October 10, 1992
Kronenzeitung,Wien
Marco Schenz
Der unsichtbare Engel
Drei Menschen, die mit dem Phantom Dietrich sprachen. Mit einem österreichischen Paar verband die Dietrich eine ganz besondere Freundschaft - mit dem in Deutschland lebenden Wiener Maler Gottfried Helnwein und dessen Ehefrau Renate.
Für viele wär´s ein Traum gewesen, nur einmal ihre Stimme zu hören. Sie hätten wer weiss was, drun gegeben. Pop-Superstar Dqavid Bowie unterschrieb sogar einen Filmvertrag ("Den ich sonst niemals unterschrieben hätte"), um "Marlene Dietrich zu begegnen und mit ihr sprechen zu können". Eine vergebliche Hoffnung, denn für ihren Auftritt in "Gigolo" hatte sich die Frau, die zum grössten Film-Mythos unseres Jahrhunderts schon zu Lebzeiten aufstieg, ausbedungen, nur in Soloszenen zu drehen.
Das war ihr letzter öffentlicher Auftritt vor nahezu zwei Jahrzehnten. Seither waren die Vorhänge in ihrem Dreizimmerappartement in der Pariser Avenue Montaigne 12 zumeist vorgezogen, und die grosse Schauspielerin ("Zeugin der Anklage", "Der blaue Engel", Shanghai Express" etc.) gab mit der selbstgewählten Isolation der Legendenbildung immer neue Nahrung.
Nur ihre Tochter und ihre Haushälterin Mrs. Davis durften sie sehen. So blieb die Dietrich bis zu ihrem Tod ohne einen einzigen öffentlichen Auftritt allgegenwärtig. Aber nahe standen ihr einige Menschen mit denen sie regelmässig telefonierte.
Meisterregisseur Billy Wilder der eine, der mir vom kuriosesten Anruf der Dietrich erzählte: "Eines Tages rief sie an und fragte mich, was ich mit dem vielen Geld machen wollte, das ich aus dem Verkauf meiner Bildersammlung erzielt hätte."
Und der Münchner Komponist Max Colpet ("Sag' mir wo die Blumen sind") erzählte von einem Geburtstagsständchen am Telefon: "Nach dem Lied hat sie mir ein Goethe-Gedicht vorgetragen."
Mit einem österreichischen Paar verband die Dietrich eine ganz besondere Freundschaft: mit dem in Deutschland lebenden Wiener Maler Gottfried Helnwein und seiner Ehefrau Renate. "Zuletzt", erzählte mir Helnwein, als ich ihn am Donnerstag in seinem Atelier erreichte, "haben wir mit ihr vor etwa zehn Tagen telefoniert. Ich habe ihr von meinem Plakat erzählt, das ich für Peter Zadeks Inszenierung vom "Blauen Engel" mache.
Sie war wie immer sehr hell, ein bisschen schrullig, hatte nur - das war auffällig - mit dem Sprechen Schwierigkeiten. So als hätte sie einen kleinen Schlaganfall erlitten." Die Freundschaft ( Helnwein: "Wir haben sie nie zu Gesicht bekommen, mussten bei Besuchen vom Nebenzimmer aus mit ihr reden") war mitte der achziger Jahre entstanden.
Damals hatte die Dietrich ein Helnwein - Portrait von sich entdeckt und spontan angerufen: "Das beste Bild das von mir je gemacht wurde". In den Jahren danach stand sie mit den Helnweins in ständigem Kontakt, signierte Lithos und überliess ihm einen Teil ihrer Filmgarderobe.
Höhepunkt der gemeinsamen Arbeit war das letzte öffentliche Dokument, das von ihr existiert: In Helnweins Berlin - Buch schrieb sie 1989 "Some Facts about Myself". Wie er die Dietrich sah?
"Seltsam unberechenbar, niemals angepasst, - eine Ausnahme als Individuum."
1989




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