Unser meist alkoholisierter Nachbar, der des öfteren als Zigeuner bezeichnet wurde, hatte eine Tochter, die Poldi, welche von unirdischer Schönheit war. Sie hatte ein rundes, zimtfarbenes Gesicht, dunkles schweres Haar das zu Zöpfen geflochten war, schwarze Augen, die so tief und tückisch waren wie das Moor, und einen zu verschlingen drohten, und ein süsses Grinsen, welches mein Knabenherz fast um den Verstand brachte. Sie war es, die mich eines Tages im Fliederbusch hinter dem Haus in die hohen Künste des Doktorspielens einweihte, was meine Hochachtung vor ihrer medizinischen Fachkenntnis und meine Liebe zu ihr ins Unermessliche steigerte. Leider war unser kindlich-rustikales Gomorrha nur von kurzer Dauer, da meine Eltern unser Treiben entdeckten, und in Panik ausbrachen. Da ich, ohne es zu wissen, eine Todsünde begangen hatte, wurde ich leider sofort nach Wien geschickt wo ich Seelsorgeunterricht bekam, und nach einer Sondererlaubnis durch den Erzbischof, schon mit 5 Jahren zur Frühkommunion, und damit auch zur Beichte zugelassen wurde, um mein kleines Herz von der Sünde der Unkeuschheit zu befreien.
Gottfried Helnwein - Zwischen Himmel und Hölle page 60 - 64