September 7, 1992
Der Spiegel
Kultur
Scheue Skepsis
Vera Isler: "Rollenwechsel - Fotografen vor der Kamera"
Zufällig, spielerisch machte Isler 1987 auf den Dächern von New York Porträts der Modefotografin Isabel Snyder, welche die Künstlerin beim Blick in eine Spiegelscherbe zeigen. Dies gab den Anstoss zu einer Serie von 79 ähnlichen Arbeiten, unter anderem mit Grenzgängern wie dem Maler Gottfried Helnwein und dem Regisseur und Schauspieler Dennis Hopper, die selbst eher sporadisch hinter der Kamera stehen.
Scheue Skepsis und Versteckspiel, Distanz und etwas Eitelkeit - als die Basler Fotografin Vera Isler, 61, vor fünf Jahren begann, Berufskollegen zu porträtieren, machte sie eine unerwartete Erfahrung: "Gerade Profis fällt es schwer, unbefangen vor der Kamera zu stehen."
Zufällig, spielerisch machte Isler 1987 auf den Dächern von New York Porträts der Modefotografin Isabel Snyder, welche die Künstlerin beim Blick in eine Spiegelscherbe zeigen. Dies gab den Anstoß zu einer Serie von 79 ähnlichen Arbeiten, unter anderen mit Grenzgängern wie dem Maler Gottfried Helnwein und dem Regisseur und Schauspieler Dennis Hopper, die selbst eher sporadisch hinter der Kamera stehen.
Locker waren nur die Amerikanerinnen: Annie Leibovitz etwa, durch ihre Arbeiten für die US-Popzeitschrift "Rolling Stone" längst selbst berühmt, stand ohne Zaudern Modell. Die Schweizerin hatte den Star der Branche in einem Hinterhof in München erkannt, angehalten ("Ich brauche dich") und zur Mitarbeit überredet.
"Ich bewunderte Veras Direktheit", sagte Leibovitz später. Viele Kollegen dachten indes wie der Münchner Stefan Moses: "Fotografieren ist schwer, fotografiert werden noch schwerer."
"Rollenwechsel" hat Isler ihr Projekt genannt, das nun als Buch vorgestellt wird. Ausschließlich die Porträts weiblicher Fotografen sind vom 10. September bis 3. Oktober im Kölner Historischen Archiv zu sehen. 32 weitere Künstler-Konterfeis von Vera Isler präsentiert diese Woche eine Ausstellung in der Kunsthalle Wien (bis 12. September).
Isler ist jüdischer Abstammung und wurde als Tochter eines Polen und einer Ungarin in Berlin geboren. 20 Jahre lang hatte sie als Objektkünstlerin gearbeitet, bevor sie mit 50, zur Fotografie wechselte. Das Debüt der Autodidaktin war eine Reportage über die "Gay-Parade" in San Francisco; bald spezialisierte sie sich auf Porträts.
"Kommunikationsfähigkeit" hält sie für eine wesentliche Voraussetzung ihres Berufes; Eigenbrötler hätten "höchstens in der Architektur-Fotografie eine Chance". Die erste von ihr porträtierte Kollegin war 1986 die Tschechin Lucia Moholy-Nagy, 92, für den Bildband "Schaut uns an. Porträts von Menschen über Achtzig."
Eine der eindrucksvollsten "Rollenwechsel"-Studien gelang ihr mit Nomi Baumgartl, einer süddeutschen Fotografin, die durch ein Buch über den Maler Horst Janssen auf sich aufmerksam machte. Das späte Winterlicht war diffus, trotzdem gingen Isler und Baumgartl in einen verschneiten Park.
Der sichere Instinkt für die passende Inszenierung einer Person, der gute Fotografen auszeichnet, leitet Isler zu einem Winkel, in dem steinerne Grabkreuze mit kahlen Baumstämmen ein melancholisches Ensemble bildeten: "Dort hatte ich das Gefühl, hier bin ich mit ihr richtig."




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