October 10, 1996
Kölner Stadt Anzeiger
Lothar Deeg
EIN MÄDCHENKOPF FÜR SANKT PETERSBURG
Peter Ludwig schenkte Museum Helnwein-Bilder
"Anna aus, ich glaube, Kiel", war die unübersehbare Hauptfigur bei der Eröffnung der Ausstellung des österreichischen Malers Gottfried Helnwein im Russischen Museum in Sankt Petersburg. Wenn Kunst aus dem Westen den Weg nach Russland findet - um dort zu bleiben -, stehen zwei den Petersburgern inzwischen wohlbekannte Namen dahinter: Irene und Peter Ludwig, die dem Russischen Museum wieder eine Schenkung gemacht haben. Mit jeder seiner exakt gezeichneten Hautporen und jeder Wimper ist dieses Kind Subjekt - und nicht nur einfach Objekt für einen Maler, der Gigantismus mit Detailversessenheit kombiniert. "Menschlichkeit im Riesenmass", interpretierte Ludwig das Bild.
Kindskopf (Head of a Child) at the State Russian Museum, St. Petersburg
oil and acrylic on canvas, 1997, 600 cm x 400 cm / 236'' x 157''
Kindskopf
Doch war das Geschenk immer noch so gross, dass es in den Räumen der Ludwig-Stiftung im Marmorpalast nicht unterzubringen war: Sechs Meter hoch und vier Meter breit ist das Porträt der verträumten neunjährigen Anna, an deren Heimatstadt sich Helnwein nicht mehr erinnern konnte. Oder nicht erinnern wollte, denn das Bild "Kindskopf", das einen unbekannten, hübschen, sehr jungen Menschen zeigt, steht stellvertretend für alle Kinder, die noch ein ganzes Leben vor sich haben. Mit jeder seiner exakt gezeichneten Hautporen und jeder Wimper ist dieses Kind Subjekt - und nicht nur einfach Objekt für einen Maler, der Gigantismus mit Detailversessenheit kombiniert.
"Menschlichkeit im Riesenmass", interpretierte Ludwig das Bild.
Kinder als Thema seiner Arbeit haben es Helnwein schon immer angetan - trotz des Selbstpoträts mit Wundhaken in den Augen, einer Horrorvision, die als allgegenwärtiges Jugendzimmer-Poster und Scorpions-Plattencover Karriere machte. Mit Begeisterung berichtet er von seinen Erlebnissen im Russischen Museum bei einem früheren Petersburg-Besuch: Lehrerinnen hätten den andächtig zuhörenden Kinderscharen voll Hingabe ein Kunstwerk nach dem anderen erklärt, woraufhin die Kinder die Gemälde "mit Inbrunst" betrachteten.
"Unvorstellbar bei uns im Westen, dort wären die Kinder nach dem zweiten Bild genervt", wandte sich Helnwein an seine russischen Premierengäste. Im Spätsommer möchte er deshalb nach St. Petersburg zurück kommen und "die schönsten Kindergesichter, die ich je gesehen habe", in einer grossangelegten Aktion zunächst fotografisch durchporträtieren.
Zwei weitere Helnwein-Werke in einem handlicheren Format wurden dann im Marmorpalast präsentiert: Porträts der Stifter Peter und Irene Ludwig. Warhols Pop-art-Ludwig hängt am Eingang, Helnweins fotorealistische Variante kommen nun gleich dahinter. Es sind eigentlich vier Bilder: die beiden passfotoartigen, lebhaft-farbigen Gemälde in der Mitte, daneben die gleichen Bilder noch einmal, jedoch fast schwarz auf schwarz gemalt.
Während sich der Betrachter fasziniert den fotorealistischen Werken nähert und sich ihm immer mehr Details bis hin zum Verlauf des feuchten Glanzes in den Augenwinkeln erschliessen, stossen ihn die dunklen Porträts wie gegenpolige Magneten ab: Aus der Nähe ist nichts, aus der Distanz jedoch der ganze Mensch zu erkennen.
Schenkung und Ausstellung in Russland beweisen einiges von dem Vertrauen, das die Ludwigs bei ihrer Zusammenarbeit mit dem Russischen Museum gewonnen haben. Wechselseitige Ausstellungen des Kölner Museums Ludwig und des kulturell hochagilen Russischen Museums wird es auch weiterhin geben, versicherte Ludwig: "Die Auseinanderzetzungen um die Rückgabe der Beutekunst belasten unsere Beziehungen überhaupt nicht."
Collectors Peter and Irene Ludwig with Ludwig's portrait by Helnwein
1996, State Russian Museum St. Petersburg
Collectors Peter and Irene Ludwig donated major works by Gottfried Helnwein to the State Russian Museum in St Petersburg, Russia




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