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March 27, 2003
Neue Züricher Zeitung
Pia Horlacher
Selbsthass auf Österreichisch
Hau den Spiesser - der Filmer Ulrich Seidl ist ein Meister des ätzenden Blicks.
Doch steht er bei weitem nicht allein in diesem Theater der Grausamkeit made in Austria. Seine Erbarmungslosigkeit gehört in eine lange Tradition künstlerischer Darstellung der österreichischen «Verlarvtheit». So nennt es der Maler und Aktionskünstler Gottfried Helnwein, so zeichnet es der Comic- König Manfred Deix, so monologisiert es Helmut Qualtinger alias Herr Karl, so textet es die Schriftstellerin Elfriede Jelinek - alle eingebettet als Militärberichterstatter vor Ort in diesem blutigen Aggressionskrieg gegen Verdumpfung, Verdummung und moralische Verderbnis. Auf dem Kommandoposten stehen noch immer Karl Kraus und Thomas Bernhard, hoch dekorierte Generäle an einer Heimatfront, um die mit Gift und Gas gekämpft wird. Sprachgift und Kunstgas gegen Gift und Gas der Geschichte. Schützengräben gegen jede Form von «Anschluss», in dem sich die Nazifratze immer von neuem ungehemmt entlarven will. Pickel-Naturalismus.
Die Erinnerung ist frisch, als wäre es gestern gewesen: der erste Ferienmorgen in Wien, ein schöner Spätsommertag kündigt sich an, das Dachzimmer in der hübschen Pension gibt den Blick frei auf einen puderblauen Morgenhimmel, vom Hof zieht Kaffeeduft herauf, und gegenüber auf der Dachterrasse . . . - halt! Gegenüber auf der Dachterrasse kippt die Gemütlichkeit unvermittelt ins Unheimliche: Ein giftgrüner Plastic-Rasenteppich, eingefasst von einem bunten Geraniengarten, darin eine ältere, übergewichtige Frau, das violette Haar aufgerollt auf Bigoudis, das weisse Fleisch notdürftig bedeckt von einem Plüschmorgenmantel in sattem Pink, neben ihr ein mickriges Männchen in kurzen Schlabberhosen, aus denen oben ein Bierwanst quillt und unten dürre Beinchen hervorlugen. Hinter den beiden ein riesiger Afrikaner von tiefschwarzer Hautfarbe, in seinen Pranken eine gefährlich rasende Motorsäge . . .
Nein, kein Mord und Totschlag. Nur eine Szene wie aus einem Film von Ulrich Seidl. Mit einem Bühnenbild wie bei Ulrich Seidl. Mit Figuren wie bei Ulrich Seidl. Und mit Kostümen wie bei Ulrich Seidl. Denn hätte man nicht kurz zuvor «Hundstage» gesehen, den neuesten Skandalfilm des umstrittenen Österreichers, das bedrohliche Tableau wäre womöglich ein schräges Figurenbild aus einem multikulturellen Wiener Hinterhof geblieben: Hauswart- Ehepaar instruiert Handwerker. Doch der «Spiesser-Schocker» hatte gerade seine internationale Premiere am Filmfestival von Venedig hinter sich, wo er, wie die meisten von Seidls mittlerweile rund ein Dutzend Filmen, das Publikum spaltete. Schweinerei, meinten die einen: diese sensationalistische Vorführung trostloser Kleinbürger-Klischees, mit ihren billigen Supermarkt- Träumen von Glück, Liebe und Sex. Kunstwerk, riefen die andern: diese entlarvende Perspektive auf die Wiener Vorstädte, ein gnadenloser Spiegel unserer Zeit und Gesellschaft. Ulrich Seidl erhielt für «Hundstage» schliesslich den Grossen Preis der Jury 2001.
Schlüssellochperspektive
Doch egal, ob Zustimmung oder Widerstand: Seidls ätzender Blick auf die österreichischen Kulissen des Kuriosen hatte seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt, wie man nun am eigenen Auge erfahren konnte. Dank seiner Schlüssellochperspektive auf die menschliche Seele, Abfallkübel für allerlei eitrige Pflaster und blutige Binden einer allumfassenden Zivilisationsverwahrlosung, wussten wir an diesem schönen Morgen, ein paar Wochen nach der Filmpremiere, was sich wirklich in diesen Kulissen abspielte: Hinter der Dachgarten-Szenerie würden sich Abgründe der Verdorbenheit auftun, Sex und Suff, Pornographie und Perversionen, Gier, Fremdenhass, Dummheit und Verlogenheit sich breitmachen. Was das alte Paar und ihr schwarzer Gärtner jenseits des Geraniengartens miteinander wohl trieben, wollte gar nicht erst in Worten ausgemalt sein. Seidl hatte das bereits besorgt, in Bildern von so monströser Krassheit, dass man sie lieber gar nicht gesehen oder wenigstens gleich wieder vergessen hätte.
Denn nicht der Wahrheitsanspruch des Dokumentaristen, sondern der Ekel-Schock der echten Grausamkeit ist Seidls Markenzeichen, seit er in den achtziger Jahren begonnen hat, Dokumentarfilme zu «inszenieren», spätestens aber seit seinen sensationalistischen Sujets wie Frauenhandel mit Asiatinnen in «Die letzten Männer» (1994), der - auch sexuelle - Missbrauch von Haustieren in «Tierische Liebe» (1995) oder die Vermarktung junger Frauen in «Models» (1998). Mit der Hingabe eines Pubertierenden inspiziert der mittlerweile Fünfzigjährige die Auswürfe menschlicher Existenz - die er allerdings vorher ausnehmend gewählt ins Bild rückt. Ob inszenierter Dokumentarfilm, ob dokumentierte Fiktion, das macht bei Seidl nicht wirklich einen Unterschied.
Oder sollen wir sagen: Auswürfe österreichischer Existenz? Denn Ulrich Seidl mag der Champion des Chainsaw Massacre zwischen Spitzendeckchen und röhrendem Hirsch sein, ein Meister des Brutalo-Dokumentarfilms Marke Mondo Cane, der seinen virtuos formalisierten Voyeurismus mit zunehmendem Erfolg auf immer elendere Figuren ansetzt. «Hundstage» ist, wie das ganze seidlsche Werk, eine Montage von sorgfältig kadrierten Demontagen kleinbürgerlicher Glücksversuche oder Glückspervertierungen. Doch steht er bei weitem nicht allein in diesem Theater der Grausamkeit made in Austria. Seine Erbarmungslosigkeit gehört in eine lange Tradition künstlerischer Darstellung der österreichischen «Verlarvtheit». So nennt es der Maler und Aktionskünstler Gottfried Helnwein, so zeichnet es der Comic- König Manfred Deix, so monologisiert es Helmut Qualtinger alias Herr Karl, so textet es die Schriftstellerin Elfriede Jelinek - alle eingebettet als Militärberichterstatter vor Ort in diesem blutigen Aggressionskrieg gegen Verdumpfung, Verdummung und moralische Verderbnis. Auf dem Kommandoposten stehen noch immer Karl Kraus und Thomas Bernhard, hoch dekorierte Generäle an einer Heimatfront, um die mit Gift und Gas gekämpft wird. Sprachgift und Kunstgas gegen Gift und Gas der Geschichte. Schützengräben gegen jede Form von «Anschluss», in dem sich die Nazifratze immer von neuem ungehemmt entlarven will.
Pickel-Naturalismus
Im besten Fall ein Verteidigungskrieg. Doch dummerweise sind die Schüler nicht immer auf der Höhe ihrer Schule oder ihrer Lehrer. Den bösen Blick - bildhaftes Pendant des berühmten Schmähs? - scheinen in Österreich mittlerweile so viele zu beherrschen, dass selbst eine harmlose Partnervermittlungs-Sendung im öffentlich- rechtlichen Fernsehen manchmal wie ein kleines Schauerkabinett daherkommt. Ist der Österreicher denn eigentlich dümmer, hässlicher, faschistischer oder perverser als der kommune Europäer irgendwo zwischen Lappland und Sizilien?, fragt sich da manch eine schon mal heimlich. Verdient er so viel händereibende Bitte-sehr-die- Herrschaften-Demontage? So viel feixende Häme?
«Das Prinzip seiner Regie ist einfach: die Welt so nah und eindringlich zu betrachten, dass sie schliesslich ihre Grausamkeit und ihre Hässlichkeit enthüllt.» Als das österreichische Filmmuseum Ulrich Seidl kürzlich eine Werkschau widmete, adelte ihn das Programmheft mit diesem Satz über Erich von Stroheim, einen andern Österreicher mit dem «gnadenlosen Blick». Doch im Vergleich mit Seidl sind Regisseure wie Stroheim oder Billy Wilder, ein weiterer berühmter Landsmann, gefühlvolle Humanisten. Nicht, weil die gesellschaftskritische Analyse ihres Werks weniger scharf gewesen wäre, im Gegenteil. Aber erstens haben sie stets lieber nach oben als nach unten getreten und den Spiesser auch in den eigenen Reihen geortet, und zweitens kam bei ihnen nie der Verdacht auf, dass ihr gnadenloser Blick vielleicht nur die Rückseite ebendieser Spiesser-Medaille sei: Denn das künstlerische Gegengift zur nostalgischen Fassaden-Gemütlichkeit, die Abgründe versteckt, ist nicht die «nostalgie de la boue», die Sehnsucht (nach) der Verworfenheit, in der sich Seidl so behaglich und so wendig suhlt.
Sie ist nur ihr Hinterteil. Das kann man den Leuten hinstrecken und sagen: Schaut, wie hässlich. Man kann die Pickel auch noch mit Rouge betonen und schwarze Haarstoppeln draufzeichnen, im Sinne des inszenierten Naturalismus. Und man kann damit «Hass-Erektionen» produzieren, wie André Heller, selbst kein Waisenkind der falschen Ehrfurcht, es einmal Karl Kraus, mit einem richtigen Wort am falschen Ort, vorgeworfen hat. Mit aufklärerischem Furor aber sollte man es nicht verwechseln. Und das formale Kunsthandwerk nicht mit Kunst. Der Alltag, sagt Seidl, ist ein seltsames Unglück. In der Tat. Der Blick des Voyeurs aber wird das Ausmass seiner Ambivalenzen nie wirklich wahrnehmen.
Das Dokumentarfilmfestival Nyon widmet seinem Gast Ulrich Seidl eine Werkschau mit zehn Filmen. Die «Visions du réel» beginnen morgen Montag und dauern bis 4. Mai. Programmiert sind über 100 Produktionen aus dreissig Ländern.




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