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April 29, 2008
Sueddeutsche Zeitung
Holger Gertz
Vor einem Abgrund
Inzestfall in Österreich
Amstetten zwischen Fassungslosigkeit und Medienrummel: Ein Verlies mitten im Ort, ein Vater, der den Kindern ein Martyrium antut - wie man nun die Teile von etwas Unbegreiflichem zusammenzufügen versucht. Das Verlies von Amstetten berührt auch etwas im Innersten der Österreicher, ihre dunkle Seite, die sich spiegelt in den Gedichten ihrer Autoren. Und in den Bildern von Gottfried Helnwein, wo Menschen zu sehen sind, denen Gabeln in die Augen gedrückt werden. Oder Mädchen, denen das Blut die Beine herunterläuft. Helnweins Bilder sind Albträume, sie handeln von Verliesen in den Köpfen - aber was sind die gegen Verliese, die es wirklich gibt.
Roter Mund ( Detail )
watercolor on cardboard, 1978
Von der Dammstraße in Amstetten aus kann man das Haus gut sehen, und den Garten auch, deshalb sieht die Dammstraße an diesem Montag aus wie ein Parkplatz. Übertragungswagen steht hinter Übertragungswagen, von der Dammstraße aus kann man dieses Haus gut ins Bild bekommen. Es wirkt wie ein grauer Bunker.
Die Fernsehkorrespondenten aus der ganzen Welt stellen sich so auf, dass sie das Haus im Rücken haben. Sie brauchen dieses Haus, weniger aus Sensationslust, eher als Dokument. Sie wollen es dem Publikum zeigen. Man muss das Haus zu dieser Geschichte sehen, sonst glaubt man nicht, dass die Geschichte tatsächlich passiert ist.
Josef F., 73, der hier bis zum Wochenende lebte, soll im Keller dieses Hauses seine Tochter Elisabeth gefangen gehalten haben. Die Tochter ist 42 mittlerweile, 24 Jahre davon war sie in diesem Keller. Josef F. hat sieben Kinder mit seiner Tochter gezeugt, von denen eines direkt nach der Geburt gestorben ist. Er soll die Leiche verbrannt haben. Josef F. lebte also in diesem Haus mit seiner Frau und dreien der im Keller von seiner Tochter geborenen Kinder. Die anderen drei Kinder lebten bei ihrer Mutter im Keller, in dem sie geboren worden waren und den sie nie verlassen durften. Die drei Kinder oben im Haus waren unter der Adresse der Großeltern gemeldet und wuchsen offiziell bei ihnen auf. Die drei Kinder aus dem Keller - ein 19-jähriges Mädchen, zwei Jungen - waren nicht gemeldet, gingen nicht zur Schule. In der Welt gab es sie nicht. Als die 19-Jährige jetzt ins Krankenhaus gebracht werden musste, flog alles auf. Unter den Ärzten, die sie derzeit behandeln, sind Fachleute für Haut und Augen. Haut und Augen sind besonders empfindliche Bereiche bei Menschen, die nie am Tageslicht waren.
Suche nach der Kombination
Die Ehefrau von Josef F. soll nicht gewusst haben, dass ihre Tochter im Keller unter ihr lebte. Josef F. soll ihr weisgemacht haben, die Tochter wäre vor 24 Jahren verschwunden und hätte nur die drei Kinder bei ihnen in Obhut gegeben, also vor dem Haus abgelegt. Eigentlich kann man sich nicht vorstellen, dass so etwas passieren kann, aber Josef F. hat die Taten inzwischen gestanden, und er hat die Polizei in das Kellerverlies geführt, unterhalb dieses Gartenhäuschens, das man gut sehen kann, wenn man von der Dammstraße aus auf das Anwesen blickt.
Es gab darin Fernsehen, Kochnische, Waschbecken. Josef F. hat sein Doppelleben geplant und blickdicht abgeschirmt. Die Polizei kam erst in den elektrisch gesicherten Keller, nachdem F. ihr den Code verraten hatte, eine Zahlenkombination. Die Reporter aus aller Welt bemühen sich darum, diese Zahlenkombination herauszufinden. Sie wäre ein Beleg dafür, dass alles wahr ist.
In Amstetten schieben die Nachbarn ihre Fahrräder sehr langsam zwischen den Reportern durch, und einige haben ihren Sonntagsanzug rausgekramt am Montagvormittag. Sie sind vorbereitet für den Fernsehauftritt. Sie wollen auch was sagen; es ist das, was man immer in den bunten Sendungen am Nachmittag sieht. "Unfassbar, dass so was hier geschieht." - "Waren komische Leute." - "Hab mir immer gedacht, dass da was nicht in Ordnung ist."
In Niederösterreich mischt mancher noch ein kraftvolleres Zitat unter, die Bevölkerung von Amstetten ist zu einem guten Teil der Meinung, der F. sei eine "Drecksaa", die man steinigen sollte. Aber wirklich geahnt hat keiner was, die drei Kinder oben bei den Großeltern gingen ja normal zur Schule, von den dreien im Keller wusste keiner, und deren Mutter Elisabeth war schon so lange weg, die hatte ja kaum noch einer gekannt. Spuren hatten sich verloren, oder Spuren wurden nicht gesucht.
Jemand stirbt und wird nicht vermisst, und sein Todesdatum entnimmt man dann der aufgeschlagenen Fernsehzeitung: So was liest man immer wieder, meist passiert es in Großstädten. Dass in einer kleinen Stadt wie Amstetten viel Grauenvolleres geschieht, mitten unter Leuten, die sichtbar daran interessiert sind, was der Nachbar so treibt - es ist fast so unglaublich wie die Tat.
Die Tat des Josef F., der seine zwei Leben so sehr aufeinander abgestimmt hat, steht in einer Tradition anderer Verbrecher in Österreich, die waren wie er: auf ihre Weise lebensunfähig und intelligent zugleich. Der Briefbomber Franz Fuchs, der Konditor Udo Proksch, der per Zeitzünderbombe einen Frachter versenkte, um die Versicherung zu betrügen.
Der Arbeitslose Wolfgang Priklopil, der in einem Verlies jahrelang ein Kind festhielt, das in der Gefangenschaft zur jungen Frau wurde. Neben der Geschichte vom Verlies in Amstetten steht immer auch die vom Verlies, in dem Natascha Kampusch eingesperrt war. Wenn so etwas zweimal in einem Land passiert, sucht man nach Gründen für diese relative Häufung.
Sonntagskind (Sunday Child)
watercolor, colored pencil and pencil on cardboard, 1972, 102 x 73 cm / 40 x 28''
Selbst in der Populärkultur thematisieren die Österreicher das Grauen, zum Beispiel Hans Hölzl, genannt Falco, der in seinem Lied "Jeanny" die Hintergrundmusik für die Tragödie von Kampusch wie der Familie F. lieferte. "Sie kommen dich zu holen. Sie werden dich nicht finden. Niemand wird dich finden! Du bist bei mir." Das Lied war 1986 Nummer eins in Österreich, es ist längst ein Klassiker, ein Oldie fast. Die Erinnerung an so ein Lied lässt Zeit fühlbar werden. 1986 war Elisabeth F. schon zwei Jahre ins Verlies gesperrt.
Hilflos vor den Mikrofonen
Als Natascha Kampusch ihrem Gefängnis endlich entkommen war, wurde sie schnell zu einer Art Ikone. Das Mädchen aus dem Keller, mit blauen Augen und lila Kopftuch. Kampusch war bald in TV-Interviews zu sehen, und weil sie darin viel ernsthafter und klüger rüberkam als ihre in Freiheit aufgewachsenen Altersgenossen, wurde das Verbrechen in der Öffentlichkeit bald als Wunder wahrgenommen, das eine Heldin speziellen Typs hervorgebracht hatte. Eine Frau, die die Hölle überstehen kann und - wie die Laienpsychologen im Fernsehen es immer ausdrücken - imstande ist, gestärkt daraus hervorzugehen. Natascha Kampusch wurde zu Weihnachten 2006 zur beliebtesten Österreicherin gewählt, sie war ein Star; einer von der Art, der Briefe mit der Bitte um ein Autogramm bekommt.
Die Geschichte der Menschen aus dem Verlies von Amstetten setzt sich für die Öffentlichkeit im Moment noch aus Bruchstücken zusammen; aus dem, was die Nachbarn hilflos in die buschigen Mikrophone der Weltpresse stammeln, und dem, was die Polizei bei den Pressekonferenzen mitteilt. Man weiß nicht sehr viel über diese Menschen, inzwischen ist ein Bild des Täters veröffentlicht worden, auch eines seiner von ihm so gequälten Tochter Elisabeth, offenbar ein Passbild aus ihrer kurzen Zeit in Freiheit.
Eine junge Frau lacht schüchtern in eine Kamera. Opfer und Täter bekommen ein Gesicht, die Hintergründe der Tragödie werden sichtbar wie die Konturen eines Fotos im Entwicklerbad. Aber es steht fest, dass diese Geschichte sich nicht dafür eignet, konsumierbar gemacht zu werden wie die der Natascha Kampusch.
Es gibt in dieser Geschichte kein schönes Mädchen mit klaren Augen und lila Kopftuch. Das Grauen hat keine Pointe, die von den Boulevardmedien zu einer Heldensaga zugespitzt werden kann. Das Grauen ist immer nur das Grauen im Fall der Familie F. Als der Psychiater Max Friedrich am Wochenende in Wien von dem Fall erfuhr, war er erschüttert. Die Berichterstattung beobachtet er "mit gewissem Unwohlsein". Er hat das schon einmal erlebt, Friedrich gehörte damals zum Betreuerteam von Natascha Kampusch.
Er wollte sie abschotten, aber es war ein hilfloser Versuch, "der Mediendruck ist irgendwann zu groß geworden". Ihm wurde vorgeworfen, Natascha Kampusch ein weiteres Mal in Geiselhaft nehmen zu wollen. Dabei wollte er ihr die Gelegenheit geben, sich in Ruhe an das zu gewöhnen, was ein Mensch Leben nennt. Parallelen zwischen den Geschichten sieht er nicht, "in beiden Fällen werden Menschen im Verlies festgehalten, das stimmt, aber darüber hinaus ist jeder Fall anders." Natascha Kampusch hatte ein Leben vor ihrer Gefangenschaft, die drei Kinder von Elisabeth F. kennen so ein Leben gar nicht. Die Frage ist, ob es überhaupt ein Leben gibt, an das man andocken kann.
Ein Protokoll des Schreckens
Max Friedrich hat überlegt, auch in Amstetten persönlich ins Betreuerteam einzusteigen, aber er sagt, die Psychologen vor Ort sind dazu allein genauso imstande. Er sieht Entwicklungen im Vergleich zu Natascha Kampusch. "Dass diesmal alle sofort vor der Öffentlichkeit abgeschirmt worden sind, gehört dazu.
Dass man nicht weiß, wo sie sind. Und dass man im Krankenhaus genau hinschaut, damit sich nicht ein Reporter als Arzt verkleidet da einschleicht." Hat er schon erlebt, nicht im Fall Kampusch, bei anderer Gelegenheit. Ein Reporter als Arzt. Er hatte ein Diktiergerät dabei. Der Psychiater spricht nicht zu emotional von dem Fall in Amstetten, er ist Psychiater, er sieht die Hintergründe. "Stellen Sie sich die Frau vor: Wie viel Angst sie all die Jahre gehabt hat, wie abgeschieden sie leben musste. Wie viel Vertrauen zerstört worden ist durch den Missbrauch des Vaters. Und wie missachtet und entwertet sie sich fühlt."
Es ist nur eine Aufzählung, aber sie klingt wie das Protokoll des schlimmsten Schreckens, dem ein Mensch begegnen kann. "Ich wünsche ihr, dass man sie in Ruhe lässt", sagt Friedrich, der weiß, wie wenig Natascha Kampusch in Ruhe gelassen worden ist. Erst vor wenigen Tagen sind Details aus ihrer Gefangenschaft bekannt geworden, ein Gratisblatt hat sie veröffentlicht, andere zogen nach. Natascha Kampusch denke darüber nach, das Land zu verlassen, hieß es. Inzwischen, stand in einer anderen Zeitung, soll sie den Opfern von Amstetten Hilfe angeboten haben.
Zwei Tragödien greifen ineinander. Zwei Verliese. Beide in Österreich. Ein Zufall? "Das ist die Gretchenfrage", sagt Max Friedrich, der sein Land und dessen Bürger als "Verdränger" erlebt. Eine Großmacht, sagt er, die zum Rumpfstaat wird: "Vielleicht gibt es historische Gründe, die schmerzhafte Realität zu verdrängen."
Manchmal bricht sie durch, die Realität, so wie gerade wieder. Max Friedrich denkt ein bisschen nach und sagt: "Der Sigmund Freud hat nicht ohne Grund seine wichtigsten Erkenntnisse bei uns in Wien gewonnen."
Kommentare
bernd-sandner: Helnwein und Falco
29.04.2008 16:36:20
Ich frage mich, was der Autor dieses Artikels andeuten möchte, wenn er die Bilder von Herrn Helnwein, bzw, einen Hit von Falco im Zusammenhang mit dieser Geschichte erwähnt? Sind alle Österreicher potentielle Entführer und Vergewaltiger, oder was soll damit suggeriert werden? Eine Erläuterung wäre wünschenswert!
Mit freundlichem Gruß!
Tabu-Thema Inzest, coverstory, Kurier
2008
TABU-THEMA INZEST
Kurier
Wien
Sunday, Coverstory
04. Mai 2008




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