March 19, 1995
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Kultur
kcd.
Nymphe und Biest vor der Kamera
Barbiepuppe im Fotografie Forum Frankfurt
Gottfried Helnwein hat hier das Motiv von Eros und Thanatos zeitgenössisch, wenn auch wenig überraschend paraphrasiert, indem er einen Totenschädel mitten zwischen etwa zwanzig Püppchen legte.
Seit sie im Jahre 1959 zum Schrecken der Pädagogen ihren Siegeszug durch die Kinderzimmer der westlichen Hemisphäre antrat, ist die Barbiepuppe als Symbolfigur nicht unstrapaziert geblieben, scheint aber immer noch ein ergiebiges Thema zu sein: 60 europäische und amerikanische Fotografen aus Mode, Kunst, Werbung oder Journalismus zeigen derzeit im Fotografie Forum Frankfurt (Leinwandhaus, Weckmarkt 17) ihre höchst individuellen Blicke auf das Plastikgeschöpf. Der Titel der von Freddy Langer zusammengestellten Ausstellung, "Nymphe und Biest - Die Barbie vor der Kamera", steckt den Rahmen der fotografischen Interpretationen und Inszenierungen nur ungefähr ab: Selbst in der blasphemischen Darstellung des gekreuzigten Christus ist Barbie hier auf einem Schwarzweißfoto von Norbert Frank zu sehen; nicht weit davon hängt die großformatige Arbeit von Horst Wackerbarth, die Barbie-Madonna im Rosenhag zeigt. Jürgen Röhrscheid läßt einen nackten Muskelprotz das zierliche Püppchen mit dem charakteristischen leeren Lächeln wie eine kostbare Miniatur-Trophäe in Händen halten.
Gottfried Helnwein hat hier das Motiv von Eros und Thanatos zeitgenössisch, wenn auch wenig überraschend paraphrasiert, indem er einen Totenschädel mitten zwischen etwa zwanzig Püppchen legte. Die aus dem prüden Amerika stammende Barbiepuppe muß zwar - ähnlich wie der älteren Generationen bekannte "homo schmeilanus" - ohne primäre Geschlechtsmerkmale auskommen, erscheint aber immer wieder, etwa bei Barbara Dombrowski, als verführerisches Sexobjekt. Selbst ein Reptil neben zerfressenen Blättern oder ein Affe scheinen - auf den Fotos von Eberhard Grames oder Jacques Schumacher - ganz betört von Barbies artifizieller Weiblichkeit. Unsere Abbildung: Barbie als gefallenes Mädchen, fotografiert von Sigi Hengstenberg.
Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Max" zustande kam, wurde bis 2. April verlängert; geöffnet Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, Mittwoch von 11 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.
Kultur Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.1995, Nr. 11, S. 26




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