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June 14, 2003
Offenbach-post
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Holger Strehl
Wiedergeburt der Groteske in Dresden
Marilyn Manson und seine Welt
Stark beeinflusst und inspiriert wird Manson bei seiner derzeitigen Arbeit von Österreichs Ausnahmekünstler Gottfried Helnwein, der auch bei der Bühnenshow einen kleinen Beitrag zu der visuellen Umsetzung beisteuerte.

Die laute, klassische Musik verstummte und der Vorhang fiel, viel zu spät, aber er fiel und setzte ein Ambiente frei, dass eigentlich nur noch in Deutschland richtig provozieren kann. Eine simulierte meterhohe graue Steinmauer erschien, geschmückt mit großen, herunterhängenden, roten Bannern, die mit „MM“-Runen verziert waren. Davor, auf zwei hohen Podesten, zwei in dunkle Mäntel uniformierte Männer, die sich in monotonen Bewegungen ihren Trommeln widmeten. Anschließend betrat er die Bühne, der verehrte, gehuldigte, verhasste, gefürchtete Provokateur Marilyn Manson. Kaltes Licht bahnte sich durch den Bühnennebel, „This Is The New Shit“ erklang und Manson rockte, wie die 12.000 angereisten Jünger es erwarteten.
Dresden war der Ort, den der Meister des Schocks auserwählte, um sich seinen deutschen Anhängern zu zeigen. Das einzige Hallenkonzert Deutschlands der aktuellen Show „The Grotesque Bourlesque“ fand in der historischen Stadt am Elbufer statt. Dort predigte Manson das, was ihn bewegt und berührt. Er fluchte gegen die von ihm verhasste Gleichgültigkeit und die Scheinheiligkeit, rief auf gegen diese seelenlosen Menschen, der „mObscene“, wie er sie singend betitelt. Dazu tanzten auf den Podesten mittlerweile zwei nett anzuschauende Frauen in Uniformen, aus denen sie wohl herausgewachsen zu sein schienen, da sie tiefe Einblicke ermöglichten.
Der krasse Gegensatz in seiner Kunst ist perfekt inszeniert. Zwischen Marilyn Monroe und Charles Manson, zwischen Tauben und Falken, zwischen gut und böse, schön und hässlich – nichts ist einseitig. Das war die Attitüde und sie kam an.
Bei „Tourniquet“ mussten die ergebenen Besucher der Messehalle noch höher zu ihrem Idol aufschauen, da es Mr. Manson vorzog, in zwei Meter langem Rock auf der Bühne zu erscheinen, der die Stelzen verdeckte, die ihn riesig erscheinen ließen. Das Gliedmaßen-Spiel wurde bei „Dope Show“ passend fortgesetzt. Mit stark verlängerten Armen verkündete er mit einer unumstößlichen Selbstverständlichkeit, dass wir alle den gleichen Lügen unterliegen.
Stark beeinflusst und inspiriert wird Manson bei seiner derzeitigen Arbeit von Österreichs Ausnahmekünstler Gottfried Helnwein, der auch bei der Bühnenshow einen kleinen Beitrag zu der visuellen Umsetzung beisteuerte. Manson genoss es förmlich, sich auf seiner Bühne auszuleben und fern von Zwang und Zensur seine Kunst darbieten zu können. In seiner Heimat USA wird seine Art der freien Meinungsäußerung und der Versuch, die Menschen zur Eigenverantwortung zu ermutigen, oftmals missverstanden. Dieses Bild ist nur teils durch den oscarprämierten Dokumentarfilm „Bowling For Columbine“ revidiert worden.
Der Vorhang fiel zu spät, deshalb wurde auf die kurze Zäsur vor den Zugaben verzichtet, so dass die „neue, goldene Groteske“ in darstellerischer Form weitergehen konnte. Marilyn Manson erschien nach kurzer Dunkelheitsphase auf einer überdimensionalen weißen Kanzel, die ebenfalls mit „MM“-Runen versehen war. Gekleidet in einen weißen Marineanzug und mit Mickey-Maus-Ohren auf dem Haupt, erklärte er feierlich, dass er kein Sklave sei. Niemand sollte seiner Auffassung Sklave sein und jeder sich gegen Lügen und Unterdrückung auflehnen. Damit kündigte er die Hymne „Fight Song“ an, die mit lauten „Fight, Fight, Fight“-Sprechchören der 12.000 Anhänger gefordert wurde. Manson, der sich nach eigener Aussage in Europa verstandener fühlt als in den USA, drehte anschließend erst richtig auf und servierte das brillante Eurythmics-Cover „Sweet Dreams“ und sein Meisterwerk „Beautiful People“ als krönenden Abschluss.
„The Grotesque Bourlesque“ bot aber mehr als bloße Verkündungen, die Show schien einem skurrilen Zeit-Zirkus zu gleichen. Die ernüchternde Wahrheit neben der Lust und den Lastern, die Freude neben dem Leid und dazu eine unbändige Gewalt an gleichgesinnter Energie, die in der Luft lag. Marilyn neben Manson, die Betrachtung eines einzelnen neben der Wahrnehmung vieler. Allerdings kurz und knapp gehalten, mit nicht ganz befriedigenden 80 Minuten Darbietungszeit, mussten die erschöpften Fans den Support-Bands „Terminal Choice“, „Sulpher“, „Hocico“ und „Disturbed“ danken, die den ganzen Abend in ein großes Gesamt-Happening verzauberten und Dresden einen großen Abend boten.
Der große Schock blieb aus, aber dies war auch nicht mehr der gewünschte Effekt, wie Manson oftmals in Interviews betonte. Gesagt, was er denkt, habe er schon. Gezeigt, wie weit er gehen kann, ebenfalls. Das hat er nicht mehr nötig. Marilyn Manson, der bereits vor der Jahrtausendwende verkündete, „Rock Is Dead“, definiert sich selbst. Selbstreflexion, Fortführung seines Weges und der Ausdruck seiner Wahrnehmung stehen nun im Mittelpunkt seines künstlerischen Anspruchs. Das Konzert dokumentierte eindrucksvoll die Weiterentwicklung der Band und die Erweiterung ihrer Ausdrucksweise Musik, Lyrik und Vision.
Holger Strehl




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