Ausstellungsbesuch ab 14 Jahren empfohlen), hält Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder nichts. Im Gegenteil: Er wünsche sich viele Schulklassen in der Ausstellung. Nur auf den ersten Blick kindgerecht sind die Comicfiguren in Helnweins Bildern. Selbst Einflüsse aus der Populärkultur wie Disney-Figuren nehmen in seinen Arbeiten bedrohliche Formen an. Die Begegnung mit Entenhausen sei für ihn in seiner Kindheit eine Offenbarung gewesen. Die neue bunte Welt bot so viele unbekannte Möglichkeiten. In jüngeren Arbeiten Helnweins kommen auch an japanische Manga-Comis angelehnte Figuren vor.

Der Kuratorin Elsy Lahner ist mit dieser Retrospektive ein beeindruckender Überblick über sämtliche Phasen von Helnweins Arbeit gelungen. Von frühen Fotografien über Aquarelle bis zu überlebensgroßen Malereien der vergangenen zwei Jahrzehnte ist alles vertreten.

 

Direktor Klaus Albrecht Schröder eröffnet die Helnwein Retrospektive in der Albertina
2013




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