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Helnwein-ATEMLOS
July 12, 2024
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Kammerhof Museum Gmunden
Helnwein - ATEMLOS
Solo Show
Salzkammergut Festwochen 2024








IM BILDE DER ZEIT
Noten zum Werk von Gottfried Helnwein

Carl Aigner


Die Kunst und nichts als die Kunst!
Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens …
das große Stimulans des Lebens.
Friedrich Nietzsche, 1888

Kein anderer österreichischer Künstler nach 1945 beschäftigt sich über Jahrzehnte derart intensiv, eindringlich und nachdrücklich mit dem Thema Kindheit, Kinder, Krieg, Gewalt und Zerstörung wie Gottfried Helnwein. Dies ist keine Willkürlichkeit, sondern eine autobiographische „Episteme“. 1948 in Wien geboren, wuchs er in einer Zeit und Stadt auf, die bis in die 1970er Jahre noch zutiefst von den politischen Ereignissen der Zwischenkriegszeit und insbesondere des Nationalsozialismus geprägt war. Weit über Befindlichkeitsbeschreibungen dieser Zeit wie triste, verstaubt oder deprimieren hinaus war Gewalt eine alltägliche Erscheinungsform, insbesondere was Kinder betraf – und dies alles auch als Nachwehen jahrelanger brutalster Gewaltherrschaft in Österreich und Deutschland.1 Physische Gewalt erkannte er rasch als augenfällige Oberfläche, hinter der sich die latenten und jahrelangen psychischen und mentalen Folgen und Traumata der Verletzungen und Verwundungen verbergen.

Schon Mitte der 1960er Jahre begannen erste Aktionen zum Thema Gewalt in Form von Selbstverletzungen mit Rasierklingen oder Schikanten sowie erste Bandagierungshandlungen wie bei seinem berühmtem Selbstportrait „Der Schrei“ von 1981, die er Jahre später etwa in der Serie „The Murmur of the Innoncents“ weiterführte. Das gilt auch für die Einbeziehung von Blut als Symbol und Farbe u.a.  im Werk „The Disasters of War“. Die Arbeitsweise von Helnwein wird dabei zumeist und über Jahren durch Zyklen und Serien, weniger durch Einzelbilder bestimmt, auch wenn einzelne Werke zu Ikonen seines Oeuvres wurden.

Wiewohl er mit verschiedenen Bildtechniken wie Aquarell, Misch- und Drucktechnik arbeitet, sind die Photographie und die Malerei in Öl und Acryl seine „Königsdisziplinen“, deren Kenntnis er an der legendären „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ sowie an der Akademie der Bildenden Künste in Wien erwarb. Kennzeichnend seiner medienbasierten Arbeiten ist die Verschränkung des Photographischen und der Malerei in Spannungsfeld von Realem als Wirklichkeit und Fiktion als künstlerisch-ästhetische Bildsetzung. Auf den ersten Blick verschwimmen oft beide Bildmöglichkeiten, changieren zwischen Konkretem und Abstrakten, vor allem durch die augenfälligen Farbgebungen. Dadurch kommt es zu einer Intensivierung und Dynamisierung der Bildwahrnehmung.

Augenfällig sind auch seine beeindruckenden Großformate, sei es als Malerei, Photographie oder wie sie jüngst in Gmunden zu sehen waren, als gedruckte Blow Ups. In dieser Form sind sie auch auch ein energisches Statement gegen die überdimensionierte Bildunkultur wie sie vor allem von der Werbeindustrie praktiziert wird. Generell spielt in seinen Werkpräsentationen der öffentliche Raum eine wichtige Rolle und ist Teil seines konzeptuellen Bildverständnisses.

 Eine virulente und eigen-willige Rolle in seinem Oeuvre spielt das „Genre“ des Portraits. Von der klassischen Schwarz-Weiß-Photographie bis hin zur hyperrealistischen Malerei, vom erweiterten Bildbegriff bis zu installativen Bildgestaltungen reichen bei diesem Thema die formalen Bildfindungen, was auch eindrucksvoll in der Ausstellung zur Geltung kommt.  Waren es in den 1980er und 1990er Jahren großformatige photographische Nahportraits mit grandioser Lichtgebung vor allem künstlerischer Persönlichkeiten2, welche das photographische Portrait neu definierten, führte die Verschränkung mit Malerei zu komplexeren Bilderzählungen, auch durch die Einbeziehung von diversen Objekten und Gegenständen etwa aus der trivialen Bildkultur wie z.B. Comics. Es ist ihr unheimlich-bedrohlicher Ausdruck (und sei es nur das „Portrait“ einer Pistole), der Gewalttätigkeit imaginiert.

Jedes Bild kommt von einem anderen Bild, meinte Roy Lichtenstein einmal. Für die Werke von Gottfried Helnwein ist dies besonders signifikant und zeigt sich in seinem jüngsten Werk „Auferstehung“, das als letzter Teil einer Bildtrilogie als Fastentuch für den Stephansdom in Wien 2024 hätte gezeigt werden sollen, aber durch die dortige Kirchenleitung bereits nach dem ersten Teil (eine großformatige Reproduktion vom Turiner Leichentuch, auf dem Kopf stehend präsentiert, führte zu heftigen, ja wüsten Protesten zunächst einiger Weniger) untersagt wurde. Umso wichtiger, dass es nun in der Bürgerspitalkirche in Gmunden zu sehen ist. Die 5 x 10 Meter große Photographie thematisiert die Auferstehung Jesus als Kind. In jahrelangen Recherchen zu dieser christlich-katholischen Ikonographie, die bis ins späte Mittelalter zurückreicht, wo Jesus als Kind die Auferstehung verkörpert, werden alle ihre Insignien aufgegriffen, die Wundmale und der Lendenschurz ebenso, der Gestus ihres Herzeigens, die Untersicht mit dem entschwebenden Körper, der erlöste Gesichtsausdruck und der erhabene Gesamteindruck als Symbol eines Neubeginns. Es ist wohl das berührendste Werk der Ausstellung, das Ikonische einer Sehnsucht und Hoffnung auf Ewigkeit, auch wenn, oder gerade weil es brutale Verletzungen und Wunden zeigt.

„Ich will mit meiner Arbeit Bereiche ansprechen, über die die Gesellschaft so gerne hinweggeht. Ich will Dinge sichtbar machen, die die Menschen lieber verdrängen und unsichtbar lassen würden. Ich will sie dazu verführen, diese Dinge anzusehen, formuliert der Künstler seine Motivation beziehungsweise sein Anliegen.3 Dass er dabei in vielfältiger Weise, etwa im subtilen Rezipieren von Trivialkultur wie Donald Duck oder Micky Mouse (wem ist schon präsent, dass Hitler ein Fan dieser Walt Disney-Figur war?), der japanischen Manga-Bildkultur oder Filmen und ihren oft latenten Gewaltimplikationen nachspürt, verweist auf ein weitreichendes Wahrnehmen von Gewaltlatenz.

Es sind die Themen seiner Werke, mit der Gottfried Helnwein seit Jahrzehnten immer wieder und jüngst in Gmunden sowie in Wien im Stephansdom heftige Reaktionen und Ablehnungen hervorruft, eben provoziert (etwa durch die Verwendung von NS-Symbolen, Gewaltformen, Todesbilder oder sich küssende Frauen); aber Kunst darf Alles innerhalb einer Kunstäußerung! Dabei spielt seine besondere Darstellungsästhetik von „schrecklich-schön“ eine virulente Rolle. „Helnweins Bilder sind aggressiv und erhaben zugleich. Sie sind abstoßend und von einer verführerischen Schönheit“, schreibt Klaus Albrecht Schröder.4 Bilder verfügen durch ihre Ästhetik über ein besonderes Vermögen, die Welt zu berühren, wahrzunehmen und sie auch anzuklagen, über das Elias Canetti so eindringlich in seinen Memoiren nach einem Besuch in Kunsthistorischen Museum in Wien schreibt: „Den ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, dass es einen besseren Weg gibt.“5 Die Bilder von Gottfried Helnwein erzählen und zeigen uns diesen Weg!


1 Eine der berührendsten und gleichzeitig erschreckendsten Auseinandersetzung mit Faschismus und Nationalsozialismus über die „Reichskristallnacht“ war die komplexe 100 Meter lange Kinderportrait-Installation „Neunter November Nacht“ vor dem Museum Ludwig und dem Kölner Dom 1991
2 Gottfried Helnwein: Faces, Edition Stemmle, Schaffhausen 1992
3 Das Zitat wurde der Publikation Gottfried Helnwein, hg. von Elsy Lahner und Klaus Albrecht Schröder, Hirmer Verlag München 2023, S. 96, entnommen, die anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschien
4 op.cit., Gottfried Helnwein, S. 7
5 Elias Canetti: Die Fackel im Ohr, Hanser Verlag München Wien, 1980







Eine Ausstellung der Salzkammergut Festwochen Gmunden

Den Salzkammergut Festwochen Gmunden ist es gelungen, den international renommierten Künstler Gottfried Helnwein für eine persönlich kuratierte Werkschau im K-Hof Kammerhof Museum und der Bürgerspitalkirche Gmunden zu gewinnnen.

Gottfried Helnwein, geboren 1948 in Wien, ist für Bilder bekannt, die sich mit Themen wie Gewalt, Schmerz und sozialer Ungerechtigkeit auseinandersetzen. Seine Werke, die Malerei, Fotografie und Installationen umfassen, gehen unter die Haut und bleiben lange im Gedächtnis. Helnwein gelingt es, mit seinen hyperrealistischen Darstellungen eine tiefgehende emotionale Wirkung zu erzielen und Betrachter/innen in seinen Bann zu ziehen.
Die Ausstellung "Atemlos" greift diese Charakteristika seiner Kunst auf und versammelt Arbeiten, die die große Bandbreite von Helnweins Schaffen widerspiegeln. Vom ikonischen Bild des verletzten Kindes bis hin zu großformatigen Porträts, die einen erschütternden Blick auf die menschliche Seele werfen, zeigt "Atemlos" die ungeschönte Realität unserer Welt.

Innocence betrayed - Verratene Unschuld
Als zentrales Motiv dient Helnwein die Figur des verletzbaren und wehrlosen Kindes, das stellvertretend alle psychologischen und gesellschaftlichen Ängste verkörpert. Gewalt an den schwächsten Menschen wird zum Symbol der Unterdrückung und Bedrohung, der Grausamkeit wie des Zynismus, dabei fokussiert Helnwein auf den ideologischen und physischen Missbrauch von Kindern. Ein weiteres zentrales Thema der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit historischen und politischen Ereignissen. Helnwein greift Themen wie den Holocaust, Kriege und politische Unterdrückung auf und setzt sie in erschütternde Bildkompositionen um. Diese Werke sind nicht nur künstlerisch beeindruckend, sondern auch ein kraftvolles Statement gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit.

Durch die Verbindung des Schreckens und der Gewalt mit jenen nicht minder bezwingenden Bildern der Schönheit, der Stille und Ruhe entsteht eine einzigartige, eindringliche Wirkung, die sich tief in die Seele der Betrachter/innen einbrennt. Häufiges Oszillieren zwischen blasphemischen Motiven, ja zwischen Tabubruch und Klischee, verunsichern. Das Gute und das Böse sind hier nicht sauber getrennt, die Blicke, die uns diese unschuldigen Wesen zuwerfen, ziehen an und stoßen gleichzeitig ab. Helnwein scheint ein Sensorium für jenen faszinierenden Schrecken des ganz und gar Unerträglichen zu haben, von dem man dennoch seine Augen nicht lassen kann.

Ausstellungsdauer: 13. Juni bis 28. Juli 2024
Ausstellungseröffnung: 13. Juni 2024, 19:00 Uhr
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10:00 - 15:00 Uhr




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