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September 16, 2006
Deutschlandfunk
dradio.de
Björn Stüben
Walt Disneys Vorbilder in Kunst und Film
Ausstellung im Grand Palais in Paris
Die Welt des Walt Disney hat moderne Künstler seit der Pop Art inspiriert. Christian Boltanski widmet sich 1972 den Fotos von Mitgliedern des Mickey-Clubs des Jahres 1955 und Gottfried Helnwein portraitiert 2000 den "American Prayer", einen Jungen, der sein Abendgebet Donald Duck widmet.
Galeries nationales du Grand Palais Paris
2006
Nach den literarischen und cinematografischen Vorlagen der Verfilmungen von Walt Disney Film fragt eine Ausstellung im Pariser Grand Palais. Welche Quellen wurden benutzt, bei Filmen wie Pinoccio oder Dschungelbuch?
Es war einmal ... eine sternenklare Trickfilmnacht. Jiminy Grille entdeckt auf seiner Wanderschaft ein kleines verschlafenes Dorf, in dem sich die Geschichte von Pinocchio à la Walt Disney abspielen wird. Der kleine Pinocchio wird allerdings nicht als klug und wild wie im literarischen Vorbild des Italieners Carlo Collodi, sondern eher als naiv und kindlich in Szene gesetzt werden, als gefälligerer Charakter fürs amerikanische Kinopublikum. Und das Dorf, in dem die Geschichte spielt, scheint Walt Disney selber auf seiner langen Reise durch Europa 1935 entdeckt zu haben. Es ist die gut konservierte Mittelalterkulisse im bayerischen Rothenburg ob der Tauber, die den Disney-Zeichnern als Pinocchio-Ambiente im Jahre 1940 vorschwebte.
Und auch hier hat er eine sorgsame Wahl getroffen. Er engagiert an Akademien in Europa ausgebildete und daher mit der europäischen Kunstgeschichte vertraute Zeichner wie den Schweizer Albert Hurter, den Schweden Gustaf Tenggren und den Dänen Kay Nielsen. Da verwundert es in der Schau dann kaum, die böse Königin aus Schneewittchen und die sieben Zwerge mit ihrem hochgeschlagenen Mantelkragen einer Abbildung der berühmten Skulptur der Uta aus dem Naumburger Dom gegenübergestellt zu finden. Daneben will noch ein Foto die Ähnlichkeit zwischen der bösen Königin und dem damaligen Hollywoodstar Joan Crawford beweisen. Walt Disney scheint wirklich alle erdenklichen Inspirationsquellen angezapft zu haben. Wenn allerdings Doktor Rotwangs Maschinen-Kreatur Maria aus Fritz Langs Metropolis auf dem Labortisch liegend gezeigt wird und hiermit die Parallele mit Schneewittchen im gläsernen Sarg suggeriert werden soll, dann hört die seriöse Quellenerforschung auf.
Ganz am Ende meinen die Ausstellungsmacher den Spieß umdrehen zu müssen. Die Welt des Walt Disney hat moderne Künstler seit der Pop Art inspiriert. Christian Boltanski widmet sich 1972 den Fotos von Mitgliedern des Mickey-Clubs des Jahres 1955 und Gottfried Helnwein portraitiert 2000 den "American Prayer", einen Jungen, der sein Abendgebet Donald Duck widmet. Eigentlich zerstört dieser Ausklang eine Illusion. Die zeitgenössische Kunst reduziert letztlich die Welt Walt Disneys auf ihre beiden Hauptfiguren, Mickey und Donald. Sie sind es, die übrig blieben von Disneys ehrgeizigem Projekt, die Hochkultur für seine Zeichentrickwelt zu vereinnahmen wie es die Pariser Ausstellung in zum Teil verblüffenden Beispielen vorführt.




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