International Press
July 15, 2017
Südwest Presse
Stuttgart
Lena Grundhuber
Gefuehlssache-Die-Sammlung-Klein-im-Kunstmuseum-Stuttgart
Gefühlssache: Die Sammlung Klein im Kunstmuseum Stuttgart
Gottfried Helnwein lässt zwielichtige Gestalten mit Donald Duck verhandeln
Dark Hour
mixed media (oil and acrylic on canvas), 2003, 96 x 152 cm / 37 x 59''

Ein Donald in zwielichtiger Gesellschaft: Gottfried Helnweins „Dark Hour“ (2003).

Sammlung Klein, Foto: Gottfried Helnwein/VG Bild-Kunst Bonn



Skizzen, Fotos, Rahmen, Notizen, eine wüste Ansammlung empfängt die Besucher im ersten Stock des Kunstmuseums Stuttgart. „Rhizomatisch“ nennt es der Kunstsprech, „Wurzelgeflecht“ sagt die wissenschaftliche Assistentin, „Ensemble mit Dekor (Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist) – Dekor mit Birken, Birnen und Rahmen“ hat Anna Oppermann ihr Werk betitelt. So wie der Titel ausufert, so hat sich diese Installation über Jahrzehnte zu einem unsortierbaren Haufen aus Erinnerungen, Verirrungen, Reflexionen ausgewachsen – wie eine Beziehung auch. Und mittendrin  liegt der Ausgangspunkt des Ganzen, ein Foto von Oppermanns Treffen mit ihrem ersten Sammlerpaar.

So erklärt sich, wieso die Ausstellung mit Oppermann beginnt, so erklärt sich auch der Name. „Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist“ heißt die Schau, die einem Sammlerpaar gewidmet ist. Auf drei Stockwerken zeigen Alison und Peter W. Klein rund 90 Arbeiten von 29 zeitgenössischen Künstlern. Das ist nur ein Bruchteil der 900 Positionen, die die Kleins seit zehn Jahren auch in ihrem Museum „Kunstwerk“ im Heimatort Nussdorf ausstellen.

Sympathie scheint überhaupt leitend für die Zwei zu sein: „Unser Umgang mit Kunst ist ein sehr emotionaler und persönlicher“, sagt Peter W. Klein im Interview zum Katalog. Sein Treffen mit der Kunst vor 30 Jahren beschreibt der Mann, der erfolgreich ein Unternehmen für Schnellverschlusskupplungen führte, voller Emphase: „Erst durch die Kunst bin ich wieder Mensch geworden, und durch die Anthroposophie.“

Also zur Sache, beziehungsweise in den Oberlichtraum, der dem Künstler und Freund Sean Scully, ja, fast geweiht ist. Hier lässt sich die Entwicklung des irischen Malers von exakten Gitterstrukturen weg verfolgen, seine Streifen ergeben im Bild von 2014 eine blau-grüne Landschaft. Das Thema Zeichnung wiederum entfaltet sich von den Geweben eines Thomas Müller über Katharina Hinsbergs ausgeschnittene Papierlinien bis zur Skulptur: Chiharu Shiota hat ein abgelegtes weißes Kleid in eine Stahlkonstruktion gehängt und mit schwarzen Fäden eingesponnen.

Die Faszination für Geheimnis und Rätsel läuft auch in der Abteilung Fotografie wieder mit, wo Gregory Crewdson das Unheimliche in der amerikanischen Kleinstadt-Idylle aufspürt und Kohei Yoshiyuki mit Infrarotkamera Paare voyeuristisch beim Sex in Tokioer Parks ablichtet. Daneben gibt es aber immer auch starke gesellschaftskritische Positionen – mit der Iranerin Shirin Neshat oder der australischen Fotografin Tracey Moffatt – und auch ganz junge Kunst: Ann-Kathrin Müller (Jahrgang 1988) hat für ihre eleganten Schwarz-Weiß-Bilder einen prominenten Platz bekommen.

Der letzte Stock ist der Malerei vorbehalten. Markus Oehlen können wir von seinen Tagen mit der Punk-Band Mittagspause bis in die 2000er begleiten, wo er mit Hilfe des Computers vibrierende Bilder schafft, Gottfried Helnwein lässt zwielichtige Gestalten mit Donald Duck verhandeln. Jeweils unterschiedlich verfahren  Corinne Wasmuht und Franziska Holstein mit dem Bildmaterial ihrer Erinnerungen. Wem es nicht aufgefallen ist: Endlich einmal entspricht das Verhältnis von weiblichen und männlichen Künstlern den Verhältnissen in der Rest-Menschheit. Lassen wir uns also von Karin Kneffels großem Grinsen über der Velázquez-Szene hinausgeleiten. So sieht der Umgang mit Bildern aus, wenn Zuneigung im Spiel ist.

Die Schau „Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist. Sammlung Klein“, bis 5. November im Kunstmuseum Stuttgart. Di-So 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr. Dazu finden Künstlergespräche statt: Am Mittwoch, 19. Juli, 19 Uhr, mit Sean Scully. Fr ab 18 Uhr, Sa und So: Gratis-Eintritt dank des Sammlerpaars.




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