Texts by Helnwein
June 9, 2014
NEWS Magazine
Wien
Happy-Birthday-Donald
Happy Birthday, Donald
Am 9. Juni 1934 veränderte sich die Welt. Donald Duck trat ins Leben.
Donald Duck ist eine Ikone, eine Gottheit. Er hat seinen festen Platz in der Mythologie der Menschheit, wie Zeus und Odysseus, Krishna und Jesus. Dabei war er von Disney ursprünglich gar nicht als Titelheld geplant gewesen. In dem Zeichentrickfilm „The wise little Hen“ durfte er das erste Mal neben “Peter Pig” als unbedeutende Nebenfigur auftreten. Aber Donald liess sich nicht so leicht abschütteln, er drängte sich von da an mit seinem aufdringlichen Gequake und Gezeter rücksichtslos in den Vordergrund, ob es den Disney-Leuten nun recht war oder nicht.
In the Heat of the Night
mixed media (oil and acrylic on canvas), 2000, 213 x 304 cm / 83 x 119''

Das jugendliche Publikum war jedenfalls so begeistert,  dass dem Studio gar nichts anderes übrig blieb, als ihm eine immer wichtigere Rolle zu geben.  Zu Beginn trat er zusammen mit Mickey Maus auf, aber bald begann Superstar Mickey neben dem hysterischen Erpel zu verblassen und Donald wurde zum eigentlichen Helden der Disney-Filme.

Mickey erstarrte zum Logo des Disney-Imperiums.  Als lebendiges Wesen, als jemand mit dem man sich identifizieren konnte, hatte er neben dem hektischen Enterich im Matrosenjäckchen keine Chance.

Donald ist wahrscheinlich die menschlichste Figur in der Geschichte der bildenden Kunst.
Obwohl er nur aus einer dünnen schwarzen Linie besteht und gar nicht wie ein Mensch aussieht, sondern eher an eine Ente erinnert, gibt es in der ganzen Kunstgeschichte keine Figur, die so sehr alle Facetten der menschlichen Seele widerspiegelt.

Eine kleine Veränderung der Augenstellung, des Schnabels, eine kleine Änderung des Strichs sind genug, und man erkennt: er kocht vor Wut, er ist peinlich berührt, er ist in Panik, oder am Boden zerstört.

An ihm erkennen wir unsere Ängste, unsere Unsicherheiten und Schwächen, unsere Dummheiten und Eitelkeiten, unsere Bosheiten, unseren Neid und unsere Einfalt.  Aber auch jene Starrköpfigkeit, mit der wir nach jeder Niederlage, nach jedem Scheitern und nach jeder Katastrophe wieder aufstehen und neu beginnen.

Das macht ihn zu einem der bedeutendsten Kunstwerke aller Zeiten.

Neben ihm erscheinen die anderen amerikanischen Comic-Helden, wie Superman, Iron Man,  Captain America, und wie sie alle heissen,  als sehr  eindimensionale Gestalten, Destillate männlicher Allmachtsphantasien, aufgeblähte Monster, die sich von Zeit zu Zeit das Hemd aufreissen, in den Himmel zischen und alle physikalischen Gesetze auf den Kopf stellen.

Das Wunder Donald Duck ist vor allem seinem Zeichner Carl Barks zu verdanken: er hat die Schöpfung, die Disney begonnen hat, vollendet, er war gleichsam sein Erlöser - erst durch ihn ist die Ente mensch geworden. Er hat aus einem schrulligen Einzelgänger das Gesamtkunstwerk Entenhausen geschaffen, mit all den eigenartigen Gestalten, die notwendig waren, um diesen wundersamen Kosmos entstehen zu lassen.

Bei Barks ist nichts zufällig. In seinem Universum Entenhausen hat jede Figur ihre Funktion und Donald ist durch diese Mit-und Gegenspieler um ihn herum gewachsen.

Das Kreuz, das Donald zu tragen hat, in seinem täglichen Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens, wird natürlich nicht leichter, wenn man einen Tycoon zum Onkel hat, der täglich zur Erfrischung ein paar Runden in seinem Goldspeicher schwimmt, oder einen Glückspilz zum Vetter hat, der nur in den nächsten hohlen Baum greifen muss, und schon eine Perlenlette in der Hand hat. (Und  ausserdem noch bei seiner Freundin Daisy querbratet).
Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich mit Donald über diese Ungerechtigkeiten bis zur Weissglut zu ärgern.
Aber wir haben uns mit ihm andererseits natürlich jedesmal sofort auf die Seite Onkel Dagoberts geschlagen, wenn diese widerlichen Panzerknacker wieder einmal dran waren, den alten Bankier um seine sauer verdienten 50 Fantastilliarden Taler zu erleichtern.

Das Wunderbare an Barks’ Geschichten ist ihre Vielschichtigkeit. Als ich mit 5 Jahren, mein erstes Micky-Maus Heft öffnete und zum ersten Mal Entenhausner Boden betrat, begann für mich eine fantastische, abenteuerliche Expedition in eine terra incognita.
Obwohl ich den Text in den Sprechblasen noch nicht lesen konnten, waren die Geschichten, die die Bilder erzählten, vollkommen, und auf eine seltsame Weise absolut schlüssig. Später als ich dann lesen konnte, bekamen die gleichen Erzählungen eine ganz andere, nicht minder aufregende, Bedeutung, und als Erwachsener stosse ich immer wieder auf Aspekte und Facetten in diesem Drama, die mir als Kind verschlossen waren.

Als ich Barks Anfang der 80er Jahre in seinem Studio in Oregon besuchte, ging für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung. Ich traf einen  äusserst bescheidenen, humorvollen, alten Herrn.
Ich erzählte ihm, was seine Geschichten für mich und viele andere meiner Generation in Europa bedeutet haben, und dass ich seine Arbeiten, die ich zu den wichtigsten Kunstrwerken des 20. Jahrhunderts zähle, ins Museum bringen wollte. Er freute sich über meinen Enthusiasmus, bezweifelte aber, dass mir das gelingen würde.
Ich habe in den Jahren darauf eine grosse Ausstellung zusammengestellt, in der Skizzen, Feder- Bleistiftzeichnungen, und die Original Comic-Seiten zu sehen war,  die mittlerweile in 11 internationalen Museen gezeigt wurde.
Ich wollte den Leuten zeigen, dass es sich hier um grosse Kunst handelt, die weit über die bunten Comic-Hefte, die auf dem Clo der Wohngemeinschaft herumlagen, hinausgeht.

Die Versuche unzähliger Zeichner nach Barks, die Geschichten Entenhausens weiter zu führen, und neue Figuren in diesen Kosmos einzuführen, scheiterten kläglich. Barksen’s Werk ist vollendet und vollkommen. Es ist so als würde jemand versuchen für Shakespear’s Hamlet eine zusätzliche Person zu erfinden, oder in Rembrandt’s Nachtwache eine weitere Figur hineinmalen zu wollen.

Nur eine Person hat es geschafft, dem Enten-Universum noch eine Dimension hinzuzufügen. Erika Fuchs. Sie ist in ihren Übersetzungen über sich selbst hinausgewachsen, und hat mit ihren eigenwilligen Sprachschöpfungen, dieses Gesamtkunstwerk zu einem neuen Höhepunkt gebracht.

Entenhausen ist eine Idealwelt in der das Leben triumphiert. Hier verliert der Tod seine Endgültigkeit. Donald kann von Strassenwalzen flachgewaltzt, von Kugeln durchsiebt oder von einer Bombe zerfetzt werden, um sich schon kurz darauf, völlig unversehrt, mit schneeweissem Gefieder und ungebrochener Energie, ins nächste Abenteuer zu stürzen.

Ich habe die vollständigen Werke von Carl Barks in vielen Ausgaben in allen meinen Ateliers und Wohnräumen stehen, als Lehr- und Anschauungsmaterial und zur Erbauung, auch für meine Kinder und Enkelkinder, die ich schon sehr früh in die Welt Entenhausens eingeführt habe.

Und, siehe da: Der Zauber ward nie gebrochen.

Dark Hour
mixed media (oil and acrylic on canvas), 2003, 96 x 152 cm / 37 x 59''
L.A. Confidential (Cops II)
mixed media (oil and acrylic on canvas), 2000, 178 x 122 cm / 70 x 48''




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