International Press
February 5, 2018
Hamburger Morgenpost
Till Stoppenhagen
Diese Bilder gehen an die Schmerzgrenze
Helnwein Ausstellung im Ernst-Barlach-Museum
Ein bandagiertes Mädchen in Uniform mit Maschinenpistole, blutverschmierte Kinder, Manga-Figuren an Kriegsschauplätzen – alles so detailliert und realistisch wie ein Foto: Was der österreichische Maler Gottfried Helnwein (69) den Besuchern des Barlach-Museums in Wedel derzeit zumutet, geht an die Schmerzgrenze.
Um billige Schockeffekte geht es ihm aber nicht. 


Sein Interesse an Gewalt hat andere Gründe: „Meine Jugend war geprägt von starkem Widerstand gegen die Elterngeneration, die für den Holocaust verantwortlich war“, sagt Helnwein der MOPO bei einer Pressebesichtigung seiner Ausstellung „Das Kind“. „Ich hatte immer das Gefühl, angelogen zu werden, und wollte wissen, was wirklich los war: Warum tut ein Mensch so etwas?“
Er begann in den 70ern nach den Ursachen von Gewalt zu forschen. Er las Presseberichte über Gräueltaten im Vietnamkrieg, studierte Polizeiakten und gerichtsmedizinische Fotos von Missbrauchs- oder Mordfällen: „Die einzige Möglichkeit für mich, das zu verarbeiten, war die Kunst.“ Die Reaktionen reichten von Empörung bis zu tiefer Rührung – nicht selten sah Helnwein einen Betrachter in Tränen ausbrechen, vor allem bei seinen zahlreichen Darstellungen von Kindern.


„Ein Kind ist ein Mensch in seiner absoluten Wehrlosigkeit und Verletzlichkeit, aber auch in all seinem Potenzial“, erklärt der vierfache Vater und vierfache Großvater. „Ein Erwachsener kann auch ausgeliefert sein, aber bei einem Kind ist es offensichtlicher. Niemand, der nicht komplett geisteskrank ist, kann Gewalt rechtfertigen, wenn sie sich gegen Kinder richtet.“


Ein häufiges Motiv der Ausstellung: Kinder in Uniform, die denen der NS-Zeit nachgebildet sind. „Eine Uniform bedeutet immer einen Verlust der Identität“, sagt Helnwein. „Man wird zum Befehlsempfänger. Aber die ultimative Vergewaltigung einer Person ist es, wenn man ein Kind, bevor es das Leben entdecken und eine eigene Identität entwickeln kann, in eine Uniform steckt und in einen Krieg schickt.“


Seine medienkritischen Arbeiten verbinden Cartoon-Motive mit realen Fotomotiven. Mal sieht man Manga-Heldinnen in nachgemalten Kriegsbildern. Mal schäkert Hitler mit Minnie Maus. „Ich will zeigen, wie sehr Gewalt und Grausamkeit in den Medien zum Entertainment verniedlicht werden“, erklärt Helnwein. „Dabei vermischen sich für den Betrachter oft Realität und Fiktion.“


Ernst-Barlach-Museum: bis 8.4., Di bis So 11 bis 18 Uhr, Mühlenstraße 1 (Wedel), 5 Euro




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