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June 18, 2005
Ruhr Nachrichten
Bettina Jäger
Die Unerträglichkeit der Kunst
Ausstellung: Gottfried Helnwein zeigt "Beautiful Children" im Schloss Oberhausen
Es gibt nicht nur eine Unerträglichkeit des Seins, sondern auch eine Unerträglichkeit der Kunst. Die Ausstellung "Beautiful Children" mit Bildern von Gottfried Helnwein im Schloss Oberhausen ist eine Grenzerfahrung, die so grauenhaft wie faszinierend ist.
"Beautiful Children" Ludwig Museum Schloss Oberhausen
2005
"Epiphany III" heisst eines jener grossformatigen Bilder, dei dem jedem fühlenden Menschen das Blut förmlich gefriert. Neun Männer stehen um ein Kind herum, das mit geschlossenen Augen auf einem Tisch liegt. Unschuldig wie ein Engelchen wirkt es in seinem weissen Kleidchen - und ausgeliefert diesen ekelhaft ehrenwerten Herren, deren Gesichter bei näherem Hinsehen Fratzen gleichen. Ihre böse Tat zeigt uns der Künstler nicht, doch wir denken sie hinzu.
Gewalt und Missbrauch an Kindern sind die Themen dieser Ausstellung. Sie bringt zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt die neuen grossen Bilder des österreichischen Malers und Fotografen nach Deutschland - und auch den Künstler selbst, der inzwischen in Los Angeles und in Irland lebt. Mit Kopftuch und Sonnenbrille stellte sich der 56-Jährige der Presse und entpuppte sich dabei keineswegs als cooler Provokateur. Ernsthaft sprach der Familienvater über seine Bewunderung für das kreative Pontenzial der Kinder und seine Abscheu vor einer Gesellschaft, die ihnen so häufig Gewalt antut. Dass er in seinen Bildern das Tabu des Schweigens bricht und das Entsetzen der Betrachter kühl einkalkuliert, ist seine Strategie.
Und die geht auf: Wenn ein Kind auf dem Beton-Boden liegt und eine Träne aus dem Augenwinkel kullert, wenn ein Mädchen strahlend aus einem Geschäft kommt und man erst auf den zweiten Blick das Blut zwischen ihren Beinen sieht, dürfte wohl niemand ohne Abscheu vor den Tätern bleiben. Keiner dürfte auch die Bilder abgestorbener Embryos ohne Trauer und Mitleid sehen.
So lotet die Schau die Spanne zwischen der Unschuld und der Schuld des Menschen aus.
Helnwein nutzt alle Mittel moderner Kunst - häufig wählt er Mischformen mit der Fotografie -, aber vor allem ist es seine hyperrealistische Malweise und eine altmeisterliche Lichtführung, durch die wir in die teils rätselhaften Szenen gesogen werden. Wer sich danach erholen muss, dem seien die beiden Landschaftsbilder am Eingang empfohlen. In der irischen Idylle geht es zum Glück friedlich zu.




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