Bibliography
Gottfried-Helnwein
November 4, 2021
.
Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst
Kunsthandel Verlag
Gottfried Helnwein
Manfred Möller
Kunst ist für mich eine Waffe, mit der ich zurückschlagen kann
Gottfried Helnwein zählt zu den bekanntesten, aber auch zu den umstrittensten und bis heute häufig kontrovers diskutierten deutschsprachigen Künstlern unserer Zeit. Seine hyperrealistischen Bilder zeigen oft unschuldige, verwundete, bandagierte Kinder, Opfer von Gewalt und Missbrauch. Sie stehen im Zentrum seines OEuvres und machen Helnwein, ebenso wie seine Selbstportraits, weltbekannt. Er greift gesellschaftliche Tabuthemen auf, seine Bilder handeln von Schmerz, Verletzung und Gewalt, auch vom Nationalsozialismus. Mit ihren inhaltlichen Gegensätzen und ihrer Ambivalenz von Schönheit und Gewalt elektrisieren seine Bilder den Betrachter und werden gleichsam zu eindringlichen Mahnmalen unserer Gesellschaft.


EINLEITUNG
Gottfried Helnwein zählt zu den bekanntesten, aber auch zu den umstrittensten und
bis heute häufig kontrovers diskutierten deutschsprachigen Künstlern unserer Zeit.
Seine hyperrealistischen Bilder zeigen oft unschuldige, verwundete, bandagierte
Kinder, Opfer von Gewalt und Missbrauch. Sie stehen im Zentrum seines OEuvres
und machen Helnwein, ebenso wie seine Selbstportraits, weltbekannt. Er greift
gesellschaftliche Tabuthemen auf, seine Bilder handeln von Schmerz, Verletzung
und Gewalt, auch vom Nationalsozialismus. Mit ihren inhaltlichen Gegensätzen und
ihrer Ambivalenz von Schönheit und Gewalt elektrisieren seine Bilder den Betrachter
und werden gleichsam zu eindringlichen Mahnmalen unserer Gesellschaft.
Helnweins Werk umfasst neben den meist großformatigen Ölbildern auch
Zeichnungen, Fotografien, Plattencover, Performances, sowie Installationen und
Bühnenbilder.

BIOGRAPHIE
Am 8. Oktober 1948 wird Gottfried Helnwein als Sohn eines Beamten der
Postdirektion in Wien geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbringt.
Aufgewachsen im Arbeiterbezirk Favoriten im Wien der Nachkriegszeit, prägt ihn
diese Zeit stark. In zahlreichen Interviews schildert Helnwein die eigene Kindheit als
trist und bedrückend. Seine Kindheitserlebnisse sind der Nährboden für seine Bilder.
Als Helnwein fünf Jahre alt ist, bringt ihm sein Vater Mickey Mouse Hefte mit. Das
verändert Helnweins Leben. Obwohl er noch nicht lesen kann, ist er fasziniert, es tut
sich "eine fantastische, abenteuerliche Expedition in eine terra incognita"1 auf. Für
ihn werden die bunten Comics ein Rettungsanker im tristen Wien der Nachkriegszeit,
sie halten der menschlichen Seele einen Spiegel vor, zeigen aber auch, wie
Schwächen und Unsicherheiten, Eitelkeiten und Dummheiten, Bosheit, Ängste und
Neid überwunden werden können. Helnwein selbst sieht seine katholische
Erziehung, die Scheinheiligkeit und die bigotten Moralvorstellungen als Katastrophe,
er lehnt sich gegen das repressive System auf, verlässt die Schule und sucht seine
Antworten in der Kunst. 1965-1969 geht er an die Höhere Graphische Bundes- Lehrund
Versuchsanstalt, doch auch hier ist die Ausbildung traditionell und
konformistisch. Helnwein rebelliert gegen die Einschränkungen und malt ein Hitler-
Porträt. Ein Skandal, der Wellen schlägt, er wechselt an die Akademie der bildenden
Künste Wien, wo er 1969-1973 Malerei in der Meisterklasse von Professor Rudolf
Hausner studiert.

Durch provozierende Selbstverstümmelungsakte Anfang der 70er Jahre, bei denen
Helnwein bandagiert auftritt, äußert er seine Protesthaltung (Abb. 2) gegenüber dem
Establishment. Diese Selbstversuche überträgt er auf die Kinderdarstellungen. Es
entstehen Acryl- und Ölmalereien, Fotografien, sowie Performances. 1969 taucht
erstmals das Motiv des verletzten und misshandelten Kindes auf, 1971/72 das des
bandagierten Kindes, das in seiner Opferrolle Wehrlosigkeit und Ausgeliefertsein
verkörpert.

Das Kind fungiert hier als Stellvertreter und repräsentiert den wehrlosen,
geopferten Menschen. Erste Ausstellungen finden ab 1970 in Wien statt, sie lösen
teilweise heftige Proteste aus, werden zum Teil auch geschlossen, auch kommt es
zu Beschlagnahmungen durch die Polizei. Helnwein lehnt die künstlerische Tradition
der bürgerlichen Gesellschaft ab, setzt auf die Demokratisierung der Kunst durch
Vervielfältigung und gleichsam auf die Kraft der kontraästhetischen Trivialkunst. 1973
erscheint Helnweins erstes Aufsehen erregendes Titelbild zum Thema Selbstmord in
Österreich für das Wiener Polit- und Kulturmagazin Profi. Dies steigert seine
Bekanntheit. Helnwein instrumentalisiert auflagenstarke Illustrierten, um Themen, wie
Folter, Verletzung und physischer Gewalt eine Stimme zu geben. Großstädtische
Plakatwände und die Posterindustrie der Jugendkultur füttert er mit Psychoschocks.

Parallel hierzu erscheinen über die Jahre hinweg eine Reihe einfühlsamer
Fotoportraits, sog. Faces, in denen Helnwein persönliche Einblicke jenseits des
Starkults verschiedenster Berühmtheiten, so Rockstars, wie Mick Jagger und Keith
Richards, Künstler wie Andy Warhol (Abb. 4) und Roy Lichtenstein, Schriftsteller, wie
Charles Bukowski, Politiker, wie Willy Brandt und Filmregisseure, wie Billy Wilder bis
Leni Riefenstahl, liefert. Weiterhin entstehen gemalte Bilder von Idolen der
Konsumkultur, so von Udo Jürgens, Peter Alexander, Hans Krankl, Niki Lauda, Mick
Jagger, Joseph Beuys u.a. Diese weisen kleinste, erst auf den zweiten Blick
erkennbare, ironische Übertreibungen auf, hierin manifestiert sich Helnweins Vorliebe
für Doppeldeutigkeit. Dies ist allerdings nur eine weitere Facette seines Schaffens,
richtig fassbar ist Helnwein in all seiner Vielschichtigkeit nur schwer. Helnweins Werk
ist der Konzeptkunst zuzuordnen, er verwendet neben dem vordergründig
angewandten Hyperrealismus in an Ironie grenzender Übertreibung auch durchaus
Reminiszenzen an die Malerei der Romantik. Helnwein kommuniziert mit dem
Betrachter seiner Bilder, indem er auf Stilmittel, wie den Realismus in Kombination
mit Comic, zurückgreift. Durch neue, unbekannte Gegenüberstellungen kann
Helnwein hier eindringlich und gleichsam subtil Tabuthemen und Katastrophen, wie
Kriege, Vergewaltigung, oder auch den Faschismus, ansprechen, konkretisieren und
thematisieren.

Dabei wird das Bildgeschehen in großen, oft mehrteiligen Bildern
dramatisch inszeniert. Durch zahlreiche Berichte erlangt Helnwein schnell große
Bekanntheit und 1985 hat er seine erste Ausstellung in der renommierten Albertina.
Im gleichen Jahr schlägt ihn sein Professor als seinen Nachfolger für die Leitung der
Meisterklasse für Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien vor, jedoch
findet der Vorschlag im Kollegium keinen Konsens. Ende der 1980er Jahre beginnt
Helnwein installativ zu arbeiten und bezieht den öffentlichen Raum mit in seine
Arbeiten ein. 1985 zieht Helnwein mit seiner Familie nach Deutschland, hier lebt und
arbeitet er bis 1997 auf dem geschichtsträchtigen Schloss Burgbrohl in der Eifel.

Entstanden vorher eher kleinformatige Arbeiten, malt Helnwein nun großformatige
Ölbilder. 1997 geht er mit seiner Familie nach Südirland, lebt und arbeitet seither in
Castle Gurteen de la Poer, einem Anwesen aus dem 19. Jahrhundert. Im Jahr 2002
kommt dauerhaft ein Atelier in Los Angeles hinzu. 2004 erhält Helnwein die irische
Staatsbürgerschaft und lebt und arbeitet seitdem abwechselnd in Irland und in Los
Angeles.

KINDERDARSTELLUNGEN
Schon für seine Aufnahmeprüfung an die Akademie der Bildenden Künste Wien
1969 entsteht ein Aquarell mit dem Titel Osterwetter (Abb. 1), das ein
blutüberströmtes Kind zeigt. Das Thema des verwundeten, wehrlosen Kindes ist
seitdem in Helnweins OEuvre konstant präsent, fast obsessiv, vertreten und steht im
Zentrum seines Schaffens.

1979 liest Helnwein im Kurier ein Interview mit dem Gerichtsmediziner Heinrich
Gross, der zugibt, während der Zeit des Nationalsozialismus hunderte von Kindern
durch Injektionen getötet zu haben, man habe den Kindern Gift ins Essen gegeben.
Daraufhin veröffentlicht Helnwein in dem Wiener Nachrichtenmagazin Profil ein
Aquarell mit dem Titel Lebensunwertes Leben (Abb. 2). Dies zeigt ein über seinem
Essen tot zusammengebrochenes Kind, begleitet von einem offenen Brief an den
Euthanasiearzt Groß. Nun hat Helnwein sein Thema gefunden: das Kind. Er selbst
nähert sich dem Thema auch über gerichtsmedizinische Fotos von Kinderleichen.
Der Künstler stellt sich empathisch auf die Seite der Schwachen und der Opfer. Er
zeigt Kinder, die durch Blut und Bandagen gezeichnet sind, uns wissend und
prophetisch entgegenblicken, Schmerz, Elend und Albträume vorausahnend. Dabei
handelt es sich um die Auswüchse einer verbrecherischen, manipulativen
Gesellschaft, dieser hält Helnwein, in den 80er Jahren als Schockmaler von Wien
bezeichnet, den Spiegel vor.

In erster Linie sind die Kinder, in einem Alter zwischen Kindheit, Pubertät und
Erwachsenem, in den Bildern Gottfried Helnweins „Katalysatoren seiner
künstlerischen Vorstellungen“ 2, Stellvertreter für den wehrlosen, abhängigen und
ausgelieferten Menschen. Als Modelle fungieren anfangs oft die eigenen Kinder,
später seine Enkelkinder, die Szenen werden im Atelier gestellt und fotografiert. Das
Kind im Bild übernimmt bei Helnwein inhaltlich eine Märtyrerrolle. Bandagen stehen
für unsichtbare Verletzungen, Helnwein inszeniert das Kind als Opfer, zeigt es blind
gegenüber der Realität, in den frühen Arbeiten meist durch Verstümmelungen und
Narben entstellt. Später dann in großformatigen, hyperrealistisch gemalten Bildern in
auratischer, unfassbarer Schönheit. Helnwein reagiert mit seinen Kinderbildnissen
auf zentrale gesellschaftliche Tabuthemen, beispielsweise den Kindesmissbrauch,
neuere Arbeiten befassen sich mit den Themen Krieg und Gewalt. Die Werkgruppen
The Disasters of War (Abb. 5-7), eine seit 2007 bis heute fortgesetzte Werkgruppe
und Murmur of the Innocents (Abb. 8) thematisieren Kinder in Militäruniformen, teils
bewaffnet, teils mit Verbänden und blutenden Wunden. Diese Darstellungen haben
Aktualitätsbezug, sie zeigen, wie Kinder Opfer von Ideologien werden, lassen auch
an Selbstmordattentäter, oder an jugendliche Amokläufer, denken. Helnwein sieht
sich als Hüter des kollektiven Gewissens, seine Kunst ist sein Werkzeug, sich
politischen, gesellschaftlichen und auch historischen Themen zu nähern, die
Öffentlichkeit und die Welt damit zu konfrontieren. Dabei entfernt er sich von der
Idealvorstellung des sorglosen, unschuldigen Kindes und schafft eine gänzlich
andere Bilderwelt: die des physisch und emotional leidenden Kindes. Helnwein
kommuniziert durch seine Bilder: Das Kind fungiert als Metapher, es zeigt die
gesellschaftlichen Verwerfungen auf, das Chaos der emotionslosen Welt. Dem
hyperrealistischen Bild wohnt eine große suggestive Kraft inne, Helnwein schafft eine
Ambivalenz aus Schönheit und Grauen, der Betrachter fühlt sich gleichzeitig
angezogen und abgestoßen.

Die virtuose Ausführung der Bilder, ihre brillante
Maltechnik, die subtile Ausführung und altmeisterliche Lichtführung im Chiaroscuro
steht in krassem Widerspruch zu den Bandagen und dem Blut. Die Bilder erzählen
keine Geschichten, sondern verankern sich im Gedächtnis, sie fordern Antworten ein.
Helnweins Arbeiten wirken wie Portraits, müssen aber verallgemeinernd gesehen
werden. In ihrer drastischen Darstellung übersteigern sie das Vorstellbare: Es gibt
Andeutungen, keine Gewissheiten, Spannung und Geheimnisse, aber auch Gewalt
stimulieren die Vorstellungskraft des Betrachters. Helnweins Kunst hat eine visionäre
Kraft, sie scheint der Wirklichkeit vorauszueilen, so malt Helnwein bereits in den 70
er Jahren ein Mädchen mit Maschinenpistole. Aufsehenerregende und provozierende
Aktionen, z. B. die Installation The Last Child 2008 in der City of Waterford in Irland,
oder 2018 I Saw This, ein riesiger, 4000 qm großer Digitalprint am Ringturm in Wien
(Abb.9), in prominenter Lage am Donaukanal, das ein Mädchen mit Maschinenpistole
und auf der Rückseite eine brennende Stadt zeigt, belegen die Eindringlichkeit seiner
konzeptuellen Arbeiten.

SELBSTPORTRAITS
Bereits während seines Studiums gibt es aktionistische, happeningartige
Selbstdarstellungen mit Verletzungen und Bandagierungen des eigenen Körpers.
Erste Selbstbildnisse entstehen im Jahr 1972 und sind eines der zentralen Themen
in Helnweins Werk. Hierbei handelt es sich um nonverbale Botschaften, die aus einer
inneren Notwendigkeit heraus entstehen. Helnwein übt in den Selbstbildnissen
massiv Gesellschaftskritik und verweist gleichzeitig auf das Ausgeliefertsein. Er lehnt
sich gegen etablierte Strukturen auf, es sind Anklagen an eine apathische und
gleichgültige Gesellschaft. Die methaphorischen Selbstportraits mit verbundenem
Kopf, den von Wundklammern gehaltenen Augen und dem aufgerissenen,
schreienden Mund stehen in der spätmittelalterlichen Tradition des
Schmerzensmannes. Auch gibt es thematische Bezüge zur österreichischen Kunst,
beispielsweise Egon Schliele, Arnulf Rainer und Hermann Nitsch, deren Werk
Verletzungen, Schmerz und Tod am eigenen Körper, beinhaltet. Helnweins Bilder
fungieren als Mahnmale, sind Projektionsflächen des Weltgeschehens, ohne sich
direkt auf den Künstler selbst zu beziehen: Die Selbstbildnisse stehen für den
leidenden, verletzten, unterworfenen, gefolterten Menschen, dem nur noch der
verzweifelte Aufschrei bleibt. Hier nimmt der Künstler eine Doppelrolle ein, er ist
gleichzeitig Opfer und Täter.
1982 erscheint als Titel des Zeit Magazins Nr. 11 ein Selbstportrait Helnweins (Abb.
10) mit der Coverstory Der Schocker von Wien. Hier schreibt der Autor Peter Sager:
"Warum malt einer so, warum malträtiert er sich so in seinem Selbstportrait: den Kopf
bandagiert, Wundhaken in die Augen gebohrt, den Mund weit aufgerissen zu einem
wahnsinnigen Schrei. Ein Schrei des Schmerzes und des Schocks, der Angst, des
Entsetzens, der Aufschrei eines Gequälten und Geblendeten. Es ist ein Echo jener
Schreie überall auf der Welt, die weit schrecklicher sind als dieser, der Schrei der
Kunst." Im gleichen Jahr erscheint das Selbstbildnis auch als Cover der Scorpions
LP Blackout (Abb. 11), beides trägt entscheidend dazu bei, dass Helnwein auch
international bekannt wird. Heute sind seine Selbstportraits, Aufschrei und gleichsam
Anklage an die Gesellschaft, Ikonen des 20. Jahrhunderts.

NATIONALSOZIALISMUS
Eines der Hauptwerke und Schlüsselbilder Gottfried Helnweins zum Thema
Nationalsozialismus ist das Bild Epiphany I (Abb. 12), das er in verschiedenen
Varianten gemalt hat. Es orientiert sich stark an der christlichen Ikonographie und
damit an den traditionellen Bildern der Geburt Christi. Hier bedient sich Helnwein der
religiösen Ikonographie, um geschichtliche Traumata aufzuzeigen, anzuklagen mit
der Intention, aus der Geschichte zu lernen. Statt der Drei Weisen aus dem
Morgenland jedoch, die die Maria und das Jesusind flankieren, stehen hier fünf
hochrangige SS-Offiziere in Uniform. Die Madonna entspricht ganz dem blonden
Idealbild der Nationalsozialisten. Wir haben es hier mit einem ästhetisch überhöhten,
inszenierten und überspitzten, sich an der Spätromantik orientierenden Andachtsbild
zu tun, auf Archivfotos basierend und entsprechend verändert: Auf dem Originalfoto
stehen die Offiziere um Hitler, nun nimmt Maria mit dem Jesuskind diesen Platz ein.
Man bewegt sich einerseits in einem Spannungsfeld von Faszination und Haß, aber
hier geht es auch um Pietät und Respektlosigkeit. Es ist eine Paraphrase auf den
Faschismus, ein Memento mori, das aufrütteln soll und aufzeigt: nichts ist, wie es
scheint. Schönheit und Schrecken liegen dicht beieinander, das Heiligenbild erfährt
eine Bedeutungsinversion und mutiert zur Karikatur. Helnwein schafft in dem Bild das
schier Undenkbare: er vollzieht eine Gratwanderung zwischen geschichtlicher
Aufarbeitung eines traumatischen Themas mit ästhetisierenden Darstellungen. Der
Künstler manipuliert durch die außergewöhnliche Eindringlichkeit den Betrachter
dahingehend, dass er sich mit dem Bildinhalt eingehend auseinandersetzt. Auch
heute noch provoziert das Bild, ruft beim Betrachter Gefühle, wie Erschrecken,
Erschütterung, aber auch Unverständnis hervor. Eine weitere wichtige und
bemerkenswerte Arbeit zum Thema Nationalsozialismus ist die zum 50. Jahrestag
der Reichskristallnacht 1988 in Köln gezeigte Installation Selektion (Neunter
November Nacht) (Abb. 13). Hier reihten sich zwischen Hauptbahnhof und Museum
Ludwig in einer 100 m langen Wand überlebensgroße Kinderfotos. An dieser
prominenten Stelle in Köln täglich von tausenden Menschen gesehen, wurden
bereits am zweiten Tag der Ausstellung einzelne Fotografien durch Schnitte an der
Kehle beschädigt.

EINORDNUNG IN DIE KUNSTGESCHICHTE
In Helnweins Werk finden sich direkte Bezüge zur europäischen Kunstgeschichte,
Themen, wie die Anbetung, entstammen der Rennaissance, seine Lichtführung,
Dramaturgie und das Thema Gewalt, sind dem Barock entlehnt. Mythisch religiös
aufgeladene Bildinhalte, die in geschichtliche Zusammenhänge gestellt werden und
vor allem auch die Darstellung von Kindern, stehen in der Tradition der Romantik,
auch wenn sich deren Darstellung bei Helnwein radikal von der klischeebehafteten,
romantischen Kinderdarstellung entfernt. Der Moralist und Weltverbesserer Helnwein
setzt bewusst auf die suggestive Wirkung seiner Bilder, deren drastische Bildsprache
sich in die Erinnerung eingräbt und in den Köpfen hängenbleibt. Eindringlich öffnet er
uns die Augen: Helnwein inszeniert seine Bilder, sie wirken wie Filmstills und so
manipuliert er auch den Betrachter. Seit 1997 beschäftigt er sich zunehmend mit
Gewalt und Krieg, spielt mit der Technik, die fotorealistisch gemalten Bilder wirken
wie Fotografie. Malerei erhält so eine dokumentarische, die Wirklichkeit
übersteigernde, Qualität. Die sublime Schönheit der Kinder steht in starkem Kontrast
zum Bildinhalt. Die offene Werkgruppe Disasters of War orientiet sich an Goyas 83-
teiligen Zyklus Desastres de la Guerra, entstanden 1811/12. Helnwein schätzt Goya,
besitzt sogar selbst Radierungen von ihm. Ebenso finden sich Anklänge an die
Schwarze Romantik, beispielsweise Johann Heinrich Füssli. Aber auch die Romantik
ist als Quelle auszumachen, so das Triptychon Das stille Leuchten der Avantgarde
(Abb. 14) aus dem Jahr 1986, dessen Mittelteil sich an Caspar David Friedrichs Bild
Gescheiterte Hoffnung, ein Synonym für Freiheit und Hoffnung, orientiert. Die
flankierenden Selbstportraits, blutüberströmt und bandagiert, verweisen auf die
eigene Position in der widersprüchlichen Geschichte der Kunst. Anlehnungen sind
bei Helnwein nie eklektizistisch, sondern höchst eigenständig. Er bedient sich ihrer
ikonographischen Symbolkraft und definiert sie in neuem, zeitgenössischen Kontext.
Helnweins Themen verweisen auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft, Krieg,
Gewalt, Grausamkeit und Unterdrückung. Seinen Bildern gehen Fotosessions
vorraus, aber er malt keine Fotografien ab, sie dienen ihm lediglich als
Ausgangspunkt. Durch die fotorealistische Malerei erhalten seine Bilder eine
veritable Bildaussage, wirken dokumentarisch, der Realismus steigert ihre
Glaubwürdigkeit, auch wenn Helnwein mitunter den Fotorealismus mit der Collage
kombiniert, wie beispielsweise im Bild The Man Who Laughs (Abb. 15), wo Hitler mit
Mickey Mouse vor den Trümmern einer Stadt erscheint, oder Disasters of War 19
(Abb. 6), das ein Manga Mädchen im Irak Krieg zeigt und eine surreale, absurde und
auch groteske Komponente beinhaltet. Beeinflusst von der Konzeptkunst, aber auch
von der Pop Art, treffen in seinen Bildern oftmals Figuren aus unterschiedlichsten
Welten aufeinander, die zu einem disruptiven Bilderkosmos verschmelzen. In Los
Angeles entsteht ab der Jahrtausendwende die Werkgruppe der großformatigen
American Paintings (Abb. 16). Diese sind durchdrungen von monumentalem
Filmpathos. Der Übergang zwischen Realität und Fiktion ist in diesen Bildern diffus.
Helnwein hält in seinen Bildern der Gesellschaft einen Spiegel vor. Durch ihre Drastik
bei gleichzeitiger Überästhetisierung und der Kombination des Unmöglichen brennen
sich diese Bider geradezu in unser Gedächtnis ein und widersetzen sich dem
Vergessen. Helnwein inszeniert seine Bilder, sie sind theatralisch ausgeleuchtet,
monumental und von Pathos beseelt. Inhaltliche Kontraste zwischen überirdischer
Schönheit und blutigen, bandagierten Verletzungen, oder Waffenattribute, wirken
verstörend, aufwühlend, aber auch anziehend. Helnwein bewegt sich auf dem
schmalen Grad zwischen Klischee und Tabubruch, er involviert den Betrachter und
fordert dessen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit vehement ein..

RESUMÉE
Bis heute polarisiert Gottfried Helnweins Kunst. Anfang der 70 er Jahre sucht er die
Massenmedien, um mit seinem Publikum in einen Dialog zu treten. Aus dieser Zeit
stammen auch die zahlreichen Medienkooperationen. Seine Arbeiten finden sich u.a.
auf den Titeln der Zeitschriften Der Spiegel, Stern, Time Magazine, L’Espresso,
Rolling Stone und dem Zeit Magazin und erfreuen sich großer medialer
Aufmerksamkeit. Dank seiner drastischen Bildsprache erreicht Helnwein ein breites
Publikum. Der Künstler, der um die Distanz zum einzelnen Bild zu wahren, an bis zu
20 Bildern gleichzeitig arbeitet (Abb. 17), ist ein Meister der Vielschichtigkeit und
Vieldeutigkeit. Kompromisslose Bildaussagen definieren seine hyperrealistisch
ausgeführten Bilder, die mit feinsten Pinselstrichen ausgeführt sind. Der Betrachter
ist von der Ambivalenz der Bilder fasziniert, sie stoßen aber bisweilen immer noch
auf Unverständnis und sogar Ablehnung. Durch das Stilmittel der Übersteigerung und
Kontrastierung kann Helnwein drastische Inhalte vermitteln. Extreme Emotionen, wie
Faszination und Schmerz, Verführung und Lüge, brennen sich in das Gedächtnis des
Betrachters ein. In Helnweins Kunst sind unterschiedliche Einflüsse auszumachen,
so beispielsweise die von Francisco Goya, Caspar David Friedrich, aber auch Mickey
Mouse. Die Comicfiguren, die bis heute in Helnweins Kunst anzutreffen sind,
verweisen meist auf die kindliche Phantasiewelt als Rückzugsort und haben eine
befreiende Funktion: "Walt Disney ist zweifellos das große Genie des 20.
Jahrhunderts, ein reinkarnierter Leonardo da Vinci, der größer und reifer
wiedergekommen war, um das gewaltigste Gesamtkunstwerk aller Zeiten zu
errichten."3 Weltweite Ausstellungen und seine Präsenz in großen öffentlichen
Sammlungen, wie der Albertina in Wien, dem Museum of Modern Art in Los Angeles,
dem Deutschen Historischen Museum, Berlin, dem State Russian Museum in St.
Petersburg u.v.a., sowie in namhaften Privatsammlungen, wie z.B. der von Arnold
Schwarzenegger, Billy Wilder, Benedikt Taschen, Sean Penn, Nikolas Cage, Ben
Kingsley, machen ihn zu einem der bekanntesten zeitgenössischen Künstler (Abb.
18). Helnwein selbst interpretiert seine Bilder nicht, möchte verhindern, dass die
Bilder hierdurch an Kraft verlieren, denn er intendiert die ungebrochene Empfindung
und Ergriffenheit des Betrachters.



Manfred Möller



Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst

Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst ist ein periodisch erscheinendes Lexikon, das Künstler der Gegenwart vorstellt. Es wurde herausgegeben von Detlef Bluemler und Lothar Romain. Seit Romains Tod ist Bluemler alleiniger Herausgeber.
Geschichte
Seit Februar 1988 erscheint es in einem Rhythmus von drei Monaten und umfasst je Ausgabe die Arbeit von jeweils sieben Künstlern. Jedes Heft umfasst 16 Seiten über die Arbeit der Künstler und umfasst jeweils zwei Druckseiten persönlicher Äußerungen der Betreffenden. Ebenfalls gibt es je ein Künstlerporträt sowie drei Doppelseiten Abbildungen. Die Redaktion liegt bei Hans-Joachim Müller.



ABBILDUNGEN:
Abb. 1: Osterwetter, Aquarell und Bleistift, 60 x 88 cm, 1969
Abb. 2: Performance 70er Jahre: z.B. Aktion Sorgenkind, Fotografie, 1972 oder
Allzeit bereit, Fotografie 1976
Abb. 3: Lebensunwertes Leben, Aquarell, 72 x 72 cm, 1979
Abb. 4: Fotografie aus der Serie Faces: Andy Warhol, 1983
Abb. 5: Disasters of War 7, 2 Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 199 x 281
cm, 2007
Abb. 6: Disasters of War 19, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 152 x 162
cm, 2007
Abb. 7: Disasters of War 47, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 150 x 122
cm, 2015
Abb. 8: Murmor of the Innocents 5, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 190 x
320 cm, 2009
Abb. 9: I Saw This, Digitalprint auf Vinyl, Installation Wien 2018
Abb. 10: Selbstportrait, 1982 Titel Zeit Magazin
Abb. 11: Cover der Scorpions LP Blackout
Abb. 12: Epiphany I (Anbetung der Könige 3), 244 x 250 cm, Mischtechnik (Öl und
Acryl) auf Leinwand, 2013
Abb. 13: Selektion (Neunter November Nacht), Installation Köln, 1989
Abb. 14: Das stille Leuchten der Avantgarde, Fotografie, 400 x 120 cm, 1986
3 Gottfried Helnwein, Erinnerungen an Entenhausen
Abb. 15: The Man Who Laughs, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 139 x 195
cm, 2014
Abb. 16: Dark Hour, Mischtechnik (Öl und Acryl) auf Leinwand, 96,5 x 152,5 cm,
2003
Abb. 17: Blick in Gottfried Helnweins Studio, z.B. Studio Downtown, LA, 2014
Abb. 18: Ausstellungsansicht, z.B. Venedig mit Helnwein

ANHANG: AKTIONEN, EINZEL- UND GRUPPENAUSSTELLUNGEN, WERKE IN
ÖFFENTLICHEN MUSEEN UND SAMMLUNGEN




back to the top