1. LEBEN
Beckford wurde am 1. Oktober 1759 als Sohn des reichsten Mannes von England in Fonthill (County Wiltshire) geboren und genoss bis zu seinem 18. Lebensjahr eine vorzügliche Ausbildung in Französisch, Latein, Griechisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch sowie in Philosophie, Jura, Physik und Literatur. (Einer bereits frühzeitig einsetzenden Legendenbildung zufolge soll der nur drei Jahre ältere Wolfgang Amadeus Mozart sein Klavierlehrer gewesen sein.) Mit 19 Jahren verliebte er sich in den zehnjährigen William Courtenay, den späteren Earl of Devon, der damals als schönster Junge Englands galt – eine Affäre, die nach ihrer Entdeckung und einer Zeitungskampagne sechs Jahre darauf ein Ende fand; Züge von Courtenay flossen später in die Figur des Gulchenrouz im Vathek ein. Bereits nach dem Tod des Vaters 1770 hatte Beckford dessen großes Vermögen geerbt; nun reiste er durch Europa, lebte vornehmlich in Portugal und erwarb Bücher sowie Kunstgegenstände für seine umfangreiche Privatsammlung.
1782 verfasste Beckford unter dem Einfluss der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, die er im Original lesen konnte, sowie der exotisch-ironischen Erzählungen Voltaires bzw. Anthony Hamiltons in französischer Sprache sein unbestrittenes Meisterwerk, die autobiographische Novelle Vathek, eine arabische Erzählung, die 1786 ohne Erlaubnis des Autors unter dem Titel Vathek: An Arabian Tale in seiner Muttersprache Englisch erschien; erst 1787 kam die ursprüngliche Fassung Vathek. Conte Arabe heraus. Vathek, eine weitere Selbststilisierung ihres Verfassers, sowie Beckfords Reserviertheit gegenüber der Gesellschaft und seine exzentrische, dekadente Lebensweise trugen dem Autor den Ruf eines eigenbrötlerischen und mürrischen Genies ein. (So versammelte er in seinem Schloss auf einem riesigen abgezäunten Gelände, auf dem auch Jagden abgehalten wurden, einen ganzen „Harem" knabenhafter Angestellter; darüber hinaus wurden Beckford ein Hang zu sadomasochistischen Orgien und Kenntnisse der schwarzen Magie nachgesagt.) Mit Modern Novel Writing: or, the Elegant Enthusiast und Azemia verfasste der Autor 1796 bzw. 1797 zwei Burlesken zu Liebesromanen. Daneben schrieb er einige Reisetagebücher.
Ende des 18. Jahrhunderts erwarb Beckford das Anwesen Fonthill Abbey und verwandelte es mit Hilfe des führenden Architekten seiner Zeit, James Wyatt, in eine gewaltige gotische Wohnkathedrale mitsamt einem etwa 90 Meter hohen Turm, über zehn Meter hohen Eingangstüren, zahlreichen Geheimtüren und einem 100 Meter langen Eingangsbereich; in den Wohnräumen waren außer in den Sommermonaten permanent 60 Feuer in Betrieb. Zum „Palast der fünf Sinne"gehörte auch eine Parkanlage mit einer etwa fünf Meilen langen Allee. 1800 wurde das künstliche Phantasieschloss, welches erhebliche Ähnlichkeiten zu den Architekturen aus Vathek aufwies, feierlich eingeweiht: neben Künstlern wie Benjamin West, Schriftstellern und Kunsthändlern waren auch Admiral Lord Nelson und seine Frau Emma Hamilton als Ehrengäste geladen. Der Grundsatz des Ästhetizismus, das Leben zu verkünsteln, war hier bestmöglich erfüllt. Auf Fonthill Abbey residierte der Exzentriker fast ein Vierteljahrhundert mit seinen zahlreichen Dienern, „Zwergen", Musikern, Künstlern und Pferden, von seinen ausgesperrten Nachbarn als „Fool of Fonthill" („Narr von Fonthill") misstrauisch beäugt. 1823 musste Beckford Fonthill Abbey für fünf Millionen Dollar verkaufen – zwei Jahre später stürzte das Gebäude in sich zusammen; nur der Nordflügel blieb erhalten – und erstand ein Anwesen in der Nähe von Bath, wo er sein Lansdown Baghdad genanntes Domizil mit einem kleineren Turm errichten ließ. Er starb 84-jährig am 2. Mai 1844 in Bath. Die zu Vathek gehörenden Episoden (französisch Episodes de Vathek, englisch Episodes of Vathek) kamen erst posthum 1909/10 heraus.