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August 28, 2004
Die Welt
Kultur
Michael Pilz
Nackte-Platte
Nackte Platte
Ab nächsten Montag werden erstmals neue CD-Alben verbilligt aber ohne Cover verkauft
Cover waren und sind mehr als lustige Verpackung. Sie sind Kunst. Die Pop-Art Peter Blakes für "Sgt. Pepper" von den Beatles. Andy Warhols schlüpfrige Banane (Velvet Underground) oder der einladende Jeansstall (Rolling Stones). Cal Schenkel illustrierte (Zappa), Robert Crumb schraffierte (Joplin), Gottfried Helnwein schockte (Rammstein), Malcolm McLaren dilettierte (Sex Pistols).
An dieser Stelle stehen heute leider 100 Zeilen kulturkonservatives Gejammer. Denn ab Montag werden zwar CD-Neuheiten wieder für zehn Euro angeboten, also für den Plattenpreis von 1980. Allerdings klemmt die CD dann nackt in ihrer Plastikhülle, und das Cover fehlt. Es ist ein Test von Bertelsmann. Beliebte Musiker wie Wolfgang Petry, 2raumwohnung oder Usher werden ihre Werke in den Ausstattungen Basic, Standard sowie Premium in den Handel schicken. Premium heißt: Es liegen Textheft, DVD und Internetpasswörter bei für 17 Euro. Bertelsmann erwartet aber, dass die Käufer nach den coverlosen Billigplatten gieren. Das soll die bedauernswerte Branche aus der Krise führen. Weil den Schwarzbrennern am Cover offenkundig wenig liege, werden sie die Läden stürmen, glaubt die Firma.

Es erschüttert Plattenkäufer immer wieder, wie begrenzt das Wissen über sie und ihre Liebe zur Musik bei Plattenfirmen bleibt. Der Popindustrielle Dieter Gorny sagt sogar: "Der Tonträger ist gleichgültig, nur die Musik ist wichtig." Wenn aber das Plattencover, der gemalte Sound, verschwindet (und die Platte demnächst folgt), ist die Musik bedeutungslos.
Man muss nicht in den besseren Tagen, als Erwachsene noch Schlager oder Klassik hörten, die Musik im heißen Herzen und die Cover in der feuchten Hand getragen haben, um diesen Verlust zu ahnen. Cover waren und sind mehr als lustige Verpackung. Sie sind Kunst. Die Pop-Art Peter Blakes für "Sgt. Pepper" von den Beatles. Andy Warhols schlüpfrige Banane (Velvet Underground) oder der einladende Jeansstall (Rolling Stones). Cal Schenkel illustrierte (Zappa), Robert Crumb schraffierte (Joplin), Gottfried Helnwein schockte (Rammstein), Malcolm McLaren dilettierte (Sex Pistols). Aus dem begabten Hüllenmaler Raymond Pettibone (Ramones) wurde ein Galeristengünstling. Wie in jeder Kunst durchmaßen Cover die Extreme zwischen Schwarzem (Jay-Z und Metallica) und Weißen Album (wieder Beatles).
Selbst als die CD als Sündenfall des Popgeschäfts den Markt eroberte und Platten schlagartig verteuerte, wurden schon Nachrufe aufs Cover abgefasst. Die Kunst war zwar geschrumpft, und manche Lieblingsplatte ist von heute 40-Jährigen nur mit der Lupe zu entziffern. Aber die CD weckte auch künstlerischen Ehrgeiz. Es gab Holzklötze und Edelstahlgehäuse oder himmelblaue Kunstfellsäckchen (Ärzte).
Gern erklärt die Plattenindustrie, es handle sich bei der CD um ein Kulturgut wie das Buch. Man will die Mehrwertsteuer senken. Ohne Cover aber ist eine CD eher wenig wert. Aus diesem Grund verzichten die CD-Piraten keineswegs so leichtherzig aufs Cover wie die Bertelsmänner denken. Plattenhändler klagen über epidemischen CD-Einlagen-Schwund, und ohne die Musikkopierer wären Copy-Shop-Betreiber heute einsam oder pleite.
Nun die gute Nachricht: Nichts verschwindet ganz und gar, das ist ein Grundgesetz im Pop. Wo Cover überflüssig werden, ringen sie an anderer Stelle wieder auffälliger um Ästhetik.
2003




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