International Press
January 7, 2018
Ostsee-Zeitung
Interview
Stefanie Büssing
Max-Raabe-Ich-war-noch-nie-cool
Max Raabe: „Ich war noch nie cool!“
Der Sänger spricht über seine Jugend, die Musik der 20er Jahre und seinen Auftritt bei Schockrocker Marilyn Manson
Zuerst dachte ich, was haben die vor? Wollen sie uns als rituelles Opfer über die Burgzinnen werfen? Aber er war unglaublich höflich, zurückhaltend und nett. Wir waren im Schloss vom Maler Gottfried Helnwein, überall brannten Kaminfeuer. Es war wie Halloween für Erwachsene. Wir haben unser Programm gespielt und später hat das Orchester noch mal Stimmung gemacht und alle tanzten. Das war sehr entspannt und lustig.
Max Raabe at the Manson-Von Teese wedding at Helnwein's irish Castle
2005
Rostock. OZ: Die meisten Jungs spielen in ihrer Jugend Gitarre. Was bewegt einen Jugendlichen dazu, staatlich geprüfter Opernsänger zu werden?

Max Raabe: Das kommt erst spät. Die Männerstimmen entwickeln sich ja erst mit dem 19. oder 20. Lebensjahr, so dass man erkennen kann, ob Potenzial vorhanden ist. Ich habe immer Musik gemacht und gesungen, aber nicht daran gedacht, es beruflich zu machen.

Sie haben schon als Kind im Kirchenchor gesungen.

Ja, ich war Messdiener und einmal im Jahr gab es bunte Abende, an denen Sketche aufgeführt wurden. Dann habe ich den Hochzeitszylinder meines Vaters aufgesetzt und „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ gesungen. Ich hatte immer schon ein Faible für das Repertoire der 20er Jahre.

Wie kommt man als Junge darauf, sich mit derartiger Musik zu beschäftigen?

Im Plattenschrank meiner Eltern gab es eine Schellackplatte mit einer Instrumentalnummer, die eigentlich sehr fröhlich war. Trotzdem hat mich die Art und Weise, wie da gespielt wurde, berührt. Es war, als ob man durch ein Rohr in die Vergangenheit hören kann. Auf dem Flohmarkt in Münster habe ich dann nach und nach Schellackplatten gekauft und mich in das Repertoire eingefuchst.

Mit Anfang 20 sind Sie nach Berlin gezogen.

Ja. Zum Entsetzen meiner Eltern wusste ich am Anfang gar nicht, was ich dort will. Eine Überlegung war, in den klassischen Bereich zu gehen. Ich habe bei einem Sänger vorgesungen, um meine Stimme beurteilen zu lassen, und er hat gesagt, er wolle mich unterrichten und könne mir eine Laufbahn als Sänger garantieren. Was natürlich eine Frechheit ist. Das kann niemand garantieren. Ich habe bei ihm Unterricht genommen und mit Anfang 20 die Aufnahmeprüfung an der Universität der Künste fürs Opernfach geschafft.

Kann man damit bei Mädels punkten?

Na ja, das war ja ein Zirkel von Gleichgesinnten, die lassen sich nicht davon beeindrucken, dass man auch Musik studiert. Eindruck bei Mädels zu machen, war nie die Motivation. Was das angeht, bin ich sowieso ein Spätzünder.

1986 haben Sie mit Kommilitonen das Palast Orchester gegründet und Alben mit Liedern der 20er Jahre, aber auch selbst geschriebenen Liedern herausgebracht. Dass Texte, Arrangements und Vortragsweise an die Comedian Harmonists erinnern, ist gewollt oder?

Ja! Anfangs habe ich versucht, den Klang der alten Grammophonaufnahmen nachzumachen, die Stimme etwas gefärbt und das so knödelig vorgetragen. Das würde ich nicht mehr machen. Der Gesang ist zurückhaltender und leichter geworden, nicht so forciert.
 
Sie haben auch schon moderne Musik gecovert.

Ja, 2001 haben wir die Top Ten des Jahres genommen und auf unsere Weise eingespielt. Das war ein Witz, den wir ausprobieren wollten, haben das aber danach nie wieder gemacht.

Ihr aktuelles Album ist das dritte, das in Zusammenarbeit mit Annette Humpe entstanden ist. Diesmal haben auch Rosenstolz-Kollegen Peter Plate & Ulf Leo Sommer und Komponist Achim Hagemann mitgearbeitet. Wie kam es dazu?

Wenn ich neue Stücke schreibe, versuche ich, die Haltung der 20er Jahre – die Art, zu reimen oder ironisch hinter die Dinge zu blicken – in die Gegenwart zu transportieren. Trotzdem soll die Musik aktuell klingen. Deswegen arbeite ich mit Leuten wie Annette Humpe zusammen. Sie schlug vor, die Jungs von Rosenstolz zu fragen. Die fanden die Idee gut und dann haben wir angefangen zu schreiben.

Der Titel „Der perfekte Moment ... wird heut verpennt“ impliziert eine ungeheure Gelassenheit. Ist das auch die Aussage der Platte?

Es gab keinen intellektuellen Überbau oder ein Konzept, nach dem wir die Stücke eingefügt haben. Ich habe angefangen, mit Annette und den Jungs Texte zu schreiben. Irgendwann haben wir uns zusammengesetzt und uns alle Stücke vorgespielt. Dabei haben wir festgestellt, dass alles zueinanderpasst und wir musikalisch und inhaltlich einen Bogen geschlagen haben, obwohl das gar nicht geplant war.

Und inhaltlich?

Das Album ist nicht autobiografisch, aber es deckt alles ab, was einen bewegt. Man lernt einen Menschen kennen, plant einen gemeinsamen Weg, denkt vielleicht mal ans Fremdgehen und am Ende stellt man fest, dass es ohne den anderen alles doch keinen Spaß macht.

Würden Sie den Stil als Pop bezeichnen oder lässt sich das nicht in eine Schublade einordnen?

Schublade ist in diesem Fall völlig passend. Natürlich ist es Pop, aber nicht so, dass die Tür aus den Angeln fällt, wenn man aufdreht.

Könnte das nächste Album auch mal ein härteres werden, oder ist das jetzt das Maximum?

Nein, das wäre jetzt die Chance gewesen. Als wir anfingen, hatten die Jungs einige Beats im Angebot, da ist mir der Kitt aus der Brille gefallen. Als sie gesagt haben, das passt gar nicht zu dir, war ich froh. Damit einher ging die Erkenntnis, dass ich kein Popkünstler werden möchte. Wenn ich Popmusik mache, darf ich mich nicht dafür verbiegen, sondern muss die Popmusik so biegen, dass sie zu mir passt. Ich war noch nie cool und habe auch nicht vor, cool zu werden.

Ihr Markenzeichen sind Frack und Fliege. Sind Sie auch privat ein Kavalier der alten Schule?

Da müsste man Leute fragen, die täglich mit mir zu tun haben, ob noch was übrig bleibt von meiner noblen Art. Aber ein umsichtiger Umgang ist eine Frage der Haltung, nicht der äußerlichen Staffage.

Legen Sie trotzdem Wert auf Stil?

Ich laufe nicht mit Krawatte rum. Seit ich 17 bin, habe ich ausgebeulte Kordhosen. Das lag aber auch an meinem Freundeskreis. Die haben alle Jazz gehört und sich existenzialistisch gekleidet.

Sie haben die Hochzeit von Marilyn Manson und Dita von Teese musikalisch untermalt. Was dachten Sie, als die Anfrage kam?

Zuerst dachte ich, was ist denn das für eine merkwürdige Idee? Was haben die vor? Wollen sie uns als rituelles Opfer über die Burgzinnen werfen? Aber er war unglaublich höflich, zurückhaltend und nett.

Und das Ambiente?

Wir waren im Schloss vom Maler Gottfried Helnwein, überall brannten Kaminfeuer. Es war wie Halloween für Erwachsene. Wir haben unser Programm gespielt und später hat das Orchester noch mal Stimmung gemacht und alle tanzten. Das war sehr entspannt und lustig.



Am 21. Januar tritt der Sänger mit dem Palast Orchester in der Rostocker Stadthalle auf.
2005
Max Raabe and Dita Von Teese
2005




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