IM BILDE DER ZEIT
Noten zum Werk von Gottfried Helnwein
Carl Aigner
Die Kunst und nichts als die Kunst!
Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens …
das große Stimulans des Lebens.
Friedrich Nietzsche, 1888
Kein
anderer österreichischer Künstler nach 1945 beschäftigt sich über
Jahrzehnte derart intensiv, eindringlich und nachdrücklich mit dem Thema
Kindheit, Kinder, Krieg, Gewalt und Zerstörung wie Gottfried Helnwein.
Dies ist keine Willkürlichkeit, sondern eine autobiographische
„Episteme“. 1948 in Wien geboren, wuchs er in einer Zeit und Stadt auf,
die bis in die 1970er Jahre noch zutiefst von den politischen
Ereignissen der Zwischenkriegszeit und insbesondere des
Nationalsozialismus geprägt war. Weit über Befindlichkeitsbeschreibungen
dieser Zeit wie triste, verstaubt oder deprimieren hinaus war Gewalt
eine alltägliche Erscheinungsform, insbesondere was Kinder betraf – und
dies alles auch als Nachwehen jahrelanger brutalster Gewaltherrschaft in
Österreich und Deutschland.1 Physische Gewalt erkannte er rasch als
augenfällige Oberfläche, hinter der sich die latenten und jahrelangen
psychischen und mentalen Folgen und Traumata der Verletzungen und
Verwundungen verbergen.
Schon Mitte der 1960er Jahre begannen
erste Aktionen zum Thema Gewalt in Form von Selbstverletzungen mit
Rasierklingen oder Schikanten sowie erste Bandagierungshandlungen wie
bei seinem berühmtem Selbstportrait „Der Schrei“ von 1981, die er Jahre
später etwa in der Serie „The Murmur of the Innoncents“ weiterführte.
Das gilt auch für die Einbeziehung von Blut als Symbol und Farbe u.a.
im Werk „The Disasters of War“. Die Arbeitsweise von Helnwein wird dabei
zumeist und über Jahren durch Zyklen und Serien, weniger durch
Einzelbilder bestimmt, auch wenn einzelne Werke zu Ikonen seines Oeuvres
wurden.
Wiewohl er mit verschiedenen Bildtechniken wie Aquarell,
Misch- und Drucktechnik arbeitet, sind die Photographie und die Malerei
in Öl und Acryl seine „Königsdisziplinen“, deren Kenntnis er an der
legendären „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ sowie an der Akademie
der Bildenden Künste in Wien erwarb. Kennzeichnend seiner
medienbasierten Arbeiten ist die Verschränkung des Photographischen und
der Malerei in Spannungsfeld von Realem als Wirklichkeit und Fiktion als
künstlerisch-ästhetische Bildsetzung. Auf den ersten Blick verschwimmen
oft beide Bildmöglichkeiten, changieren zwischen Konkretem und
Abstrakten, vor allem durch die augenfälligen Farbgebungen. Dadurch
kommt es zu einer Intensivierung und Dynamisierung der Bildwahrnehmung.
Augenfällig
sind auch seine beeindruckenden Großformate, sei es als Malerei,
Photographie oder wie sie jüngst in Gmunden zu sehen waren, als
gedruckte Blow Ups. In dieser Form sind sie auch auch ein energisches
Statement gegen die überdimensionierte Bildunkultur wie sie vor allem
von der Werbeindustrie praktiziert wird. Generell spielt in seinen
Werkpräsentationen der öffentliche Raum eine wichtige Rolle und ist Teil
seines konzeptuellen Bildverständnisses.
Eine virulente und
eigen-willige Rolle in seinem Oeuvre spielt das „Genre“ des Portraits.
Von der klassischen Schwarz-Weiß-Photographie bis hin zur
hyperrealistischen Malerei, vom erweiterten Bildbegriff bis zu
installativen Bildgestaltungen reichen bei diesem Thema die formalen
Bildfindungen, was auch eindrucksvoll in der Ausstellung zur Geltung
kommt. Waren es in den 1980er und 1990er Jahren großformatige
photographische Nahportraits mit grandioser Lichtgebung vor allem
künstlerischer Persönlichkeiten2, welche das photographische Portrait
neu definierten, führte die Verschränkung mit Malerei zu komplexeren
Bilderzählungen, auch durch die Einbeziehung von diversen Objekten und
Gegenständen etwa aus der trivialen Bildkultur wie z.B. Comics. Es ist
ihr unheimlich-bedrohlicher Ausdruck (und sei es nur das „Portrait“
einer Pistole), der Gewalttätigkeit imaginiert.
Jedes Bild kommt
von einem anderen Bild, meinte Roy Lichtenstein einmal. Für die Werke
von Gottfried Helnwein ist dies besonders signifikant und zeigt sich in
seinem jüngsten Werk „Auferstehung“, das als letzter Teil einer
Bildtrilogie als Fastentuch für den Stephansdom in Wien 2024 hätte
gezeigt werden sollen, aber durch die dortige Kirchenleitung bereits
nach dem ersten Teil (eine großformatige Reproduktion vom Turiner
Leichentuch, auf dem Kopf stehend präsentiert, führte zu heftigen, ja
wüsten Protesten zunächst einiger Weniger) untersagt wurde. Umso
wichtiger, dass es nun in der Bürgerspitalkirche in Gmunden zu sehen
ist. Die 5 x 10 Meter große Photographie thematisiert die Auferstehung
Jesus als Kind. In jahrelangen Recherchen zu dieser
christlich-katholischen Ikonographie, die bis ins späte Mittelalter
zurückreicht, wo Jesus als Kind die Auferstehung verkörpert, werden alle
ihre Insignien aufgegriffen, die Wundmale und der Lendenschurz ebenso,
der Gestus ihres Herzeigens, die Untersicht mit dem entschwebenden
Körper, der erlöste Gesichtsausdruck und der erhabene Gesamteindruck als
Symbol eines Neubeginns. Es ist wohl das berührendste Werk der
Ausstellung, das Ikonische einer Sehnsucht und Hoffnung auf Ewigkeit,
auch wenn, oder gerade weil es brutale Verletzungen und Wunden zeigt.
„Ich
will mit meiner Arbeit Bereiche ansprechen, über die die Gesellschaft
so gerne hinweggeht. Ich will Dinge sichtbar machen, die die Menschen
lieber verdrängen und unsichtbar lassen würden. Ich will sie dazu
verführen, diese Dinge anzusehen, formuliert der Künstler seine
Motivation beziehungsweise sein Anliegen.3 Dass er dabei in vielfältiger
Weise, etwa im subtilen Rezipieren von Trivialkultur wie Donald Duck
oder Micky Mouse (wem ist schon präsent, dass Hitler ein Fan dieser Walt
Disney-Figur war?), der japanischen Manga-Bildkultur oder Filmen und
ihren oft latenten Gewaltimplikationen nachspürt, verweist auf ein
weitreichendes Wahrnehmen von Gewaltlatenz.
Es sind die Themen
seiner Werke, mit der Gottfried Helnwein seit Jahrzehnten immer wieder
und jüngst in Gmunden sowie in Wien im Stephansdom heftige Reaktionen
und Ablehnungen hervorruft, eben provoziert (etwa durch die Verwendung
von NS-Symbolen, Gewaltformen, Todesbilder oder sich küssende Frauen);
aber Kunst darf Alles innerhalb einer Kunstäußerung! Dabei spielt seine
besondere Darstellungsästhetik von „schrecklich-schön“ eine virulente
Rolle. „Helnweins Bilder sind aggressiv und erhaben zugleich. Sie sind
abstoßend und von einer verführerischen Schönheit“, schreibt Klaus
Albrecht Schröder.4 Bilder verfügen durch ihre Ästhetik über ein
besonderes Vermögen, die Welt zu berühren, wahrzunehmen und sie auch
anzuklagen, über das Elias Canetti so eindringlich in seinen Memoiren
nach einem Besuch in Kunsthistorischen Museum in Wien schreibt: „Den ein
Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, dass es einen
besseren Weg gibt.“5 Die Bilder von Gottfried Helnwein erzählen und
zeigen uns diesen Weg!
1 Eine der berührendsten und
gleichzeitig erschreckendsten Auseinandersetzung mit Faschismus und
Nationalsozialismus über die „Reichskristallnacht“ war die komplexe 100
Meter lange Kinderportrait-Installation „Neunter November Nacht“ vor dem
Museum Ludwig und dem Kölner Dom 1991
2 Gottfried Helnwein: Faces, Edition Stemmle, Schaffhausen 1992
3
Das Zitat wurde der Publikation Gottfried Helnwein, hg. von Elsy Lahner
und Klaus Albrecht Schröder, Hirmer Verlag München 2023, S. 96,
entnommen, die anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschien
4 op.cit., Gottfried Helnwein, S. 7
5 Elias Canetti: Die Fackel im Ohr, Hanser Verlag München Wien, 1980