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June 10, 2010
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Michael Kohler
Der Künstler Gottfried Helnwein
Im Leben wie in Künstlerfilmen ist es meistens interessanter, einem Künstler bei der Arbeit zuzuschauen als ihn über seine Arbeit räsonieren zu hören. Claudia Schmid bietet in ihrem Porträt des österreichischen Malers Gottfried Helnwein beides im Überfluss: Während Helnwein mit feinem Pinsel letzte Hand an erstaunlich viele Gemälde legt, ist er beinahe ständig aus dem Off zu hören, um sein Werk, sein Leben und das mit beidem einhergehende „Skandalon“ zu kommentieren. Helnwein öffnet dabei bereitwillig die Türen seines Ateliers und erweist sich als ebenso versierter wie auskunftsfreudiger Interpret seines eigenen Schaffens.
Trotzdem macht es einen ziemlich kribbelig, dass er den gesamten Film über nur an beinahe fertigen Bildern zu malen scheint. Erst gegen Ende eröffnet Schmid einen tieferen Einblick in den künstlerischen Arbeitsprozess: In einer professionellen Sitzung fotografiert Helnwein ein kindliches Modell, später projiziert er eine der Aufnahmen auf die Leinwand und zeichnet die Konturen mit feinen Strichen nach. Wie er von diesem Entwurf zur oft bewunderten Präzision seiner Gemälde kommt, bleibt hingegen auch nach den Schlusstiteln der außerordentlichen Dokumentation ein wohlgehütetes Geheimnis.
Berühmt wurde Helnwein in den frühen 1970er-Jahren mit fotorealistischen Gemälden missbrauchter und entstellter Kinder – ein Thema, das ihn bis heute nicht loslässt und das insbesondere in seiner österreichischen Heimat extreme Publikumsreaktionen provozierte. In einer der seltenen Passagen, in denen Helnwein direkt in die Kamera spricht, erinnert er sich an eine Auseinandersetzung, in der ihm zum ersten Mal aufging, was heute als Gemeinplatz der Helnwein-Rezeption gilt: Mit seinen Bildern gepeinigter Kinder bohrt er das Verdrängte der bürgerlichen Gesellschaft auf. Immer wieder kommt Helnwein auf die Gewalt gegen die Schutzlosen zurück und sieht seine Darstellungen nicht zuletzt als Fanal gegen die Verbrechen der Euthanasie. Schmids ursprünglicher Filmtitel „Die Stille der Unschuld“ fasst dieses Motiv treffend zusammen: In den Kinderbildern artikuliert sich eine Klage, zu der die Opfer selbst nicht fähig sind.
Claudia Schmid filmt Helnwein vorwiegend auf seinem Anwesen in Irland, begleitet ihn aber auch zu privaten und beruflichen Anlässen und lässt dabei seine verschiedenen Werkkomplexe geschickt Revue passieren. Die Rückschau reicht von den frühen auto-destruktiven Aktionen über seine Aneignung der Trivialkultur bis zu den monumentalen Landschaftspanoramen, auf die man zum ersten Mal in Arnold Schwarzeneggers kalifornischem Sitzungszimmer stößt. Helnweins freundschaftliche Fachsimpelei mit seinem Landsmann ist im Übrigen der einzige fremde Kommentar zu Leben und Werk des Porträtierten. Diese Beschränkung auf Helnweins eigene Perspektive ist bei seinem zwar immer noch polarisierenden, aber längst kanonisierten und weitgehend ausgedeuteten Werk kein echter Makel. Kunstfreunde dürfte ohnehin mehr der Blick in die Werkstatt des Malers interessieren, und in dieser Hinsicht hat „Der Künstler Gottfried Helnwein“ trotz des bereits erwähnten blinden Flecks einiges zu bieten. Mal abgesehen von Helnweins exzentrischer Erscheinung, verblüfft insbesondere die zur Schau gestellte Durchlässigkeit zwischen Privat- und Arbeitsräumen. Einmal trottet der Familienhund seelenruhig durchs Atelier, während Helnwein auf einem Glastisch seine Farben mischt, und in einer anderen Szene darf sich auch das Enkelkind an einem beinahe fertig gestellten Landschaftsbild versuchen. Solche anekdotischen Einblicke schüren allerdings den Verdacht, dass Kameras und andere Störenfriede beim wesentlichen Teil der Arbeit draußen bleiben mussten.




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