Am 8. Oktober 1948 wird Gottfried Helnwein als Sohn eines Beamten der
Postdirektion in Wien geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbringt.
Aufgewachsen im Arbeiterbezirk Favoriten im Wien der Nachkriegszeit, prägt ihn
diese Zeit stark. In zahlreichen Interviews schildert Helnwein die eigene Kindheit als
trist und bedrückend. Seine Kindheitserlebnisse sind der Nährboden für seine Bilder.
Als Helnwein fünf Jahre alt ist, bringt ihm sein Vater Mickey Mouse Hefte mit. Das
verändert Helnweins Leben. Obwohl er noch nicht lesen kann, ist er fasziniert, es tut
sich "eine fantastische, abenteuerliche Expedition in eine terra incognita"1 auf. Für
ihn werden die bunten Comics ein Rettungsanker im tristen Wien der Nachkriegszeit,
sie halten der menschlichen Seele einen Spiegel vor, zeigen aber auch, wie
Schwächen und Unsicherheiten, Eitelkeiten und Dummheiten, Bosheit, Ängste und
Neid überwunden werden können. Helnwein selbst sieht seine katholische
Erziehung, die Scheinheiligkeit und die bigotten Moralvorstellungen als Katastrophe,
er lehnt sich gegen das repressive System auf, verlässt die Schule und sucht seine
Antworten in der Kunst. 1965-1969 geht er an die Höhere Graphische Bundes- Lehrund
Versuchsanstalt, doch auch hier ist die Ausbildung traditionell und
konformistisch. Helnwein rebelliert gegen die Einschränkungen und malt ein Hitler-
Porträt. Ein Skandal, der Wellen schlägt, er wechselt an die Akademie der bildenden
Künste Wien, wo er 1969-1973 Malerei in der Meisterklasse von Professor Rudolf
Hausner studiert.
Durch provozierende Selbstverstümmelungsakte Anfang der 70er Jahre, bei denen
Helnwein bandagiert auftritt, äußert er seine Protesthaltung (Abb. 2) gegenüber dem
Establishment. Diese Selbstversuche überträgt er auf die Kinderdarstellungen. Es
entstehen Acryl- und Ölmalereien, Fotografien, sowie Performances. 1969 taucht
erstmals das Motiv des verletzten und misshandelten Kindes auf, 1971/72 das des
bandagierten Kindes, das in seiner Opferrolle Wehrlosigkeit und Ausgeliefertsein
verkörpert.
Das Kind fungiert hier als Stellvertreter und repräsentiert den wehrlosen,
geopferten Menschen. Erste Ausstellungen finden ab 1970 in Wien statt, sie lösen
teilweise heftige Proteste aus, werden zum Teil auch geschlossen, auch kommt es
zu Beschlagnahmungen durch die Polizei. Helnwein lehnt die künstlerische Tradition
der bürgerlichen Gesellschaft ab, setzt auf die Demokratisierung der Kunst durch
Vervielfältigung und gleichsam auf die Kraft der kontraästhetischen Trivialkunst. 1973
erscheint Helnweins erstes Aufsehen erregendes Titelbild zum Thema Selbstmord in
Österreich für das Wiener Polit- und Kulturmagazin Profi. Dies steigert seine
Bekanntheit. Helnwein instrumentalisiert auflagenstarke Illustrierten, um Themen, wie
Folter, Verletzung und physischer Gewalt eine Stimme zu geben. Großstädtische
Plakatwände und die Posterindustrie der Jugendkultur füttert er mit Psychoschocks.
Parallel hierzu erscheinen über die Jahre hinweg eine Reihe einfühlsamer
Fotoportraits, sog. Faces, in denen Helnwein persönliche Einblicke jenseits des
Starkults verschiedenster Berühmtheiten, so Rockstars, wie Mick Jagger und Keith
Richards, Künstler wie Andy Warhol (Abb. 4) und Roy Lichtenstein, Schriftsteller, wie
Charles Bukowski, Politiker, wie Willy Brandt und Filmregisseure, wie Billy Wilder bis
Leni Riefenstahl, liefert. Weiterhin entstehen gemalte Bilder von Idolen der
Konsumkultur, so von Udo Jürgens, Peter Alexander, Hans Krankl, Niki Lauda, Mick
Jagger, Joseph Beuys u.a. Diese weisen kleinste, erst auf den zweiten Blick
erkennbare, ironische Übertreibungen auf, hierin manifestiert sich Helnweins Vorliebe
für Doppeldeutigkeit. Dies ist allerdings nur eine weitere Facette seines Schaffens,
richtig fassbar ist Helnwein in all seiner Vielschichtigkeit nur schwer. Helnweins Werk
ist der Konzeptkunst zuzuordnen, er verwendet neben dem vordergründig
angewandten Hyperrealismus in an Ironie grenzender Übertreibung auch durchaus
Reminiszenzen an die Malerei der Romantik. Helnwein kommuniziert mit dem
Betrachter seiner Bilder, indem er auf Stilmittel, wie den Realismus in Kombination
mit Comic, zurückgreift. Durch neue, unbekannte Gegenüberstellungen kann
Helnwein hier eindringlich und gleichsam subtil Tabuthemen und Katastrophen, wie
Kriege, Vergewaltigung, oder auch den Faschismus, ansprechen, konkretisieren und
thematisieren.
Dabei wird das Bildgeschehen in großen, oft mehrteiligen Bildern
dramatisch inszeniert. Durch zahlreiche Berichte erlangt Helnwein schnell große
Bekanntheit und 1985 hat er seine erste Ausstellung in der renommierten Albertina.
Im gleichen Jahr schlägt ihn sein Professor als seinen Nachfolger für die Leitung der
Meisterklasse für Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien vor, jedoch
findet der Vorschlag im Kollegium keinen Konsens. Ende der 1980er Jahre beginnt
Helnwein installativ zu arbeiten und bezieht den öffentlichen Raum mit in seine
Arbeiten ein. 1985 zieht Helnwein mit seiner Familie nach Deutschland, hier lebt und
arbeitet er bis 1997 auf dem geschichtsträchtigen Schloss Burgbrohl in der Eifel.
Entstanden vorher eher kleinformatige Arbeiten, malt Helnwein nun großformatige
Ölbilder. 1997 geht er mit seiner Familie nach Südirland, lebt und arbeitet seither in
Castle Gurteen de la Poer, einem Anwesen aus dem 19. Jahrhundert. Im Jahr 2002
kommt dauerhaft ein Atelier in Los Angeles hinzu. 2004 erhält Helnwein die irische
Staatsbürgerschaft und lebt und arbeitet seitdem abwechselnd in Irland und in Los
Angeles.