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April 1, 2004
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Karlheinz Ulmer
Begegnung mit Gottfried Helnwein
Mehr über die Menschen, deren Werk mein Leben verändert hat.
Es gibt wohl kaum einen Österreicher, der Gottfried Helnwein nicht kennt.
Ich bin seinen Bildern erst Ende der 80er Jahren begegnet. Auf die Bilder von Helnwein stiess ich erstmals in der Stadtbibliothek.
Ich erinnere mich noch heute an die unmittelbare und tiefgreifende Wirkung seiner Bilder auf mich. Noch nie zuvor hatte ich erlebt, dass ein einfaches Bild so viele Emotionen auslösen kann. Es war wie Magie, wie Zauberei. Damals habe ich es nicht verstanden, konnte nicht denken, sondern nur gebannt schauen, unbeweglich wie das Kaninchen vor der Schlange.. Wie kommt diese Wirkung zustande? Was passiert hier nur? Wie macht er das?
Die unglaubliche Schärfe und Klarheit, mir der einem Gottfried Helnwein das geschundene Empfinden, das vergewaltigte Kind vor Augen hält, hat mich lange irritiert.
Helnwein ist es gelungen, in einer Welt des Schweigens das Bild als Waffe zu benutzen und damit das Schweigen zu brechen. Er hält einer Welt, in der nur das Gute zugelassen ist, ihr Böses vor Augen – und macht diese Welt dadurch vollständig und ein Stück weit heiler. Da auch mir die Welt des Schweigens lange Zeit vertrauter war als ich mir selbst, verstehe ich seine Bilder. Was er geschafft hat, gehört für mich zum Besten, was jemand mit Kunst erreichen kann.
In dem faszinierenden Buch "Malerei muss sein wie Rockmusik“, Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler, habe ich auf S. 69 eine Geschichte gefunden, die mich sehr berührt hat. Hier ein Auszug:
"... Auf diese Sache bin ich dann gestossen, als in der österreichischen Tageszeitung Kurier ein grosses Interview mit diesem Dr. Gross abgedruckt war, in dem man ihn gefragt hat: "Sie haben doch Kinder getötet in der Nazizeit?" Und er freimütig antwortete: "Ja, das stimmt, aber das waren halt andere Zeiten, damals war das üblich ... heutzutage würde ich das auch nicht mehr so machen..." Er war eigentlich ganz gelassen, und dann fragte der Interviewer: "Es ist also wahr, dass sie hunderte von Kindern mit Injektionen getötet haben?" - "Nein, das stimmt nicht, von Injektionen kann keine Rede sein. Wir haben es sehr human gemacht, finde ich, wir haben das Gift ins Essen gemischt, und die Kinder sind friedlich gestorben. Das heisst, die haben gar nicht mitgekriegt, was mit ihnen geschieht."
Das Schockierende für mich war weniger der Umstand, dass jemand so etwas sagt, sondern der Schock für mich war, dass darauf niemand reagiert hat. Es gab keinen einzigen Leserbrief! Niemand hat gefragt: Warum ist der denn eigentlich immer noch der Gerichtspsychiater Nr. 1 in österreich - da war einfach nichts, das hat niemanden gestört. Und dieselben Leute haben aber sehr heftig reagiert, als im ORF - im österreichischen Fernsehen - ein Moderator zum ersten Mal ohne Krawatte aufgetreten ist. Da brach für Tausende eine Welt zusammen. Es gab Berge von empörten Leserbriefen und Anrufen, die die sofortige Entlassung des TV-Mannes oder seine Vergasung forderten. Und diese Leute waren dieselben, die einfach entspannt die Zeitung umblätterten, als jemand sagte: "Ich habe ein paar hundert Kinder umgebracht."
Das verstand ich nicht, und ich dachte mir, vielleicht sind die Leute einfach nicht imstande zu lesen; vielleicht müssen sie sehen, wie das ausgesehen hat. Was der Mann so launig beschrieben hat - vielleicht musste ihnen erst jemand ein Bild davon malen. Und so rief ich im Profil an und bat um eine Seite für eine Art "offenen Brief". Die Redaktion war einverstanden, ich hatte aber nur eine Nacht Zeit, denn am nächsten Tag war Redaktionsschluss. Ich habe einfach ein Kind gemalt, das mit dem Gesicht in den Teller gefallen ist, nachdem es das vergiftete Essen gegessen hat, und alles ist vollgepatzt. Und dazu schrieb ich einen sarkastischen Brief. Das hat irgendwie doch Bewegung hineingebracht, die Leute redeten darüber, man war empört, denn das war nicht so lustig anzusehen. Gross ist kurze Zeit später, wenn ich das richtig verstanden habe, in Pension gegangen; aber auf eine unehrenhafte Art. Normalerweise wird man belobigt und kriegt irgendwas. Das hat er nicht - er musste zurücktreten. Als ihn Freunde gefragt haben, warum er mich nicht verklagt, hat er gemeint: "Als Nicht-Mediziner ist dieser Mann nicht satisfaktionsfähig für mich."




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