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June 20, 2005
K.West
Feuilleton für NRW
Svenja Klaucke
Der Zwielichtbildner
»Beautiful Children« in Oberhausen: die erste Helnwein-Ausstellung in Deutschland seit zehn Jahren
Die mit bedeutendsten Exponate der Schau: große, brillant bearbeitete Fotografien der Serie »Angels Sleeping« (1999). Seltsam anrührende Bilder von missgebildeten, totgeborenen Kindern. Die verwachsenen Geschöpfe taucht Helnwein in große Schönheit. Geradezu eine Neuerfindung des Magischen Realismus: Föten in Formaldehyd, aus dem Anatomisch-Pathologischen Museum Wien, gescheiterte Hoffnung auf Leben - diese winzigen, runzligen Wesen schwimmen nun wie Alien-Menschlein im grünlichen Leuchten eines science-fiktionalen Andachtsbildes. Jedes eine eigene kleine Persönlichkeit, stille Geschöpfe aus einer anderen Welt, unendlich fern, ungeheuer nah. Ein unbegreifliches Wunder. Das des Lebens, eingefangen in Totgeburten. »Beautiful Children« ist eine einzigartige Gelegenheit, dem Mischtechniken-Magier Helnwein zu folgen in seine schrecklichschönen Twilight-Zones.
Gottfried Helnwein ist ein grausamer Gaukler. Seine so vordergründig spekulativen wie vieldeutigen Arbeiten geben keine Antwort. Viele Werke des Österreichers sind paradoxe Konstruktionen, Unsicherheitszonen. Vor allem die Fotoarbeiten zum Thema Kind. »Modern Sleep« oder »Kiss« gehören in die Traditionslinie erotisch aufgeladener Kinderfotografie, die mit denen von Lewis Carroll (»Alice in Wonderland«) ihren Anfang nahm. Verweisen aber zugleich auf das Trauma des sexualisierten, zugerichteten Kindes. Sinn dieser Paradox-Kunst: eingeschlafenes Bewusstsein wecken. Sie fordert mitleidlos Reaktionen heraus.
Helnwein ist der Mann mit den bösen Bildern. Routinierter Provokateur der Gefühle, kühler Inszenierungs-Stratege des verstörend Unheimlichen, surreal Gespenstischen. In seinen neueren Arbeiten benutzt er nicht nur meisterlich Mischtechniken, die Malerei, Fotografie, digitale Computer-Manipulation ununterscheidbar zusammenführen. Er ist auch ein emotionaler Meistermischtechniker. Schrecken und Schönheit, Schock und Faszination: Mit oft stupender Virtuosität verschmilzt er gegensätzlichste Stile - etwa High and Low, die Suggestivkräfte des Suspense-, Fantasy- und Horror-Genres mit denen klassischer Malerei oder der Lasuren-Leuchtkraft alter Meister. Und er vereint auf irritierende Weise inhaltliche Gegensätze. Eines seiner in der Ausstellung präsenten Bühnenbild-Videos zeigt eine Blumenwiese, die sich nur unendlich langsam verändert, unmerklich verwelkt: es imitiert eine Zeitrafferaufnahme - unter der Zeit-Lupe.
Ein Großteil der rund 90 Exponate sind Werke aus den letzten Jahren und erstmals in Deutschland zu sehen. Denn seit mehr als zehn Jahren gab es hierzulande keine Helnwein-Ausstellung mehr.
Heute lebt der Künstler auf seinem Schloss in Irland und in Los Angeles und ist weiter höchst erfolgreich. Im letzten Jahr sahen 123.000 Besucher seine Retrospektive »The Child« in San Francisco. Die umfangreichere Oberhausener Schau stellt nun ebenfalls das Kind als Zentralthema Helnweins vor.
Was sie so besonders interessant macht: die differenten Werkbeispiele aus dem 38-jährigen Schaffen Helnweins eröffnen ein fesselndes Panorama auf die variantenreichen Zauberkunststücke dieses Meistermagiers der Wirkung. Erstaunlich, wie trickreich, aber auch skrupellos er Effekte konstruiert, um die Aufmerksamkeit zu fangen und zu steigern. Erklärtes Ziel des »Schock-Malers«: maximale Emotionalisierung des Betrachters. Im Dienst gegen Gewalt, Manipulation, Unterdrückung, auch gegen virulente Nazi-Ideologie, wie der bekennende Weltverbesserer stets betont.
Die Ausstellung konzentriert sich mehr auf den faszinierenden denn schockierenden Maler, der es so liebt, Leute zu erschrecken. Aber sie zeigt natürlich auch die ersten Kinderschreckensbildnisse, die Anfang der 70er in Wien entstanden. Zeichnungen und Aquarelle von seelisch und körperlich misshandelten Kindern, verwundet, verstört, gequält, vernarbt. Zunächst oft durch Hyper-Fotorealismus befremdlich verfremdet. Karikaturen des Grauens in Manfred-Deix- und Tomi-Ungerer-Manier. Andeutungen fürchterlicher Geschehnisse. In Saccharin-süßlicher Detailgenauigkeit. Gleichwohl erfährt man nie die Geschichte dahinter. Stattdessen locken Ambivalenz und unlösbare Rätsel den Betrachter in die Reflexionsfalle und halten ihn dort gefangen. Etwa das »Sonntagskind« (1974): umgeben von lustigen, eisschleckenden Bilder-buch-Entlein steht ein kleines Mädchen vor einem Krämerladen, mit einer Tafel Schokolade. An ihren Beinen, man bemerkt es erst ganz zuletzt, rinnt Blut herab; frühes Menstruationsblut oder Folge sexueller Gewalt? Es ist nicht zu entscheiden.
Die mit bedeutendsten Exponate der Schau: große, brillant bearbeitete Fotografien der Serie »Angels Sleeping« (1999). Seltsam anrührende Bilder von missgebildeten, totgeborenen Kindern. Die verwachsenen Geschöpfe taucht Helnwein in große Schönheit. Geradezu eine Neuerfindung des Magischen Realismus: Föten in Formaldehyd, aus dem Anatomisch-Pathologischen Museum Wien, gescheiterte Hoffnung auf Leben - diese winzigen, runzligen Wesen schwimmen nun wie Alien-Menschlein im grünlichen Leuchten eines science-fiktionalen Andachtsbildes. Jedes eine eigene kleine Persönlichkeit, stille Geschöpfe aus einer anderen Welt, unendlich fern, ungeheuer nah. Ein unbegreifliches Wunder. Das des Lebens, eingefangen in Totgeburten. »Beautiful Children« ist eine einzigartige Gelegenheit, dem Mischtechniken-Magier Helnwein zu folgen in seine schrecklichschönen Twilight-Zones.
(Auszug)
Ludwig Galerie Schloss Oberhausen, bis 3.10.; Info: 0208/412 49 28: www.ludwiggalerie.de
Angel sleeping 1
photograph, 1999




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