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April 30, 2008
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hinter den Nachrichten
Amstetten - ein Boulevard-Thema?
Amstetten - ein Boulevard-Thema?
Auch dieser Fall berührt wieder einmal mehr die Seele der kleinen Alpenrepublik, die sich bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein reflektiert in den Geschichten und Gedichten zahlreicher berühmter Autoren oder etwa in Bildern von Helnwein, auf den Menschen zu sehen sind, denen Gabeln in die Augen gedrückt werden.
von Dr. Kai Gniffke
30. April 2008, 00:26 Uhr -
Das Verbrechen von Amstetten in Österreich mutet so scheußlich an, dass immer wieder die Worte “unmenschlich, unglaublich, unfassbar” zu hören und zu lesen sind. Jenseits des menschlichen Leides stellt sich uns die Frage: 20Uhr oder nicht 20Uhr? Am Tag des Bekanntwerdens (Sonntag) hatten wir eine Meldung, am Montag einen Reporterbericht und heute wieder nur eine Meldung. Dafür haben wir ordentlich Kritik einstecken müssen.
Ich hatte hier erst vor kurzem über das Thema geschrieben. Der Prozess über den Babymord von Brieskow-Finkenheerd war für mich Anlass zu folgender Ausführung: Natürlich können wir uns hinstellen und sagen: “Igittigitt, solche Schmuddelthemen fassen wir nicht an.” Mir gefällt ein knackiges Politikthema auch besser. Aber wieder einmal wandelten wir heute auf dem schmalen Grat, einerseits unser seriös-solides, politisches Profil beizubehalten und andererseits nicht die Themen auszusparen, die die Menschen in unserem Land jenseits der politischen Debatten sehr bewegen. Gelegentlich höre ich ja den Vorwurf, wir seien ja kaum noch anders als andere (insb. kommerzielle) Nachrichtenanbieter. Diese Sichtweise unterschlägt meiner Meinung nach, dass es nicht nur darauf ankommt, was man macht, sondern vor allem auch wie, wo und wie groß man bestimmte Themen in der Sendung fährt.
Das gleiche gilt nach wie vor. Gemessen daran haben wir uns am Sonntagabend vielleicht eine zu große Zurückhaltung auferlegt. Aber ich gebe zu bedenken, dass die Informationslage zunächst noch nicht sicher genug erschien, um auf ein einzelnes Verbrechen größer einzugehen. Wir sind gegenüber dem Vorwurf des Voyeurismus halt arg vorsichtig. Mit gutem Grund übrigens. Nur hätten bereits in einem solchen Stadium viele Zuschauer gerne von uns gewusst, was wir bis dahin erfahren haben und was der Stand der Ermittlungen ist. Und nach langem Überlegen komme ich zu dem Schluss, dass dies ein legitimes Interesse ist, auch wenn es keinen gesellschaftspolitischen Hintergrund gibt, hinter dem wir uns bei der Berichterstattung (etwas verschämt) verstecken könnte. Ich muss sagen, dass mir der Kommentar in der taz dazu heute gut gefallen und mich überzeugt hat: “Das Interesse an einem Verhalten, dass so stark von der Norm abweicht, muss nicht nur von Moral getrieben sein, um legitim zu bleiben.”
Autor Dr. Kai Gniffke | Uhrzeit 30.04.2008 00:26 Uhr
Beitrag Kategorie: ARD-aktuell Chefredaktion
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15: Frank Schwede
Am 30. April 2008 um 19:50 Uhr

Schon der Fall Kampusch mutierte zum Voyeurismus eines detailverliebten Boulevards. Nun könnte sich eine ähnliche, selbstquälerische Debatte wiederholen. Zu deutlich sind die Parallelen: ein Leben im Verlies, die Ahnungslosigkeit von Angehörigen und Verwandten und nicht zu vergessen: der sexuelle Mißbrauch, aus dem schließlich sieben Kinder hervorgingen. Und schon jetzt steht fest: Amstetten wird in den kommenden Wochen überrollt werden von einer nicht zu stoppenden Maschinerie der Neugier. Und das kleine Land Österreich schaut wieder einmal besonders neugierig auf den Jahrmarkt der Skandale, den diese kleine Gesellschaft bietet. Privates wird so schnell zum Allgemeingut.
Auch dieser Fall berührt wieder einmal mehr die Seele der kleinen Alpenrepublik, die sich bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein reflektiert in den Geschichten und Gedichten zahlreicher berühmter Autoren oder etwa in Bildern von Helnwein, auf den Menschen zu sehen sind, denen Gabeln in die Augen gedrückt werden.
Aber auch in der Popkultur der 80er stand das Grauen im Mittelpunkt des 1986 erschienen Liedes “Jeanny” von Falco. In dem Lied heißt es: “Sie kommen dich holen, sie werden dich nicht finden. Niemand wird dich finden! Du bist bei mir.”
Alles purer Zufall oder vielleicht doch Schicksal? Vielleicht hat Siegmanund Freud nicht ohne Grund seine wichtigsten Erkentnisse in Wien gewonnen.
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