Selected Articles
March 23, 2007
Wiener Zeitung
Kultur
Claudia Aigner
Erwecke-die-Ente-in-dir
Erwecke die Ente in dir
Das Karikaturmuseum Krems zeigt das Universum des Carl Barks, pruasentiert von Gottfried Helnwein
Der Erpel von Oz. Beim Helnwein war’s ein bissl so wie bei der kleinen Dorothy, als sie aus dem grauen Kansas ins Technicolor-Land Oz entrückt worden ist. Sein erstes Comic-Heftl hat ihm zwar kein Wirbelsturm auf den Schoß verblasen, doch als er es aufschlug, war da auch eine "farbige, leuchtende Welt". Wer, wenn nicht er, sollte also eine Ausstellung kuratieren über den Onkel von Tick, Trick und Track? "Donald Duck . . . und die Ente ist Mensch geworden."
Vielen – und sogar Ornithologen könnten darunter sein – mag er ja noch gar nicht aufgefallen sein. Manchmal sieht man eben die Feder vor lauter Ente nicht. Doch wer genau hinschaut, erkennt ihn: den kleinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Enten. Die Weibchen haben – Schuhe an.
Zumindest in Entenhausen ist das so. Gottfried Helnwein, bekennender Entenhausener, stimmt mir da vollinhaltlich zu ("Die ham auch längere Wimpern "). Und der hatte immerhin ein Erweckungserlebnis mit Donald Duck. Damals im Nachkriegswien. "Es war alles finster und schwarz, die Leute warn sehr schiach. Hässlich und grantig. Ein Ort, wie wemma in die Hölle hineingeboren is." (Kurz: würg! röchel!) Die Kirchenkunst hat ihm ebenfalls Alpträume bereitet: "Dornenkronen, Blut, Leichen. Es war erst Donald Duck, der mich wirklich erlöst hat." Und Daniel Düsentrieb ist übrigens nur deshalb besohlt, weil er ein Huhn ist.
Der Erpel von Oz
Beim Helnwein war’s ein bissl so wie bei der kleinen Dorothy, als sie aus dem grauen Kansas ins Technicolor-Land Oz entrückt worden ist. Sein erstes Comic-Heftl hat ihm zwar kein Wirbelsturm auf den Schoß verblasen, doch als er es aufschlug, war da auch eine "farbige, leuchtende Welt". Wer, wenn nicht er, sollte also eine Ausstellung kuratieren über den Onkel von Tick, Trick und Track? "Donald Duck . . . und die Ente ist Mensch geworden."
Ja, keiner scheitert so enthusiastisch wie Donald und ist auf dem Arbeitsmarkt so flexibel. Eine ganze Wand im Karikaturmuseum Krems ist zutapeziert mit seiner allumfassenden Berufserfahrung: Dampforganist, Seetangfischer, professioneller Sorgenmacher usw. Enten-Intimus Helnwein: "Donald ist eigentlich — ein Wunder. In der Kunstgeschichte, in der Menschheitsgeschichte. Dieser Erpel spiegelt alle Facetten des Menschlichseins mehr wider als jede andere Kunst, die’s jemals vorher gegeben hat." Na bumm. (Oder: za-berst! swusch!)
Doch ohne den Carl Barks (1901 bis 2000), den fulminanten Comic-Zeichner und Sprechblasenfüller, wär aus der einstigen Nebenfigur wahrscheinlich kein Superstar geworden (im großohrigen Schatten der Mickymaus), wenn es folglich nicht zu dieser schicksalhaften Begegnung in den Disneystudios gekommen wäre, zwischen Barks und Donald, der ja bereits existiert hat.
Helnwein hat da so ein Konzept der wechselseitigen Erlösung: "Der Barks war für den Donald der Erlöser. Weil der hat aus ihm einen Menschen gemacht. Und umgekehrt war der Donald aber der Erlöser vom Carl Barks und hat aus einem mittelmäßigen Witzzeichner einen der größten Künstler des Abendlandes gemacht. Das heißt, das Treffen war für beide ungeheuer wichtig."
Prüde Bürzeldrüsen
Barks, der nach ein paar Jahren als "Zwischenphasenzeichner" und Gaglieferant für Disney-Kurzfilme das Studio schließlich 1942 verließ (doch nicht weil es zwischen ihm und der Klimaanlage nachweisliche Animositäten gab, sondern weil sich seine unbändige Fabulierlust lieber in Comic-Heftln austoben wollte), hat dem Ur-Donald als erstes den unvorteilhaften Schnabel radikal gestutzt. Was aber nichts mit der vielbeschworenen Entenhausener Prüderie zu tun hat, wo jegliche Erotik ratzeputz liquidiert wird (denn: Wie der Schnabel einer Ende, so ihre Lende).
Eier werden auch keine gelegt. Helnwein: " Natürlich nicht. Weil: Man wollte vermeiden, dass die Kinder nachdenken und auf unkeusche Gedanken kommen. Ma hat von vornherein immer nur Verwandte zweiten Grades zugelassen. Kusinen, Neffen, Vettern, Onkeln." Das sogenannte Veronkelungsprinzip.
Der Manfred Deix, der sein berüchtigt pfuigackiges Scherflein zur Ausstellung beiträgt (schwitz! ächz! stöhn!), will freilich partout nicht akzeptieren, dass Donald und Daisy ein pubertärplatonisches Liebespaar sind, garantiert kryptosexuell (schnatter! quietsch! uffknuff!), und muss sie unbedingt in einen begnadet verderbten Entenporno verwickeln, der genauso gut heißen könnte "Ölige Bürzeldrüsen".
Den Bevölkerungszuwachs in Entenhausen (Helnwein schwärmt: "Ein utopischer Ort. Es ist wie ein Atlantis, wie Jerusalem. Der Garten Eden!") hat aber ohnedies der Barks zu verantworten. Dagobert Duck, Gustav Gans, Daniel Düsentrieb, die sind alle von ihm. Leiben und watscheln hier in Krems auf den Skizzen und Skripts herum.
"Antike" Disney-Heftchen dünsten die Aura des Hundert-Mal-Gelesenseins aus. Und der Original-Arbeitstisch verströmt sein Charisma. Ach ja: Die Panzerknacker, die nichtresozialisierbaren Berufskriminellen, sind ebenfalls Barks’ Babys. Über ihre auffälligen Häftlingsnummern (176 716, 176 167, 176 617 etc.), die der Helnwein nicht einmal auswendig kann, rätseln die Numerologen seit Generationen. Ich erahne hingegen: Das ist der Stabreim der Mathematiker.
Nichts zu schwör
Und dank der Erika Fuchs, die die Barks-Blasen mit kongenialem Sprachreichtum ins Deutsche übersetzt hat (und esoterischerweise wie Barks genau mit 99 verstorben ist), haben die zitiergeilen Intellektuellen nun die Qual der Wahl zwischen Wilhelm Tell ("Die Axt im Haus erspart den Zimmermann") und Daniel Düsentrieb: "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör." In diesem Sinne: wumm! kracks! pätsch!




back to the top